| Dr.
phil. Peer Heinelt
Vorbild Wehrmacht
Die Wehrmacht gehörte zu den Vollstreckern
des nationalsozialistischen Terrors, ihre "Tugenden" werden
auch bei der Bundeswehr wieder salonfähig
Es waren ehemalige Nazi-Generäle, die nach dem
Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Bundesrepublik
Deutschland die Bundeswehr aufbauten. Sie waren es auch, die den
Mythos in die Welt setzten, die Wehrmacht sei “sauber“
geblieben: Ihre Angehörigen hätten keine Kriegsverbrechen
begangen, dem NS-Regime mehrheitlich ablehnend, zumindest aber reserviert
gegenübergestanden und lediglich ihre “soldatische Pflicht”
erfüllt. Die Generäle beabsichtigten zweierlei: Zum einen
wollten sie ihre eigene massenmörderische Vergangenheit und
die ihrer “Kameraden” vertuschen; zum anderen sollten
die in der Wehrmacht praktizierten “ewigen soldatischen Tugenden”
- Treue, Gehorsam, Pflichterfüllung und Kameradschaft - nun
auch zur ideologischen Grundlage der Bundeswehr werden.
Der “Kämpfertyp”
Offiziell gilt bei der Bundeswehr das Leitbild des
“Staatsbürgers in Uniform”, der sich durch Verfassungspatriotismus,
Demokratiefähigkeit und selbständiges Denken auszeichnet.
Aber je öfter und je länger wieder Krieg geführt
wird, desto wichtiger werden die Wehrmachtstugenden. Das Institut
für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität
Hamburg stellte kürzlich folgendes fest:
“Unter der Devise ‘Kampfmotivation’
haben politische und militärische Führung ... in weiten
Teilen der Bundeswehr in bewusster Abgrenzung vom gesellschaftlichen
Wertepluralismus ein traditionell geprägtes militärisches
Selbstverständnis durchgesetzt. Ihren vorläufigen Kulminationspunkt
fand diese Gegenreform in der ‘neotraditionalistischen’
Etablierung eines ‘Kämpfer-Kultes’, der die Kriegstüchtigkeit
der Bundeswehr als Maß aller Dinge definierte. Der Soldat
als kriegsnah ausgebildeter, allzeit bereiter, selbstlos dienender
und unbedingt gehorchender Kämpfertyp wird zur fraglos akzeptierten
Norm.” (Frankfurter Rundschau v. 11.03.2004)
Kriegserfahrung(en)
Wer Krieg führt, muss damit rechnen, andere zu
töten und selbst getötet zu werden, andere zu verletzten,
zu verstümmeln und zu traumatisieren oder selbst verletzt,
verstümmelt und traumatisiert zu werden. Die Führungskader
der Bundeswehr haben damit in der Regel kein Problem, wohl aber
diejenigen Offiziere und Mannschaftsdienstgrade, die ihre Haut auf
dem “Feld der Ehre” - dem Schlachtfeld - zu Markte tragen
und dabei den Finger am Abzug haben: Ihnen muss die Angst genommen,
eine krankhafte und krankmachende Situation als erträglich
und handhabbar vermittelt werden. Der Wehrmacht sei dies in geradezu
vorbildlicher Weise gelungen, meint das “Zentrum Innere Führung”
der Bundeswehr und zitiert folgende Passage aus den “Erinnerungen
eines Kriegsteilnehmers”:
“Der junge russische Offizier! Am frühen
Morgen ... stand er plötzlich da. (...) Spielerisch, wie Kinder
sich einen Ball zuwerfen, ließ er die kleine Stabhandgranate
aus seiner Hand in meine Richtung gleiten. Aber indem sie, links
hinter mir den Hang hinunterrutschend explodierte, hatte ich den
Karabiner im Anschlag und traf. Dieser russische Offizier ist meines
Wissens der einzige Gegner, den ich tödlich traf. So ist er
der Gefährte meines Lebens geworden. Ich bin noch manchmal
mit ihm im Gespräch. (...) Meine Beziehung zu ihm ist so eng,
dass ich unbewusst ihm einen Namen gab. (...) Und ... wir halten
es miteinander aus.” (Zentrum Innere Führung, Umgang
mit Verwundung und Tod im Einsatz, Arbeitspapier 2/96, 4. Auflage,
Koblenz 2000)
Die auch in den Traditionsvereinigungen von Wehrmachts-
und Bundeswehrangehörigen gepflegte “Kameradschaft”
gilt dem “Zentrum Innere Führung” als zentrale
“soldatische Tugend”, die “besonders hervorzuheben
und in der Ausbildung einzufordern” sei. Sie soll dem einzelnen
Soldaten dabei helfen, seine traumatischen Kriegserlebnisse zu bewältigen:
“Jeder Soldat muss wissen, dass keiner im Stich gelassen wird”,
lautet die Parole.
Missbrauch der NS-Opfer
Die Wehrmacht gehörte zu den Vollstreckern des
nationalsozialistischen Terrors - dessen Opfer werden heute von
der Bundeswehrführung ein weiteres Mal gedemütigt. Ganz
offen sollen die ihnen zugefügten Leiden für die Zwecke
der Kriegsführung ausgebeutet werden:
“Am 3. Februar 2004 sollte im Rahmen der Wehrmachtsausstellung
im Hamburger Metropoliskino eine Veranstaltung zum Thema ‘Leben
mit dem Massengrab - Werden Bundeswehrsoldaten auf psychische Belastungen
bei Auslandseinsätzen vorbereitet?’ stattfinden. (...)
Bundeswehr und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme wollten während
dieser Begleitveranstaltung ... gemeinsam erörtern, ‘inwieweit
Soldaten auf die zunehmenden Auslandseinsätze vorbereitet werden’
- unter besonderer Berücksichtigung des Umgangs mit ‘posttraumatischen
Syndromen nach Kriegseinsätzen’ ..."
(Konkret 3/2004)
Antifaschistische Gruppen verhinderten die Veranstaltung.
Die beabsichtigte Instrumentalisierung der NS-Opfer für die
aktuelle deutsche Großmachtpolitik stellt ihrer Einschätzung
nach “eine neue Stufe deutscher Schamlosigkeit” dar.
Schamlos war und ist auch die Orientierung am Vorbild Wehrmacht.
Veröffentlicht in: Mittenwalder Landbote,
Sonderausgabe, S. 4.
Zu
dieser Ausgabe der Zeitung
Nach oben - Vorherige
Seite - Home - Impressum
- Stand: Dezember 2004 |