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Dr.
phil. Peer Heinelt
Portrait eines Schreibtischtäters
Franz Ronneberger (1913-1999)
„Schreibmaschinentäter“ nannte Otto
Köhler die von ihm identifizierten „unheimlichen Publizisten“
des Dritten Reichs. In bezug auf das 1999 verstorbene Ehrenmitglied
der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft
(DGPuK), Franz Ronneberger, greift der Begriff jedoch zu kurz. Ronneberger
gehörte nicht nur zu den Propagandisten des NS-Regimes, er
war ebenso an der systematischen Erarbeitung der informationellen
Grundlage der NS-Propaganda beteiligt wie an der Schaffung der wissenschaftlichen
Basis für die nationalsozialistische Kriegs-, Ausbeutungs-
und Vernichtungspolitik. Die von ihm in diesem Zusammenhang entwickelten
Vorstellungen über die Funktionsweise und Wirkungsabsicht der
Massenmedien decken sich mit denen, die er nach dem Ende des Dritten
Reichs in der Bundesrepublik Deutschland zu Papier brachte. Diese
Thesen sollen im folgenden anhand seiner Biographie belegt werden.
Aussagekräftiges Quellenmaterial zu Ronnebergers
Karriere im Dritten Reich findet sich in verschiedenen deutschen
und österreichischen Archiven: Herangezogen wurden der von
der NSDAP-Gauleitung Wien angelegte Gauakt 90457, der im Österreichischen
Staatsarchiv, Abteilung Archiv der Republik, aufbewahrt wird, sowie
die ebenfalls hier vorhandenen Akten der Reichsstatthalterei Baldur
von Schirach und des Kurators der wissenschaftlichen Hochschulen
in Wien. Im Bundesarchiv Berlin findet sich eine Personalakte über
Ronneberger (Bestand des ehemaligen Berlin Document Center); diese
wurde ebenso eingesehen wie die hier vorhandenen Aktenbestände
des Reichssicherheitshauptamts (R 58) und der Südosteuropa-Gesellschaft
in Wien (R 63). Hinzu kamen verschiedene Akten der Abteilung DVIII
bzw. Inland II C, der Presseabteilung und des Referats Partei des
Auswärtigen Amts im Politischen Archiv des AA sowie der Briefwechsel
zwischen Ronneberger und dem Südosteuropaforscher Fritz Valjavec,
der im Südost-Institut München der wissenschaftlichen
Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Die im Bundesarchiv
Koblenz vorliegende Akte über das Spruchkammerverfahren gegen
Ronneberger in den Jahren 1947 und 1948 (Z 42 VII/1455) ist nur
von bedingter Aussagekraft, da sie über weite Strecken lediglich
die Ausflüchte des Angeklagten dokumentiert.
Daß ich mich bei meiner Darstellung der NS-Biographie
Ronnebergers fast ausschließlich auf Archivalien stütze,
hat Gründe: Während Ronneberger in neueren Forschungsarbeiten
zur Wissenschafts- und Kulturpolitik des Dritten Reichs allenfalls
am Rande vorkommt, bestimmte er im Rahmen der bundesdeutschen Kommunikationswissenschaft
die Aussagen über seine NS-Vergangenheit weitgehend selbst.
Seine apologetische Sichtweise wurde von Kollegen, Schülern
und Adepten in Festschriften, Würdigungen und Nachrufen vorbehaltlos
übernommen. Was allerdings den Lebensweg Ronnebergers in der
Bundesrepublik betrifft, stellen Äußerungen dieser Art
eine wichtige Quelle dar: An diesem Punkt der Biographie angekommen,
mußte nichts mehr vertuscht oder schöngeredet werden,
vielmehr konnte man sich im Glanz der interdisziplinären Karriere
eines renommierten Wissenschaftlers sonnen. Im ersten Teil der vorliegenden
Arbeit wird in aller gebotenen Kürze versucht, den beruflichen
Werdegang Ronnebergers im Dritten Reich zu rekonstruieren. Der zweite
Teil wird dann seine bundesdeutsche Biographie zum Inhalt haben.
Teil 1 - Der NS-Intellektuelle
1944, auf dem Höhepunkt seiner Karriere im Dritten
Reich, führte der 31 Jahre alte Ronneberger mehrere parteiamtliche
Dienstbezeichnungen und übte etliche verschiedene Funktionen
aus: Er war SS-Untersturmführer und hauptamtlicher Mitarbeiter
des Wiener SD, Gauhauptstellenleiter im Grenzlandamt der NSDAP-Gauleitung
Niederdonau und Leiter der Außenstelle Südost der Reichsstudentenführung.
Er leitete die Korrespondenzstelle Wien des Auswärtigen Amtes
(Dienststelle Dr. Ronneberger) und den Nachrichtendienst der Südosteuropa-Gesellschaft
(SOEG). Er war Dozent der Südost-Stiftung des Mitteleuropäischen
Wirtschaftstages an der Hochschule für Welthandel in Wien,
wissenschaftlicher Mitarbeiter der Union Nationaler Journalistenverbände
(UNJ), des ‘Völkischen Beobachters’ und anderer
NS-Medien. Stellvertretend leitete er die Publikationsstelle Wien
der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft (SODFG), die dem
Reichssicherheitshauptamt (RSHA) unterstellt war. Wie es zu dieser
Ämterhäufung kam, soll im folgenden skizziert werden.
Aufstieg eines Studentenfunktionärs
1932, als Jurastudent in Kiel, begann Ronneberger,
sich im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB)
zu engagieren, wofür ihm nach der Machtübertragung an
die Nationalsozialisten das Silberne Ehrenzeichen der faschistischen
Studentenorganisation verliehen wurde. Ronneberger interessierte
sich zunehmend für sogenannte Volkstumspolitik, deren Ziel
es war, mit Hilfe der Mobilisierung deutschstämmiger Minderheiten
(Volksdeutsche) in Europa eine an ethnischen Kriterien orientierte
Staatenordnung unter deutscher Führung zu etablieren. Anfang
1934 entschloß er sich zum Umzug nach München, wo 1930
das ‘Institut zur Erforschung des Deutschtums im Süden
und Südosten’ entstanden war, für das sich ab 1935
der Begriff ‘Südost-Institut’ (SOI) einbürgerte.
Mit dem Mitarbeiter und späteren Geschäftsführer
des SOI, Fritz Valjavec, sollte Ronneberger in den folgenden Jahren
eine enge wissenschaftliche, politische und persönliche Beziehung
verbinden.
Im Verlauf des Wintersemesters 1934/35 übernahm
Ronneberger die Leitung des Außenamtes der Studentenschaft
der Universität München. Das Außenamt hatte die
Aufgabe, „die Studierenden, die beabsichtigen, ins Ausland
zu gehen, zu schulen und darauf vorzubereiten, daß sie draußen
das Deutschtum sauber vertreten. Es kann kein deutscher Student
in Zukunft an einer ausländischen Hochschule zugelassen werden,
der nicht durch diese Schulung bereits ein Halbjahr vorher erfaßt
wurde“, hieß es in der Selbstdarstellung der Körperschaft.
Geschult wurden die Münchner Studierenden in sogenannten studentischen
Arbeitsgemeinschaften unter anderem von Fritz Valjavec, der dort
über ‘Das Deutschtum in Südost-Europa’ oder
‘Organisationsformen des Auslandsdeutschtums’ sprach.
Ronneberger schrieb 1944 rückblickend über das von ihm
geleitete Außenamt, daß „im Rahmen dieser Dienststelle
[die] Zusammenfassung und Lenkung des gesamten politischen und wissenschaftlichen
Einsatzes der deutschen Studentenschaft in Südosteuropa“
erfolgt sei.
Im Verlauf des Jahres 1936 begannen Ronneberger und
Valjavec mit dem Aufbau eines ‘Süd-Ost-Presseberichtes’.
