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Dr.
phil. Peer Heinelt
Nazi-Denkmäler, aufpoliert
In der Schwarzwaldhauptstadt Freiburg fühlt
sich der Geschichtsrevisionist wohl
Mit dem Slogan “Freiburg hat, was alle suchen”
warb die Stadt im Breisgau noch bis vor nicht allzu langer Zeit
um Touristen. Gemeint waren wohl in erster Linie Radfahrer, Wanderer,
Sonnenanbeter, Gourmets und die Freunde mittelalterlicher Architektur,
aber auch derjenige, der sich nicht damit abfinden mag, daß
das Jahr 1945 tatsächlich stattgefunden hat, findet in und
um Freiburg interessante Ausflugsziele. Einige davon sollen im folgenden
vorgestellt werden.
Das Engländerdenkmal
Viele Menschen, die in die selbsternannte “Schwarzwaldhauptstadt”
kommen, zieht es in die Berge; beginnen wir also mit dem Freiburger
“Hausberg”, dem Schauinsland (1284 m). Unweit des Gipfels
befindet sich das sogenannte Engländerdenkmal. Es besteht aus
Granit, hat die Form eines megalithischen Tores und erinnert deshalb
entfernt an eine schlechte Stonehenge-Miniatur; errichtet wurde
es 1938 im Auftrag der Hitlerjugend (HJ) zum Gedenken an fünf
englische “Sportkameraden”, die hier zwei Jahre zuvor
ums Leben gekommen waren.
Der jüngste von ihnen war zwölf, die ältesten
waren knapp fünfzehn Jahre alt; sie besuchten verschiedene
Klassen der Strand School im Londoner Stadtteil Brixton. Gemeinsam
mit 21 Mitschülern wollten sie am 17. April 1936 unter Leitung
ihres 27jährigen Deutschlehrers und Boy-Scout-Führers
Kenneth East von Freiburg über den Schauinsland nach Todtnauberg
wandern - ein auch bei gutem Wetter und ohne Gepäck anstrengender
Fußmarsch von mehr als zwanzig Kilometern. Auf dem Schauinsland
herrschte laut Deutschem Wetterdienst “sturmähnliches
Wetter mit Temperaturen um und unter Null bei heftigem Schneefall”;
von entgegenkommenden Waldarbeitern wurde der Gruppe mehrfach zur
Umkehr geraten, zumal die Briten nur mit kurzen Hosen und T-Shirts
bekleidet waren. Allein ihr Anführer ignorierte alle Warnungen
und stachelte statt dessen den sportlichen Ehrgeiz seiner Schutzbefohlenen
an. In der Nähe des Schauinslandgipfels kam dann, was kommen
mußte: Etliche Jungs brachen völlig entkräftet und
unterkühlt zusammen. Hilfe wurde der Gruppe von Bewohnern des
nahegelegenen Dorfes Hofsgrund zuteil, für fünf der Heranwachsenden
aber kam sie zu spät. Die HJ stellte in den Tagen danach eine
“Ehrenwache” neben ihren Särgen auf und eskortierte
die Überführung der Leichen bis zur niederländischen
Grenze.
1938 konnte dann das vom Deutschen Reich und der Stadt
Freiburg finanzierte “Engländerdenkmal” eingeweiht
werden: Auf dem Torbogen prangte das Hoheitszeichen des NS-Staates
(Reichsadler mit Hakenkreuz), in die linke Säule war ein englischsprachiger
Text, in die rechte ein deutschsprachiger gemeißelt worden.
Dieser lautete:
“27 englische Kameraden kamen am 17. April 1936
auf der östlich nach Hofsgrund abfallenden Halde durch nächtlichen
Schneesturm und Nebel in Bergnot. In völliger Erschöpfung
starben hier
Francis Bourdillon *15.10.1923
Alex Jack Eaton *16.6.1921
Pet(er) Har(old) Ellercamp *8.5.1922
Stanley M. Lyons *30.4.1922
Roy Mart(in) Witham *15.11.1921
Die Jugend Adolf Hitlers ehrt das Gedächtnis der englischen
Sportkameraden durch dieses Denkmal.”
Mit Kriegsbeginn war die propagandistische Betonung
des “deutsch-englischen Verständigungswillens”
politisch nicht mehr opportun: Die Inschriften wurden entfernt,
die NS-Insignien blieben. Nach 1945 wiederholte sich dieser Vorgang
unter anderen politischen Vorzeichen in umgekehrter Anordnung; das
Hoheitszeichen des Dritten Reichs wurde entfernt, die Inschriften
wurden in einer “entnazifizierten” Fassung wieder eingemeißelt:
Die “Jugend Adolf Hitlers” war nun die “Jugend
Deutschlands”.