Nachdem sich eine der Arbeitsgemeinschaften des Außenamtes
bereits mit der Beobachtung der ‘Auslandspresse’ befaßte,
wurden jetzt auch die Publikationen der deutschstämmigen Minderheiten
in Südosteuropa systematisch ausgewertet. Man wollte nicht
nur wissen, was im Ausland über Nazideutschland gedacht wird,
sondern auch über den Stand der nationalsozialistischen Mobilisierung
bei den Angehörigen der deutschen Volksgruppen informiert sein.
Elisabeth Noelle-Neumann gibt an, Ronneberger habe 1936 mit ihr
zusammen die Lehrveranstaltungen des Zeitungswissenschaftlers Karl
d’Ester in München besucht; sie selbst habe als Zellenleiterin
der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANST),
einer Unterorganisation des NSDStB, die Arbeitsgemeinschaft ‘Presseanalyse’
geleitet.
Am 1. Januar 1937, im Jahr seines Eintritts in die
NSDAP, wurde Ronneberger zum Leiter der ‘Außenstelle
Südost’ der Reichsstudentenführung ernannt; Valjavec
erhielt das ebendort angesiedelte ‘Ungarnreferat’. Die
Reichsstudentenführung (RSF) war im November 1936 aus der Zusammenfassung
der Spitzen von Deutscher Studentenschaft und NSD-Studentenbund
entstanden. SS-Obersturmbannführer Gustav Adolf Scheel wurde
am 5. November 1936 zum Reichsstudentenführer berufen durch
Ernennung zum Führer des NSDStB von Seiten der NSDAP und zum
Reichsführer der Deutschen Studentenschaft von Seiten des Staates.
Ronnebergers Pressebericht erschien fortan in seinem Namen.
Im Sommer 1938 übernahm Ronneberger ein weiteres
Amt der ‘studentischen Außenarbeit’; am 1. Juli
löste er Helmut Bauersfeld als Leiter der Deutschen Akademischen
Auslandsstelle München ab. Der Zweck dieser Einrichtung des
Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) bestand darin, durch
Vorträge, Führungen, Betriebsbesichtigungen, Arbeitsgemeinschaften
über ‘Gegenwartsfragen’, gesellschaftliche Veranstaltungen
und Ausflüge den in München studierenden Ausländern
den „Anschluß an das geistige und wissenschaftliche
Leben in der Hauptstadt der Bewegung“ zu erleichtern. Die
Aufgabenstellung der Institution legt nahe, daß Ronneberger
in seiner neuen Funktion unter anderem einen Besuch des KZ Dachau
anregte, den er dem Öffentlichen Ankläger am Spruchgericht
Stade ausführlich geschildert hat. Daß Ronneberger bei
diesen Einlassungen so viel Wert darauf legte, keine politischen
Häftlinge, sondern lediglich „Arbeitsverweigerer“
und „Gewohnheitsverbrecher“ im KZ Dachau gesehen zu
haben, läßt den Schluß zu, daß er das KZ
im Zusammenhang mit der Aktion ‘Arbeitsscheu Reich’
aufsuchte. Im Rahmen dieser Aktion verhafteten Geheime Staatspolizei
und Kriminalpolizei in den Monaten März und Juni des Jahres
1938 mehr als 10000 Angehörige subproletarischer Schichten
sowie Sinti und Roma (‘Asoziale’) und wiesen sie in
die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau ein.
Die dort bisher dominierenden politischen Häftlinge wurden
zur Minderheit. Zur Aktion ‘Arbeitsscheu Reich’ gehörte
auch die Propaganda gegen ‘Arbeitsverweigerer’ und ‘Gewohnheitsverbrecher’;
gerne führte man ausländischen Gästen die internierten
‘asozialen Elemente’ und ‘jüdischen Verbrechertypen’
vor.
Ronnebergers wissenschaftliche Entwicklung ging mit
seiner politischen Entwicklung einher; beides war untrennbar miteinander
verflochten. Die von ihm repräsentierte ‘Südostforschung’
stand stets unter dem Primat der nationalsozialistischen Politik.
Dies zeigte sich bereits 1935/36 beim 1. Reichsleistungskampf der
Studenten, als er gemeinsam mit vier Jurakommilitonen die Arbeit
‘Die ordnende Kraft der völkischen Idee im südosteuropäischen
Raum’ vorlegte. Der von Franz Alfred Six organisierte Wettbewerb
stand unter dem Motto: „Nur Nationalsozialisten können
nationalsozialistische Wissenschaft gestalten.“ Da Ronneberger
als Leiter des ‘Südostbewertungsausschusses’ nicht
seine eigene Arbeit bewerten konnte, übertrug er kurzerhand
Valjavec diese Funktion. Dieser und Gustav Fochler-Hauke, ein Schüler
des Geopolitikers Karl Haushofer, beurteilten Ronnebergers Arbeit
übereinstimmend als „pol[itisch]-wissensch[aftlich] und
prakt[isch]-pol[itisch] wertvoll“. In seiner Dissertation
‘Südosteuropa im politischen Ordnungsbild Bismarcks’
von 1938 bemühte er sich, die Außenpolitik des Reichskanzlers
als Vorwegnahme völkischer Großraumpolitik darzustellen.
Pressearbeit und ‘Südostforschung’
Zur Jahreswende 1938/39 war Ronneberger in den an
Südosteuropa interessierten Kreisen der nationalsozialistischen
Nomenklatura kein Unbekannter mehr: Er gab einen Pressebericht über
Südosteuropa heraus und unterhielt gute Kontakte zu den faschistischen
Volksgruppenführern Fritz Fabritius (Rumänien), Franz
Basch (Ungarn) und Franz Karmasin (Slowakei). Im Frühjahr 1939
holte ihn SS-Obergruppenführer Arthur Seyß-Inquart, Reichsstatthalter
für das Deutschland ‘angeschlossene’ Österreich,
in seinen Mitarbeiterstab nach Wien; Ronneberger behielt seine Funktion
bei der Reichsstudentenführung. Man beauftragte ihn mit dem
„Aufbau einer Dienststelle zur Erforschung des Pressewesens
in Südosteuropa und der laufenden Presse- und politischen Berichterstattung“.
Wieder gab Ronneberger einen ‘Pressebericht’ heraus
- von Valjavec als „schlechthin führend“ bezeichnet
- und begann mit dem Aufbau eines Netzes von Verbindungsleuten in
Südosteuropa, die wahlweise als Agenten, Korrespondenten oder
wissenschaftliche Mitarbeiter bezeichnet werden können.
Nach Ronnebergers Aussage erfolgte im Laufe des Jahres
1940 die „Übernahme“ seiner Dienststelle durch
das Auswärtige Amt (AA), wo man bereits kurz nach dem Amtsantritt
Ribbentrops 1938 begonnen hatte, sich mit der Einrichtung eines
‘Südost Nachrichtendienstes’ zu befassen. Nachrichten
aus Südosteuropa sollten in Wien gesammelt und ‘bearbeitet’
werden, um damit einerseits die in Berlin und Wien ansässigen
Korrespondenten neutraler Staaten und andererseits die ‘Verteilerstationen
in allen Hauptstädten des Südostens’ zu beliefern.
Durch die Lancierung von Pressemeldungen erhoffte man sich, daß
neutrale Medien diese aufnehmen und verbreiten würden; die
Meldungen konnten dann von der deutschen Auslandspropaganda wiederum
zitiert und als Beleg für die Seriosität der eigenen Aussagen
herangezogen werden. Am 16. November 1939 teilte der stellvertretende
Leiter der Presseabteilung des AA, Paul Karl Schmidt, dem zuständigen
Referenten Günter Lohse mit, daß Außenminister
Ribbentrop die Genehmigung zur Errichtung eines ‘Südost-Dienstes’
gegeben habe. Versehen war das Einverständnis des Ministers
allerdings mit der „strikten Weisung“, daß „Wien
in keiner Weise als Zentrale oder besonders wichtige Arbeitsstelle
in Erscheinung treten“ dürfe. Die fünf Tage später
in Berlin gegründete Südost-Dienst GmbH war, so Lohse,
„zwar nach aussen hin eine private Gesellschaft, in Wahrheit
aber eine vom Auswärtigen Amt ressortierende und für den
Krieg geschaffene Gesellschaft zur Durchdringung des neutralen Südostens
und des Orients mit deutschen Nachrichten“, die unter dem
Namen ‘Transkontinent Press’ erschienen. Ihre Verbreitung
erfolgte zunächst über das Korrespondentennetz der Wiener
Zeitschrift ‘Südost-Echo’, das dem AA seinerseits
zur Informationsgewinnung diente.
Neben der Südost-Dienst GmbH unterhielt das Auswärtige
Amt einen ‘Eigendienst’, der durch tägliche Telefonate
mit den deutschen Botschaften in Budapest, Belgrad, Sofia, Bukarest
und Athen die „schnelle amtliche Unterrichtung der Presseabteilung
über die Haltung der Presse dieser Länder“ gewährleistete.
Das ‘Büro Ronneberger’ sollte „auf Grund
langjähriger Verbindungen zu den Ländern des Südostens,
auch zu Provinzstädten“ die „presse-politische
Sonderaufgabe“ erfüllen, „Nachrichten jeder Art
aus dem Südosten aufzunehmen und der aussenpolitischen Leitung
des Reiches zur Verfügung zu stellen“; gefragt waren
insbesondere „stimmungsmässig wichtige Berichte“.
Begründet wurde die Mehrzahl der unabhängig von einander
arbeitenden Nachrichtendienste damit, daß „bei der Verschiedenartigkeit
der speziellen Aufgabenstellungen eine ausserordentlich breite Basis
für die Nachrichtenhereinnahme geschaffen wird, die eine Kontrolle
über die Richtigkeit und volle Zuverlässigkeit der Nachrichten
auf den verschiedenen Wegen ermöglicht“. Zudem sei „bei
Eingriffen von Regierungen im Südosten gegen die eine oder
andere Einrichtung“ nicht gleich „die Lahmlegung des
gesamten Nachrichtenapparates in dem betreffenden Lande“ zu
befürchten. Anfang 1940 erhielt Ronnebergers Dienststelle monatlich
RM 2500 von der Presseabteilung und RM 2000 von der Personalabteilung
des AA. Offiziell allerdings war Ronneberger Chef der Presse- und
Informationsabteilung im Grenzlandamt der NSDAP-Gauleitungen von
Wien und Niederdonau und gehörte als Gauhauptstellenleiter
zum Korps der politischen Leiter der NSDAP. Der Leiter des Grenzlandamtes,
SS-Hauptsturmführer Helmut Triska, wechselte Ende 1940 in die
Abteilung DVIII (Volkstumspolitik) des Auswärtigen Amts.
Nach Angaben Ronnebergers umfaßten die Arbeiten
seiner Korrespondenzstelle - neben der von ihm bei dieser Gelegenheit
nicht genannten Auswertung und Weiterleitung von Agentenberichten
- folgende Aufgabenbereiche:
die Erstellung von Presseschauen südosteuropäischer
Zeitungen „mit besonderer Betonung der für die Kriegführung
wesentlichen Momente“,
das Verfassen von Berichten über einzelne südosteuropäische
Staaten,
die Einrichtung eines Übersetzungsdienstes,
das Führen einer Personenkartei und einer Sachkartei
„der wichtigsten Institutionen Südosteuropas vor allem
der politischen Organisationen“ sowie
die Unterhaltung einer Bibliothek „des südosteuropäischen
und des europäischen Schrifttums über Südosteuropa,
unter besonderer Bevorzugung von Soziologie, neuer Geschichte und
Wirtschaft“.
Auf Anfrage erstellte die Korrespondenzstelle Wien
auch Analysen über Spezialthemen; zu den Abnehmern Ronnebergers
gehörten neben dem AA sowie anderen Ministerien und Behörden
der militärische Geheimdienst, das Amt Ausland/Abwehr beim
Oberkommando der Wehrmacht, und das Reichssicherheitshauptamt (RSHA),
das von Himmler im September 1939 durch die Zusammenfassung von
Gestapo, Kriminalpolizei und SD unter Reinhard Heydrich begründet
worden war.
Ronnebergers wichtigste Tätigkeit im Rahmen seiner
Korrespondenzstelle dürfte allerdings das Abfassen von politischen
Wochenberichten über Südosteuropa gewesen sein. Diese
waren nach Ländern unterteilt und jeweils in zwei Teile gegliedert:
Teil I, die sogenannte Übersicht, gab in Form einer Zeittafel
einen Überblick über die politischen Geschehnisse, die
sich während der zurückliegenden Woche in dem jeweiligen
südosteuropäischen Land zugetragen hatten. Teil II (Presse)
analysierte und bewertete die Berichterstattung über die zuvor
geschilderten Ereignisse im Hinblick auf die innen- und außenpolitische
Situation des jeweiligen Landes. Ronneberger ging es dabei vor allem
um die Loyalität der herrschenden Klassen gegenüber Deutschland;
genau beobachtete er deren interne Machtkämpfe und ihr Verhältnis
zur deutschen Volksgruppe; die antisemitischen Maßnahmen der
Regierungen wurden daraufhin untersucht, ob sie den Ansprüchen
der ‘Rassenhygiene’ genügen. Nach dem Überfall
auf die Sowjetunion interessierte ihn in zunehmendem Maße
der staatliche Umgang mit Kommunisten und Partisanen; gleichzeitig
begann er, die Kriegsfähigkeit der südosteuropäischen
Staaten einzuschätzen, wobei der Umgang der Bevölkerung
mit den Erfordernissen der Kriegsproduktion, ihre Reaktion auf Rationierungen
und die allgemeine Stimmungslage im Vordergrund standen. Die Haltung
der gesellschaftlichen Eliten zu den ‘Feindmächten’,
ihr Verhältnis zur ‘europäischen Großraumwirtschaft’
und zu ihren südosteuropäischen Nachbarn waren weitere
Schwerpunkte von Ronnebergers Berichten.
In der mittlerweile von Baldur von Schirach geleiteten
Reichsstatthalterei wurde man wieder auf Ronneberger aufmerksam.
Dessen Dienststelle war Thema eines Berichts, den HJ-Gebietsführer
Günter Kaufmann, Presse- und Südosteuropareferent des
Reichsstatthalters, am 19. September 1940 für seinen Chef anfertigte:
„Die Arbeit von Dr. Ronneberger dient dazu, eine zweite Information
des Auswärtigen Amtes neben der durch die Gesandtschaft vorzunehmen,
wodurch dem Reichsminister des Auswärtigen solche Dinge als
Mitteilung zu Ohren kommen, die von den Gesandten in ihren Berichten
nicht genannt werden. Es scheint so, als ob die Materialunterlagen
für den Wiener Schiedsspruch zu einem großen Teil aus
dieser Informationsquelle stammen. (...) Auf dem Gebiet der Slowakei,
Nähe der Protektoratsgrenze, befindet sich der Donausender,
ein Propagandasender des Reiches, der ausschließlich in den
Balkansprachen Nachrichten verbreitet. Für diesen Donausender
geht das Informationsmaterial von Dr. Ronneberger und dem Wiener
SD nach Berlin. Zunächst ins Auswärtige Amt, von da in
die Südost-Redaktion des Propagandaministeriums, die die letzte
Entscheidung darüber trifft, in welcher Form Nachrichten herausgegeben
werden.“
Verbunden mit dem Bericht war Kaufmanns Vorschlag
an Schirach, zu prüfen, ob Ronneberger nicht die ‘Informationsstelle’
der Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG) übernehmen sollte.
Dieser eingetragene Verein war am 8. Februar 1940 unter Schirmherrschaft
von Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident Walther
Funk mit Josef Bürckel als Präsident gegründet worden.