1984 sah es so aus, als ob das Denkmal von alleine
das Zeitliche segnen würde. Nur durch eine konzertierte Aktion
der Stadt Freiburg, des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald und
der Gemeinde Oberried, auf deren Gemarkung der Nazi-Klotz steht,
konnte dessen Verfall verhindert werden; von der Bevölkerung
kamen zahlreiche Spenden. Im Spätsommer 2003 befand sich das
“Engländerdenkmal” erneut in einem beklagenswerten
Zustand, aber auch jetzt konnte schnell Abhilfe geschaffen werden.
Auf Anregung des Ortsvorstehers von Hofsgrund, Lukas Flamm (Freie
Wähler), führte eine Jugendgruppe der Pfarrei eine “Denkmalsputzete”
durch, wie es im putzigen alemannischen Dialekt heißt. Die
Halbwüchsigen befreiten den Granit von Moosen und Flechten
und zogen die eingemeißelten Buchstaben fein säuberlich
mit schwarzer Lackfarbe nach. Weder ihnen selbst noch ihren Anregern
fiel zunächst auf, daß dabei die ursprüngliche Denkmalsinschrift
zum Vorschein kam: Aus der “Jugend Deutschlands” war
wie von Zauberhand wieder die “Jugend Adolf Hitlers”
geworden. Erst nachdem ein Wanderer die Lokalpresse auf den Vorgang
hingewiesen hatte, sah sich der Bürgermeister von Oberried,
Franz-Josef Winterhalter (ebenfalls Freie Wähler), zu einem
Statement genötigt. Öffentlich spekulierte er über
eine “Nacht- und Nebelaktion irgendwelcher völkischer
Gruppen”, mit der man aber selbstverständlich nichts
zu schaffen habe. Seither erfreut der neue alte Nazi-Text das Auge
des Betrachters, denn Stadt, Landkreis und Gemeinde weisen jede
Zuständigkeit für eine Änderung der Inschrift weit
von sich.
Das Heldenviertel
Der Geschichtsrevisionist, dem darob ganz warm ums
Herz geworden ist, begibt sich zurück nach Freiburg und unternimmt
nach einem reichhaltigen badischen Abendessen noch einen kleinen
Spaziergang durch das westlich der Merzhauser Straße gelegene
“Heldenviertel”. Die Siedlung im Stadtteil Wiehre war
1930 als “Arme-Leute-Quartier” konzipiert worden und
wurde 1934 fertiggestellt. Als die Benennung der Straßen des
neuen Viertels anstand, bat Oberbürgermeister Franz Kerber
(NSDAP) den in Ebnet bei Freiburg lebenden Schriftsteller Wilhelm
Kottenrodt alias Wilhelm Kotzde, ihm entsprechende Vorschläge
zu unterbreiten. Kottenrodt, Führer der Artamanen - eines deutschnationalen,
antisemitischen Jugendordens, der Artam, dem Gott der Arier, huldigte
- war sich des hohen ideologischen Stellenwerts seiner Aufgabe bewußt:
“Freiburg muß seine Ehre darein setzen, seinen Bürgern
wie auch den vielen Freunden in jeder Hinsicht ein deutsches Gesicht
zu zeigen, auch in seinen Straßennamen. Die tausendjährige
Wende, welche der Nationalsozialismus unter Führung Adolf Hitlers
soeben einläutet, fordert auch auf diesem Gebiet ein Bekenntnis
... ein Bekenntnis, das jedem Kinde sichtbar sein muß.”
Es war ein Bekenntnis zu Krieg und Vernichtung, wie
jedes Kind sehen konnte - die elf Straßen des Quartiers wurden
nach Militärs und Schlachtorten des Ersten Weltkriegs und deutschnationalen,
völkischen Schriftstellern benannt. Zu Ehren kamen: die Jagdflieger
Manfred von Richthofen, Max Immelmann und Oswald Boelcke, der U-Boot-Kommandant
Otto Weddigen, der Flottenbefehlshaber Admiral Graf Spee und der
General der Artillerie, Max von Gallwitz. Alle waren zu Lebzeiten
bekennende Militaristen; letzterer war außerdem Freiburger
Ehrenbürger und von 1920 bis 1924 Reichstagsabgeordneter der
Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Die Nazis erschienen ihm,
wie er seinem Tagebuch im November 1933 anvertraute, zwar als etwas
proletenhaft, mit ihrem Führer aber hatte er keine Probleme:
“Hitler selbst erkennen wir hoch an.” In Form von Straßennamen
verewigt wurden des weiteren die Schlachtorte Langemarck und Skagerrak,
wo 1914 bzw. 1916 tausende Soldaten in den Tod gehetzt worden waren,
sowie die “Heimatdichter” Hermann Löns (“Der
Wehrwolf”), Johann Kinau alias Gorch Fock und Walter Flex.