Dessen Nachfolger im Amt des Reichsstatthalters und Gauleiters in
Wien, Baldur von Schirach, übernahm im September 1940 auch
die Präsidentschaft über die SOEG; Kaufmann wurde einer
der drei Vizepräsidenten. In Konkurrenz zu dem von Ruhrindustrie,
Großbanken und IG Farben dominierten Mitteleuropäischen
Wirtschaftstag (MWT) und dem Südostausschuß der Reichsgruppe
Industrie hatte man sich die ökonomische Durchdringung der
südosteuropäischen Länder zur Aufgabe gemacht; nach
Art einer Dachgesellschaft sollte die SOEG die Arbeit der an Südosteuropa
interessierten Stellen koordinieren und lenken. Obwohl der Schwerpunkt
ihrer Aktivitäten auf Agrar- und Industrieplanungen im Rahmen
einer zukünftigen von Deutschland dominierten europäischen
‘Großraumwirtschaft’ lag, wurden auch einzelne
konkrete kriegswirtschaftliche und militärische Projekte in
Angriff genommen. Kulturpolitische Aktivitäten, wie die Durchführung
von gemeinsam mit der Deutschen Akademie organisierten Vortragsveranstaltungen
über Südosteuropa, bildeten einen weiteren Arbeitsschwerpunkt
der Gesellschaft.
Die von Ronneberger im Auftrag der SOEG herausgegebenen
‘Vertraulichen Wirtschaftsnachrichten’ (VWN) sind Dokumente
der nationalsozialistischen Eroberungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik
auf dem Balkan und bildeten gleichzeitig deren informationelle Grundlage.
Zwei Beispiele stehen hier für viele: Am 6. Juni 1941, die
Eroberung Kretas durch deutsche Truppen war gerade abgeschlossen,
erschien in den VWN ein Bericht über die ökonomische Struktur
der griechischen Insel. Die sechs Tage später erscheinende
Meldung Nr. 206 der VWN (Tagesbericht) hatte folgenden Wortlaut:
„Die Juden in Sarajevo, die gelbe Armbinden zu tragen haben,
liessen sich in den letzten Tagen häufig auf den Straßen
ohne dieses Kennzeichen blicken, weshalb sie strenge Strafen zu
gewärtigen haben. Bemerkenswert ist, dass in Sarajevo, das
über 80000 Einwohner zählt, fast 10000 Juden leben.“
1942 ging Ronnebergers Wirtschaftsdienst regelmäßig
an 235 Bezieher, darunter auch zahlreiche deutsche Unternehmen.
Die VWN waren eines der erfolgreichsten Projekte der SOEG; sie trugen
ihr bei Konzernen und Behörden das Image einer hochqualifizierten,
selbstlosen Dienstleistungsagentur ein. Claus Morgenstern, Leiter
der Nachrichtenabteilung der Deutschen Bank, hob hervor, daß
sich die VWN „durch besondere Präzision, Schnelligkeit
und straffe Unterscheidung von wichtigen und unwichtigen Dingen“
auszeichnen, während Lothar Heller, der Wirtschaftsbeauftragte
der Volksdeutschen Mittelstelle, betonte, daß sie „eine
wesentliche Unterstützung für die Sicherung des deutschen
Einflusses und für die kriegswirtschaftliche Ausnutzung der
Deutschen Volksgruppen in den Ländern im Südosten“
darstellen. Die VWN dürften etliche Firmen dazu ermutigt haben,
sich mit der Bitte an die SOEG zu wenden, bei der ‘Arisierung’
von Unternehmen in Südosteuropa berücksichtigt zu werden.
Seit April 1940 hielt Ronneberger Vorlesungen im Auftrag
der ‘Südost-Stiftung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages
Berlin zur Heranbildung junger Kaufleute für Südosteuropa
an der Hochschule für Welthandel in Wien’. Der MWT hatte
sich in den Jahren 1931 bis 1938 unter Leitung des Krupp-Aufsichtsratsvorsitzenden
Tilo Freiherr von Wilmowsky zum ‘Think-Tank’ der deutschen
Expansionspolitik gegenüber Südosteuropa entwickelt. Ziel
der 1940 aufgenommenen Lehrveranstaltungen der Südost-Stiftung
war es denn auch, die Teilnehmer zu befähigen, „im Wirtschaftsleben
Südosteuropas erfolgreich zu arbeiten und im Rahmen der kommenden
europäischen Großraumwirtschaft zur Festigung und Ausweitung
der wechselseitigen Wirtschaftsbeziehungen entscheidend mitzuwirken“.
Ronneberger vermittelte seinen Studenten eine ‘Einführung
in die politischen und sozialen Probleme Südosteuropas’,
und Hermann Gross, seit dem 28. März 1939 Leiter der Wiener
Zweigstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG Farben, sprach
über die ‘allgemeine Wirtschaftspolitik der Südoststaaten’;
geleitet wurde die Südost-Stiftung von Kurt Knoll, dem Rektor
der Hochschule für Welthandel (HfWh). Da auch ‘Presse,
Zeitschriften, Propaganda des Südostens und ihre politischen
und wirtschaftlichen Voraussetzungen’ zentrale Themen der
Ausbildung waren, bot Ronneberger ab dem Sommersemester 1941 Übungen
zur ‘Presse Südosteuropas’ an. Weitere thematische
Schwerpunkte seiner Lehrtätigkeit waren ‘Männer
und gestaltende Ideen Südosteuropas’ oder die ‘englische
Südostpolitik’.
Am 28. September 1944 habilitierte sich Ronneberger
an der HfWh mit seiner Arbeit ‘Wege staatswissenschaftlicher
Forschung in Südosteuropa’; begutachtet wurde sie von
Hellmut Georg Isele (Jura), Erich Preiser und Hermann Gross (Staats-
und Wirtschaftswissenschaft). Die Habilitationsschrift wurde aufgrund
des Kriegsverlaufs nicht mehr veröffentlicht, aber es läßt
sich erahnen, was Ronneberger hier niedergeschrieben hat. Bereits
1943 hatte er Südosteuropa in dem völkischen Verwaltungsorgan
‘Reich-Volksordnung-Lebensraum’ aus staatswissenschaftlicher
Perspektive betrachtet. Nachdem er bei dieser Gelegenheit einmal
mehr klargestellt hatte, daß es sich bei der ‘Südostforschung’
nicht um eine „objektive Wissenschaft“ handele, sondern
um einen „ausgesprochen politischen Wissenschaftsbereich“,
kam er unter Berufung auf die Großraum-Ideologen Friedrich
Naumann, Hermann Gross, Karl C. v. Loesch, Hans Jürgen Seraphim
und Giselher Wirsing zu folgenden Schlüssen: „Wir wollen
Südosteuropa als einen Teil Mitteleuropas betrachten, auch
wenn die Grenzen des politischen Südosteuropabegriffs teilweise
über die Mitteleuropas hinausgehen. Einen Gegensatz zwischen
Südosteuropa und Mitteleuropa zu schaffen, hieße einen
lebendigen Zusammenhang zerstören und dem südosteuropäischen
Raum ein Sonderschicksal zuweisen, das gerade heute angesichts des
gemeinsamen politisch-militärischen Frontverlaufs der Wirklichkeit
widerspräche. (...) So zwingend und vielfach die politischen
Gemeinsamkeiten in Südosteuropa sind, so wenig darf übersehen
werden, daß dennoch dieser Raum kein eigenes politisches Dasein
führt, noch führen kann. Das wirtschaftliche Moment ist
keineswegs das einzige, das die Ergänzung mit einem anderen
Raum fordert. (...) Eine echte Befruchtung kann nur von einem Volk
und aus einem Raume kommen, die mit Südosteuropa in einem engen
lebensgesetzlichen Zusammenhang stehen. Dies ist das Reich in seiner
historischen und gegenwärtigen Gestalt.“
Journalismus und Medienanalyse
In den Jahren 1941 bis 1943 verging kaum eine Woche,
ohne daß ein Artikel Ronnebergers in der Wiener Ausgabe des
‘Völkischen Beobachters’ erschien; teilweise wurden
seine Artikel auch in anderen Ausgaben des NSDAP-Zentralorgans abgedruckt.
Allesamt dienten sie der propagandistischen Begleitung der imperialistischen
deutschen Außenpolitik auf dem Balkan. Als Jugoslawien am
25. März 1941 dem zwischen Deutschland, Italien und Japan geschlossenen
‘Dreimächtepakt’ beitrat, wurde dies von Ronneberger
lebhaft begrüßt: Der Weg für den Angriff auf Griechenland,
wo man den im Verlauf seiner Aggression in Bedrängnis geratenen
italienischen Bundesgenossen unterstützen wollte, war frei,
und die ‘Südostflanke’ konnte für den Angriff
auf die Sowjetunion gesichert werden. Der mit Zustimmung großer
Bevölkerungsteile durchgeführte Militärputsch gegen
die amtierende deutschfreundliche jugoslawische Regierung am 27.
März 1941 und der anschließende Abschluß eines
Freundschaftsvertrages mit der Sowjetunion am 5. April 1941 machten
die deutschen Pläne zunichte. Jetzt entdeckte Ronneberger die
„Despotie des orientalisch-osmanisch beeinflußten und
bestimmten“ Serbien und dessen „großserbischen
Nationalismus“; folgerichtig bejubelte er nach der Vernichtung
Jugoslawiens die Gründung des kroatischen Satellitenstaates
unter Führung von Ante Pavelic und seiner faschistischen Ustascha-Bewegung.
Mit der Zerschlagung Griechenlands, das, wie Ronneberger
sich ausdrückte, seine „Rechnung mit Europa“ machen
mußte, war die äußere Neuordnung Südosteuropas
vorerst abgeschlossen. Ronneberger konnte sich ab sofort mit der
inneren Neuordnung befassen; am 15. Mai 1941 wandte er sich im ‘Völkischen
Beobachter’ der ‘Judenfrage in Südosteuropa’
zu. Seiner Ausgangsthese nach hat das Judentum die „dünne
bürgerliche Mittelschicht“ in den Gesellschaften der
südosteuropäischen Staaten erobert, bildet einen „Keil
zwischen Bauern und oberster Führung“ und verhindert
damit „systematisch den normalen soziologischen Aufbau des
Gastvolkes“. Eine „weitere jüdische Überfremdung“,
sei „mit der Niederlassung des Emigrantenschwarmes aus Deutschland“
eingetreten; insgesamt schätze man die Zahl der „Rassejuden“
in Südosteuropa auf 2,5 Millionen. Im folgenden untersucht
Ronneberger die politischen und juristischen Maßnahmen einzelner
südosteuropäischer Staaten zur Diskriminierung und Enteignung
ihrer jüdischen Staatsbürger in Bezug darauf, ob sie geeignet
sind, „die Ausmerzung des Judentums aus dem Volkskörper“
zu gewährleisten. Die beste Note erteilt Ronneberger dem slowakischen
Satellitenstaat, dessen antisemitische Maßnahmen „bereits
praktisch in den Bereich der Ausmerzung des rassischen Judentums
überhaupt“ fielen.
Am 29. April 1942 - die Deportation der slowakischen
Juden in die Vernichtungslager im besetzten Polen war bereits in
vollem Gange - kam Ronneberger auf die Vorbildfunktion der Slowakei
zurück. Zwar sei auch hier die „Gesamtaussiedlung des
Judentums“ von „sentimentalem Mitleid“ behindert
worden, allerdings hätten sich die volksdeutsche und die nationale
slowakische Presse „so hundertprozentig in den Dienst der
Aufklärungsarbeit über die jüdische Frage gestellt,
daß der Erfolg nicht ausbleiben konnte“. Besonders der
‘Grenzbote’, habe „schonungslos die zahlreichen
Schlupfwinkel“ der Juden aufgedeckt. Letztlich entscheidend
für den Erfolg der Deportationen aber war laut Ronneberger
die Zustimmung der katholischen Kirche: „Damit war auch die
letzte Unterschlupfmöglichkeit für das Judentum beseitigt,
so daß nunmehr die eingeleiteten Maßnahmen (Unterbringung
in Konzentrations- und Arbeitslagern) und konsequente Aussiedlung
störungslos fortgesetzt werden können.“
Parallel zu seiner Mitarbeit beim ‘Völkischen
Beobachter’ schrieb Ronneberger immer wieder für die
Presse der faschistischen Volksgruppenführungen. Hierzu zählten
der bereits erwähnte ‘Grenzbote’, die Tageszeitung
der Deutschen Partei in der Slowakei, und die von Franz Karmasin
herausgegebenen ‘Deutschen Stimmen’, ‘Volk im
Osten’, die Zeitschrift der rumänischen Volksgruppenführung
unter Leitung von Andreas Schmidt und die von Franz Basch in Ungarn
herausgegebene ‘Südostdeutsche Rundschau’. Weitere
Printmedien, für die Ronneberger arbeitete, waren die ‘Donauzeitung’,
das Organ der deutschen Besatzungsmacht in Serbien unter Leitung
des SS-Journalisten Leonhard Oberascher, das antisemitisch-rassistische
Wissenschaftsblatt ‘Volkstum im Südosten’ von Felix
Kraus, dem Ronneberger ab 1943 als Mitherausgeber zur Seite stand,
‘Berlin-Rom-Tokio’, das Monatsblatt des Auswärtigen
Amtes, und die von Giselher Wirsing herausgegebene Zeitschrift ‘Das
XX. Jahrhundert’.
Am 11. Dezember 1941 war im Wiener Palais Schönborn
die Union Nationaler Journalistenverbände (UNJ) gegründet
worden. Ronneberger wurde Mitarbeiter des ‘Instituts zur Erforschung
und Förderung des internationalen Pressewesens’ (EFIP),
das der UNJ angegliedert war. Im EFIP arbeiteten unter Leitung des
Generalsekretärs der UNJ, Maximilian Freiherr du Prel, vier
Hauptabteilungen (Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichten, Bild);
Ronneberger oblag ganz allgemein die „Durchführung wissenschaftlicher
Forschungsaufgaben“. Das wichtigste Ergebnis seiner Tätigkeit
dürfte die Analyse über den ‘Anteil der Presse an
der Vorbereitung des Belgrader Putsches 1941’ sein, die er
am 24. Juni 1943 bei der 2. Internationalen Journalistentagung der
UNJ in Wien den Anwesenden übergab.
Ronneberger, der sich mit dem Problem konfrontiert
sah, daß weite Kreise der jugoslawischen Bevölkerung
den Staatsstreich vom 27. März 1941 und seine außenpolitische
Motivation unterstützt hatten, stellte sich die Frage, „wie
es möglich war, daß ein so großer Teil der Bevölkerung
irregeführt werden konnte“. Die englische, französische,
US-amerikanische und sowjetische Propaganda, so die Antwort, habe
„Angst und Schrecken“ vor Deutschland verbreitet, was
von der jugoslawischen Presse entweder übernommen oder mit
Schweigen bedacht worden sei; „dieses Schweigen“ aber
habe „die Thesen der Gegner unterstützt“. Mit dem
Abschluß des jugoslawisch-sowjetischen Handelsabkommens im
Mai 1940 habe gar ein regelrechter „Rußland- und Moskaurummel“
in der jugoslawischen Presse eingesetzt, was von der „linksorganisierten
Lehrerschaft“, „linkseingestellten Universitätsprofessoren“,
„jüdischen Buchhandlungen“ und der kommunistischen
Partei gefördert worden sei. Die jugoslawische Regierung habe
„diesem ganzen Treiben“ tatenlos zugesehen, weshalb
die jugoslawische Presse „die wahren Feinde des Landes“
nicht beim Namen genannt und „die Eingliederung Jugoslawiens
in den Dreimächtepakt“ nicht vorbereitet habe. Im Endeffekt
habe „die Öffentlichkeit im ehemaligen Jugoslawien“
im Frühjahr 1941 unter einem starken „psychologischen
Zwang“ gestanden, der sie schließlich den Staatsstreich
befürworten ließ. Dieses Ergebnis, so Ronneberger zum
Abschluß seiner Untersuchung, liefere „den Beweis für
die zerstörenden Möglichkeiten, die dem Presseinstrument
innewohnen, wenn es von verantwortungslosen, unmoralischen, sensationslüsternen,
nur dem Geschäft verfallenen Menschen mißbraucht wird“.