Letzterer hatte 1917 in seinem Werk “Der Wanderer zwischen
beiden Welten” seine Leser aufgefordert, die “Schwerter
nach Polen tief hinein” zu stoßen; wenn dann “vom
Gräbergraben ... die Hände müd’” würden,
gelte: “Wen schert’s! Wir soll’n die Ahnen lachender
Enkel sein.”
Nach 1945 nutzten die französischen Streitkräfte
einen Großteil der Siedlungshäuser zur Unterbringung
ihrer Angehörigen und deren Familien; mit den Straßennamen
arrangierte man sich. Erst 1984, während andere um den Erhalt
des “Engländerdenkmals” rangen, stellte die SPD-Fraktion
im Freiburger Gemeinderat einen Antrag auf Umbenennung der Straßen
des “Heldenviertels”. Nur hatten die wackeren Genossen
die Rechnung ohne ihren Wirt gemacht - der hieß Rolf Böhme,
war Oberbürgermeister und zeigte ihnen die kalte Schulter.
Das Ergebnis der in diesem Zusammenhang geführten Diskussionen
war die Anbringung einer kleinen Blechtafel an der Ecke Merzhauser
Straße/Admiral-Spee-Straße - eingezwängt zwischen
einer Telefonzelle und einem Stromverteilerkasten. Der Tafeltext
machte aus den Kriegshetzern und Schlächtern “Tote”,
deren Namen “für die Zwecke des nationalsozialistischen
Unrechtsstaats mißbraucht” wurden, während sie
in Wirklichkeit zu “Frieden und Völkerverständigung”
mahnen.
In den folgenden Jahren wurde immer wieder die Umbenennung
der Straßen des Quartiers gefordert, weshalb sich der aus
dem Amt scheidende OB Böhme anno 2002 genötigt sah, diese
mit Erläuterungen (Legenden) versehen zu lassen. Mitarbeiter
des Stadtarchivs formulierten äußerst knappe Texte darüber,
wer den Straßen wann welche Namen gegeben hatte; Angaben über
die Wirkungsgeschichte der so verewigten Personen und die Opfer
des von ihnen repräsentierten Militarismus und Imperialismus
sucht man darin vergeblich. Als Dieter Salomon (Bündnis 90/Die
Grünen) am 1. Juli des gleichen Jahres die Nachfolge Böhmes
antrat, sah er sich deshalb prompt von neuem mit Protesten konfrontiert.
Bereits ein knappes halbes Jahr später war er die Auseinandersetzung
leid und ließ die unter seinem Vorsitz tagende “Straßenbenennungskommission”
des gemeinderätlichen Kulturausschusses erklären, daß
die Legenden wieder entfernt werden, die Straßennamen aber
bleiben: Zwar seien die mit ihnen dokumentierten Ereignisse und
Personen “aus heutiger Sicht nicht mehr rühmenswert”,
jedoch stellten sie “Denkmale des geschichtlichen Wandels”
dar und müßten als solche konserviert werden. Wie ein
Leserbriefschreiber daraufhin in der Badischen Zeitung anmerkte,
müssen “den Kommissionsmitgliedern diejenigen, die nach
1945 Adolf-Hitler-Straßen und -Plätze umbenannten, als
moderne Bilderstürmer erscheinen, beseitigten sie doch zuhauf
solcher Art Denkmale”.
Der Lange Weg in Breisach
Der Geschichtsrevisionist weiß spätestens
jetzt, daß Freiburg all das hat, was er schon lange sucht.