‘Akademische Legion’ der SS
Zu Kriegsbeginn war Ronneberger vom Vorbereitungsdienst
für Justizreferendare freigestellt worden und fand zunächst
Verwendung für die Dienststelle des Amtes Ausland/Abwehr beim
Stellvertretenden Generalkommando des XVII. Armeekorps. Die von
ihm in dieser Funktion erstellten Berichte gingen auch an die Wiener
Außenstelle der Volkswirtschaftlichen Abteilung des IG Farben-Konzerns;
Hermann Gross lobte sie als „stets sehr objektiv“. Im
April 1942 erfolgte dann Ronnebergers Übernahme durch den SD-Leitabschnitt
Wien, für den er zuvor bereits inoffiziell gearbeitet hatte;
dem Leiter des Referats VI (Auslandsaufklärung) beim Wiener
SD, SS-Hauptsturmführer Wilhelm Höttl, waren die „Pressemitteilungen“
seines „Mitarbeiters Dr. Ronneberger“ spätestens
seit dem Frühjahr 1940 geläufig. Im Jahr zuvor hatte Ronneberger
seine Aufnahme in die SS beantragt; er beantwortete einen Fragebogen
des Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes der SS (RuSHA) und schrieb an
das Polizeipräsidium München, daß er ein polizeiliches
Führungszeugnis benötige - „zwecks Aufnahme in die
SS“. Am 15. Januar 1942 erhielt Ronneberger die Mitgliedsnummer
415905 und wurde zum Untersturmführer der SS ernannt.
Aus Ronnebergers wissenschaftlicher Karriere ist die
SS nicht wegzudenken. Das Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut
in Berlin (DAWI), dem Ronneberger zuarbeitete, kam auf Initiative
des SD zustande; Präsident des DAWI wurde SS-Standartenführer
Franz Alfred Six, seines Zeichens Leiter des Amtes VII (Weltanschauliche
Forschung und Auswertung) im RSHA. Am 1. Dezember 1944 war Ronneberger
Gast einer Soziologentagung im ‘Gästehaus’ am Großen
Wannsee, in dem Anfang 1942 die Konferenz über die ‘Endlösung
der Judenfrage’ stattgefunden hatte. Die Einladung war vom
Chef des Amtes III (Deutsche Lebensgebiete) im RSHA, SS-Gruppenführer
Otto Ohlendorf, ausgesprochen worden, der als Führer der Einsatzgruppe
D bereits massiv an der ‘Endlösung’ mitgewirkt
hatte. Bei der Südost-Stiftung des MWT hatte die SS eine Schlüsselstellung
besetzt: Die Leitung der Lehrgänge lag in den Händen des
Rektors der HfWh, Kurt Knoll, der zu den ‘besten Mitarbeitern
des SD-Leitabschnitts Wien’ gezählt wurde und es bis
zum SS-Standartenführer brachte. Mit ihm war Ronneberger zudem
über die Südosteuropa-Gesellschaft verbunden, deren Beirat
Knoll angehörte. Wichtige Positionen innerhalb der SOEG waren
1942 von führenden Vertretern des SS/SD-Komplexes besetzt:
Vizepräsident der SOEG war Heydrichs Staatssekretär im
‘Protektorat Böhmen und Mähren’, SS-Gruppenführer
Karl Hermann Frank; zum Präsidium gehörten auch der spätere
Chef des RSHA, Ernst Kaltenbrunner, und SS-Obergruppenführer
Werner Lorenz von der Volksdeutschen Mittelstelle.
Für den SD war Ronneberger nicht nur als Propagandist
interessant, sondern insbesondere weil er über ein Netz von
Verbindungs- und Vertrauensleuten in allen südosteuropäischen
Staaten verfügte; um auch den direkten persönlichen Kontakt
zu seinen Mitarbeitern nicht abreißen zu lassen, unternahm
er zahlreiche Reisen in diese Länder. Noch im Juli 1944 plante
er gemeinsam mit Leonhard Oberascher, sämtliche „wissenschaftlichen
Arbeiten, Institute und Bestrebungen im Südosten“ zu
erfassen, „die in irgendeiner Kampfstellung gegenüber
den deutschen politischen und wissenschaftlichen Intentionen stehen“.
Im Mai 1944 wurde Ronnebergers Pressedienststelle
mit der Publikationsstelle Wien der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft
vereinigt, von der er spätestens seit Frühjahr 1943 eine
monatliche „Beihilfe“ über RM 1500 bezog, die die
Publikationsstelle ihrerseits mit dem Auswärtigen Amt abrechnete.
Die Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft (SODFG) war eine
von fünf bis 1934 unter Federführung des Auswärtigen
Amtes und des Reichsministeriums des Innern gegründeten ‘Volksdeutschen
Forschungsgemeinschaften’ (Alpenländische, Westdeutsche,
Nordostdeutsche und Überseedeutsche Forschungsgemeinschaft).
1937 hatte die SODFG einen Übersetzungsdienst für Bücher,
Zeitungen und Zeitschriften aus Südosteuropa eingerichtet,
der später in ‘Publikationsstelle’ umbenannt wurde.
Die Leitung übernahm Wilfried Krallert, der seit 1936 als Geschäftsführer
der SODFG fungierte. Beim Einmarsch nach Jugoslawien 1941 konnte
die SODFG laut Krallert „wichtige Arbeitsbeihilfen“
liefern; entsprechend dem Bedarf der deutschen Okkupationsbehörden
gab die Publikationsstelle Wien in der Folgezeit volkstumspolitische,
bevölkerungsstatistische, landeskundliche und verwaltungsgeographische
Ausarbeitungen in Karten- und Verzeichnisform heraus. Sie konnte
dabei zum Teil auf Materialien zurückgreifen, die Krallert
selbst im Auftrag des Auswärtigen Amts bzw. als Angehöriger
des SS-Sonderkommandos Künsberg in Jugoslawien und in der Sowjetunion
geraubt hatte. Anfang November 1943 wurde die SODFG - wie auch Valjavecs
Südost-Institut - dem RSHA unterstellt, wo Krallert die Leitung
der Gruppe VI G (wissenschaftlich-methodischer Forschungsdienst)
im Amt VI (Auslandsnachrichtendienst) übernahm.
Die Gaustudentenführung bescheinigte Ronneberger
am 25. Oktober 1944, zur ‘Akademischen Legion’ beim
Höheren SS- und Polizei-Führer Wien zu gehören; der
SD-Leitabschnitt Wien erklärte der für Ronneberger zuständigen
Ortsgruppe des Volkssturmes am 4. Januar 1945, daß dieser
„hauptamtlicher Angehöriger der hiesigen Dienststelle“
sei und daher „auf Grund der Verfügung des Reichsführers
SS“ nicht erfaßt werden könne; das Befehlsblatt
der Sicherheitspolizei und des SD gab am 20. Januar 1945 schließlich
die Kommandierung Ronnebergers ins RSHA bekannt.
Im Rahmen seiner Tätigkeit für die Publikationsstelle
Wien oblag Ronneberger weiterhin die Erstellung von Presseberichten
und die „Erfassung von Personen und Institutionen“.
Zu seinen Aufgaben gehörte außerdem die Vertretung Krallerts
in Wien und die Organisation der Verlegung der Publikationsstelle
in den 1938 von der SS beschlagnahmten Benediktinerstift im steiermärkischen
St. Lambrecht, wo sich ein Außenlager des KZ Mauthausen befand.
Zur Errichtung der in Anbetracht der immer näher rückenden
Front gewählten „Ausweichstelle“ wurden im Februar
1944 zwanzig KZ-Häftlinge herangezogen, um Buchstellagen herzustellen
und Bauarbeiten vorzunehmen. Im Kloster St. Lambrecht befanden sich
bereits 200000 Bände „ungeordneter Russlandliteratur“;
ferner war die Unterbringung des „Materials“ anderer
Publikationsstellen und der in Minsk und Baranowitsch geraubten
Bibliotheksbestände vorgesehen. Im Juni 1944 forderte Krallert
vom Chef des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamts, SS-Obergruppenführer
Oswald Pohl, für seine Dienststelle in St. Lambrecht die „Abstellung
von 4 Bibelforscherinnen für Reinigungszwecke“; im September
standen ihm insgesamt acht KZ-Häftlinge „zur Verfügung“.