Er geht befriedigt zu Bett und unternimmt am nächsten Tag gut
gelaunt einen Ausflug an den deutschen Rhein (am anderen Ufer liegt
Frankreich). Im Grenzort Breisach bietet sich ihm ein großartiger
Anblick:
Die dortige NS-Stadtverwaltung beschäftigte im
Jahr der “Machtergreifung” Arbeitslose mit der Sanierung
der Auffahrt zum Münster (es handelt sich um den kleinen Verwandten
des gleichnamigen Freiburger Baus). Zum Abschluß ihres “ersten
großen Werks” ließ sie ein riesiges, in einem
Kreis befindliches Hakenkreuz nebst der Jahreszahl 1933 mit farbigen
Steinen in das Straßenpflaster des “Langen Wegs”
einlegen. Das Hakenkreuz mußte 1945 auf Befehl der französischen
Besatzungsmacht entfernt werden, ist bei günstigem Lichteinfall
aber heute noch als Schattierung sichtbar; Kreis und Jahreszahl
wurden gar nicht erst angetastet, sondern werden seither gepflegt.
Nun begab es sich aber, daß Nachkommen von Überlebenden
der Shoa aus den USA auf Einladung der jüdischen Gemeinde im
Juni 2003 in Breisach weilten und beim Anblick der faschistischen
Intarsie - gelinde gesagt - schockiert waren. Die Stadtverwaltung
ließ daraufhin eilends eine Hinweistafel anbringen, auf der
das Nazi-Denkmal zum antifaschistischen Stolperstein umgelogen wird:
Es erinnere “an den Beginn des NS-Regimes und damit an eines
der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte und seine Opfer”.
Wer wie der Freiburger Andreas Meckel weiterhin die Beseitigung
fordert, muß sich von den Breisachern einiges anhören:
Stadtarchivar Uwe Fahrer warf ihm vor, an der “vorsätzlichen
Zerstörung eines Kulturdenkmals” mitzuwirken; im Gemeinderat
bescheinigte man Meckel unlängst wahlweise ein “verschobenes
Geschichtsbewußtsein” (Bernd Jungel, CDU), ein “unangemessenes
Vorgehen” (Ulrich Sartorius, SPD) oder einen “beschränkten
Horizont” (Rüdiger Groh, FDP/Freie Wähler).
Ohnehin ist der geschichtspolitische Aktivist des
“Vereins gegen das Vergessen und für Demokratie”
nicht sonderlich beliebt, hat er doch dem zu Breisach gehörenden
Tunibergdorf Oberrimsingen erst Ende 2003 einen herben Verlust beigebracht:
Auf seine Initiative wurde nach 60 Jahren das auf dem dortigen Friedhof
liegende “Ehrengrab” des SS-Unterscharführers Josef
Schillinger beseitigt. Schillinger hatte in Auschwitz-Birkenau KZ-Häftlinge
in die Gaskammern geprügelt und war dabei am 23. Oktober 1943
von einer jungen Jüdin, die ihm zuvor seine Dienstwaffe entrissen
hatte, erschossen worden. Wenige Tage später wurde die Leiche
mit großem militärischen Pomp in seiner Heimatgemeinde
beigesetzt.
Der Geschichtsrevisionist beschließt, sich auch
fürderhin nicht von einzelnen Nestbeschmutzern irritieren zu
lassen und kehrt zurück nach Freiburg. Zum Abschluß seines
Aufenthalts unternimmt er noch eine Wanderung auf den Spuren der
eingangs erwähnten englischen Boy Scouts von 1936. Der Aufstieg
beginnt im Stadtteil Günterstal, und hier lockt auch gleich
die Einkehr bei Hans Filbinger, seines Zeichens mörderischer
NS-Marinerichter a. D., Ministerpräsident von Baden-Württemberg
a. D., Spiritus rector des neofaschistischen “Studienzentrums
Weikersheim” und graue Eminenz der Landes-CDU. Sollte sich
unser Wandersmann für seinen Besuch den 15. September ausgesucht
haben, darf er dem Hausherrn zum Geburtstag gratulieren. Ob der
grüne Oberbürgermeister denn auch schon Glückwünsche
übermittelt habe, könnte eine Frage an den hochbetagten
Jubilar (91) lauten. “Ach, wissen Sie”, wird Filbinger
achselzuckend antworten, “letztes Jahr wollte Salomon meine
‘großen politischen Verdienste’ würdigen,
aber nicht dazu Stellung nehmen, welches ‘Maß an Schuld’
mir zuzurechnen sei. Seither lege ich keinen Wert mehr auf die Gratulation
dieses Herrn”.
Veröffentlicht in: Konkret, Nr. 9, 2004,
S. 42f.
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- Stand: Dezember 2004 |
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