Am 30. Mai 1945 wurde Ronneberger von Angehörigen der britischen
Streitkräfte in St. Lambrecht verhaftet und später in
Sandbostel bei Bremervörde interniert.
Teil 2 - Der Politik- und Kommunikationswissenschaftler
1964 erreichte Ronnebergers akademische Nachkriegskarriere
ihren Höhepunkt; als „Gewährsmann“ des bayerischen
Kultusministeriums sollte er an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg „Platz
für die Politikwissenschaft“ schaffen. Ronneberger übernahm
die Leitung des 1948 wiederbegründeten und 1961 zum Ordinariat
aufgewerteten Instituts für Publizistik (vormals Zeitungswissenschaft),
das er in ‘Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft’
umbenannte. Wie seine berufliche Entwicklung bis hierhin verlief,
soll im folgenden ebenso dargestellt werden wie sein wissenschaftliches
Werk und sein gesellschaftspolitisches Engagement.
Entnazifizierung und Neubeginn
Die Entnazifizierung Ronnebergers übertrug die
britische Besatzungsmacht dem Spruchgericht Stade, wo der Öffentliche
Ankläger ab Mai 1947 wegen ‘Zugehörigkeit zu einer
für verbrecherisch erklärten Organisation’ gegen
ihn ermittelte. Daß bei diesen Ermittlungen, die sich um Ronnebergers
Mitgliedschaft in der SS und seine Arbeit für den Wiener SD
drehten, nicht allzuviel herauskommen sollte, zeigte bereits die
am 10. August 1947 erhobene Anklage: Sie stützte sich ausschließlich
auf Ronnebergers eigene Aussagen und die der von ihm benannten Zeugen
Wolf Steuer und Hermann Gross. Seine schriftlichen Äußerungen
aus der Zeit des Dritten Reichs standen nicht zur Diskussion - und
das obwohl er selbst während des Prozesses auf einige seiner
Publikationen verwies, freilich unter Auslassung seiner Artikel
im ‘Völkischen Beobachter’. Ronneberger gelang
es im Verlauf des Verfahrens, sich als unpolitischen, von einer
„Arbeitspsychose“ befallenen Wissenschaftler darzustellen,
der lediglich unter dem Druck der Verhältnisse einige Kompromisse
mit dem NS-Regime eingegangen war. Obwohl er nach vorangegangenem
Freispruch schließlich im Revisionsverfahren 1948 „wegen
Zugehörigkeit zur SS in Kenntnis von deren Verbrechen“
zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, galt er dem Gericht weiterhin
als „ein lediglich [in] seinen Forschungen und wissenschaftlichen
Arbeiten lebender Mann, der zwar mit der Politik vom wissenschaftlichen
Sektor her betrachtet nicht unerheblich in Berührung gekommen
ist, der sich jedoch mit ausserhalb seiner Forschungen liegenden
Dingen nicht näher befasst hat.“
Das Jahr 1948 markiert den Beginn von Ronnebergers
Nachkriegskarriere. Über „einen früheren Mitarbeiter“
kam er in Kontakt mit Erich Brost, dem Herausgeber und Chefredakteur
der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), wo er in den folgenden
zehn Jahren als Leiter des Ressorts Dokumentation, Wissenschaftsredakteur,
Kommentator und Ausbilder der Volontäre tätig sein sollte.
Ab 1952 lehrte Ronneberger, der nach wie vor „wissenschaftlich
ambitioniert“ war, außerdem Staatsrecht und Soziologie
an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Industriebezirk in Bochum.
Bei dieser Gelegenheit entstand die Idee zu seinem Buch ‘Die
Soziologie’, das er 1958 unter dem Pseudonym Stefan Lambrecht
veröffentlichte und das bis 1963 drei Auflagen erlebte. In
diesem populärwissenschaftlichen Überblick über die
Entstehung und Entwicklung der Soziologie ist Ronnebergers von antimarxistischen
und antiliberalen Vorstellungen geprägtes politisches Denken
skizziert; hier finden sich die verbindenden Elemente zwischen seinen
im Dritten Reich vertretenen Auffassungen und seiner in späteren
Jahren entworfenen PR-Theorie.
In Anlehnung an Helmut Schelsky sieht er die Aufgabe
des Soziologen darin, den Menschen Verhaltensweisen zu empfehlen,
die die Anpassung an die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse
erleichtern. Sozialkritik ist ihm ein Greuel; aus ihr erwüchsen
„Umsturz-Ideologien“, die in erster Linie für die
„Leidenszeit der Menschheit“ verantwortlich seien: „Die
französische Revolution machte den Auftakt und die bolschewistische
Revolution in Rußland war der bisherige Höhepunkt. Überall
wo politische Utopien verwirklicht wurden, wo Staat und Gesellschaft
auf einen vorgestellten idealen Endzustand hin umgebaut und geordnet
werden sollten, mußten die Zeitgenossen unter Terror mit Blut
und Tränen bezahlen.“ Den von liberaler Seite postulierten
Gegensatz zwischen Staat und Gesellschaft erklärt Ronneberger
in der „modernen Demokratie“ für obsolet, wofür
das „Hineinwachsen der organisierten Arbeiterschaft in den
Staat“ der Beleg sei. Staat und Gesellschaft erscheinen bei
ihm als korporativistischer Block, in dem „stabile Meinungskollektivs“
für „Überschaubarkeit und Kontinuität“
sorgen. Vor diesem Hintergrund ist es für Ronneberger auch
keineswegs „anstrebenswert, daß jeder möglichst
seine eigene Meinung hervorbringe“. Meinungsbildung ist seiner
Ansicht nach Aufgabe der gesellschaftlichen Eliten, deren Existenz
nicht etwa Ausdruck bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse
ist, sondern Ergebnis eines Prozesses, bei dem „die einen
tüchtiger als die anderen sind und ihre Chancen besser wahrnehmen“.
Für die Eliten habe der Soziologe die Funktion eines Aufklärers
und Beraters, denn nur „aufgrund einer möglichst umfassenden
... soziologischen und sozialpsychologischen Analyse lassen sich
das Potential eines Landes und seine elementaren Interessen fixieren.“
1958 übernahm Ronneberger die Stelle des Referenten
für Hochschulfragen und akademische Nachwuchsförderung
beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen.
Der Stifterverband (SV) war 1949 in Fortführung der ‘Fördergemeinschaft
der Deutschen Industrie’ aus der Zeit des Dritten Reichs als
gemeinnütziger eingetragener Verein gegründet worden und
verstand sich als „Gemeinschaftsaktion der gewerblichen Wirtschaft
zur Förderung von Forschung, Lehre und Bildung“. Die
Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, wie der Bundesverband
der Deutschen Industrie (BDI), die Bundesvereinigung der Deutschen
Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Industrie- und Handelstag
(DIHT) forderten ihre Mitgliedsunternehmen auf, den Stifterverband
nach Kräften finanziell zu unterstützen, was sich bis
1960 in einem Spendenaufkommen von mehr als DM 100 Millionen niederschlug.
Neben der Förderung des akademischen Nachwuchses,
die sich nicht an der sozialen Bedürftigkeit, sondern der „Höhe
der Begabung“ potentieller Stipendiaten orientierte, war Ronneberger
auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Stifterverbandes
mitverantwortlich. Deren Grundzüge beschrieb er 1960 in einer
PR-Broschüre des Vereins wie folgt: „Die Öffentlichkeitsarbeit
mußte ... von Anfang an darauf ausgerichtet werden, Dasein
und Ziele des SV im Einklang mit dem Volks- und Staatsganzen und
der Bewahrung der Kultur, in der wir leben und von der wir alle
abhängig sind, verständlich zu machen. Es mußte
der Öffentlichkeit nachgewiesen werden, daß, wenn die
Wissenschaft oder auch nur einer ihrer Zweige in Gefahr, ebenso
die Existenz jedes einzelnen bedroht ist, und zwar nicht nur im
vordergründigen Sinne angewandter Naturwissenschaft in einer
technisch gestützten Kultur, sondern in den Fundamenten. Darüber
hinaus würde die Leistung der Volkswirtschaft rapid absinken
und unser Land im mitleidlosen Daseinskampf der Nationen unterliegen.“
Dank der „Mitwirkung der Presse“ sei es schließlich
gelungen, so konnte Ronneberger „mit großer Freude und
Genugtuung“ feststellen, die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit
der Wissenschaftsförderung nach Art des Stifterverbandes zu
überzeugen.
Der von Stifterverband und BDI unter Vorsitz von Hermann
Reusch ins Leben gerufene ‘Gesprächskreis Wissenschaft
und Wirtschaft’ stand Pate, als Ronneberger 1961 der Südosteuropa-Gesellschaft
(SOG) seine ‘Vorschläge zur Einordnung der Südosteuropa-Forschung
in die Aufbaupläne der deutschen Hochschulen’ unterbreitete.
Da der „große Staatenblock des Ostens“, wie Reusch
sich ausdrückte, „unentwegt“ der „vielseitigsten
Aufmerksamkeit“ bedürfe, forderte Ronneberger in seiner
Funktion als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Gesellschaft
die Errichtung von Lehrstühlen für Südosteuropaforschung
an westdeutschen Universitäten. Die SOG war 1952 - wie das
Südost-Institut - von Fritz Valjavec in München wiederbegründet
worden. Trotz formaler Distanzierungen von „Kulturträgerei“
und „Ostlandreiterei“ knüpfte man an die Tradition
der deutschen ‘Südostforschung’ und die ihr von
Ronneberger attestierten „beachtenswerten Ergebnisse“
aus der Zeit des Dritten Reichs an. Dies geschah unter Rückgriff
auf NS-Personal und in enger Verbindung mit dem Bund der Vertriebenen
(BdV), Vertretern des Staates und den an Südosteuropa interessierten
Kreisen des deutschen Kapitals: Wenzel Jaksch, Vizepräsident
des BdV und ab 1964 dessen Präsident war gleichzeitig Vizepräsident
der SOG; im Kuratorium der Gesellschaft saßen hochrangige
Beamte des Bundesarbeitsministeriums, des Bundeswirtschaftsministeriums,
des Auswärtigen Amts und des bayerischen Kultusministeriums
neben Vertretern deutscher Großbanken und Konzerne - alle
Nachfolgegesellschaften der IG Farben waren hier repräsentiert;
neben Valjavec und Ronneberger kam unter anderem auch Hermann Gross
als Präsidiumsmitglied und Vorsitzender des Wissenschaftlichen
Beirats der SOG wieder zu Ehren. Ronnebergers Vorschläge zur
Etablierung der Südosteuropaforschung an bundesdeutschen Hochschulen
und die damit verbundene Lobbyarbeit der SOG führten dazu,
daß Gross 1962 den neu geschaffenen Lehrstuhl für Wirtschaft
und Gesellschaft Südosteuropas an der Universität München
erhielt.
Zweite Habilitation
Um eine akademische Lehrbefugnis zu erhalten, mußte
sich Ronneberger 1960 erneut habilitieren, da die Republik Österreich
ihm im Rahmen der Entnazifizierung seine an der Hochschule für
Welthandel erworbene Venia legendi aberkannt hatte. Das Verfahren
fand an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der
Universität Münster statt, wo man seine beiden Publikationen
‘Verwaltung im Ruhrgebiet als Integrationsproblem’ und
‘Staatsverfassungstendenzen der Südoststaaten seit 1945’
als Habilitationsschrift akzeptierte. Die zuerst genannte Abhandlung
weist denselben normativ-funktionalistischen Ansatz auf, der auch
den Dreh- und Angelpunkt seiner PR-Theorie bildet; der zuletzt genannte
Aufsatz zeigt einmal mehr Ronnebergers völlige Distanzlosigkeit
gegenüber der Geschichte der Südosteuropaforschung im
Dritten Reich, die zu einem Großteil seine eigene Geschichte
ist.
Ronneberger sieht Verwaltung als „sozial gestaltende
Tat“ und damit als „Integrationsvorgang“, wobei
er „Integration“ als „Ordnung“ der „Teile“
auf das „Ganze“ hin versteht: Die Verwaltung wolle „die
sozialen Beziehungen von Menschen in einem engeren Kreise, dafür
aber in der großen Mannigfaltigkeit ihrer Bedürfnisse
ordnen, ausrichten und gestalten“, was mit Blick auf ein „wie
auch immer definiertes Gemeinwohl“ hin zu geschehen habe.
Als „überzeugendstes Beispiel einer integrierenden Verwaltung“
erscheint ihm die Westdeutsche Allgemeine Zeitung: „Die hohe
Integrationsfunktion einer Tageszeitung innerhalb eines stabilen
Verbreitungsgebietes steht außer Frage, doch dürfte es
weniger die eigentliche innere Verwaltungstätigkeit der Zeitung
oder die quasi-institutionelle Befriedigung des Informationsbedürfnisses
der Bevölkerung sein, die diese Wirkung erzielen, als vielmehr
das Wechselspiel von Gesellschafts- und Zeitungsstil in ihrer geschmackprägenden
und vor allem in ihrer vereinheitlichenden Tendenz.“
Der zweite Bestandteil seiner Habilitationsschrift,
den Ronneberger als einen ‘Beitrag zur Sozial- und Verfassungsstruktur
von Entwicklungsländern’ verstanden wissen wollte, enthält
Altbekanntes: Unter Rückgriff auf seinen in ‘Reich-Volksordnung-Lebensraum’
entwickelten ‘politischen Südosteuropabegriff’
und mit Hilfe seiner These vom Fehlen einer bürgerlichen Mittelschicht
in den Ländern Südosteuropas erklärt er, daß
sich die aus Westeuropa stammenden nationalen und liberalen Ideen
vor 1945 in Südosteuropa nicht durchsetzen konnten. Statt dessen,
so Ronneberger weiter, hätten „kleine pseudobürgerliche
Cliquen“ den jeweiligen Staatsapparat in Besitz genommen.
Ersetzt man die ‘kleinen pseudobürgerlichen Cliquen’
durch das ‘Judentum’, ist man wieder bei Ronnebergers
Analysen zur Sozial- und Verfassungsstruktur der südosteuropäischen
Staaten aus der Zeit des Dritten Reichs angelangt.
Von 1960 bis 1964 wirkte Ronneberger als Privatdozent
für Verfassungs- und Verwaltungslehre an der Universität
Münster und bekleidete gleichzeitig den Posten eines ordentlichen
Professors für Soziologie und Sozialpädagogik an der Pädagogischen
Hochschule Bielefeld. Seine erziehungswissenschaftlichen Äußerungen
stellen - wie seine PR-Theorie - die Synthese dar zwischen seinem
im Dritten Reich entwickelten antidemokratischen und antiemanzipatorischen
Politikverständnis und seinem normativ-funktionalistischen
Forschungsansatz als Soziologe. Erziehung gilt Ronneberger wie auch
Verwaltung als soziale Tat und bedeute „Erziehung des Kindes
zur Einpassung“ in die gegebenen sozialen Verhältnisse,
was notfalls mit entsprechender „Härte“ erzwungen
werden müsse: „Man kann sich über die Prügelstrafe
streiten. Ich weiß zwar nicht, wie Eltern mit einem willensstarken,
robusten und vitalen Jungen fertig werden wollen, ohne ihn gelegentlich
übers Knie zu legen. Aber ich wäre der letzte, der ihnen
den Glückwunsch versagt, wenn sie es dennoch schaffen, ohne
damit allerdings der Gesellschaft einen Raufbold, Einzelgänger
und Asozialen zu schenken.“
Kommunikationspolitik
In Nürnberg entwickelte Ronneberger den Begriff
der „Kommunikationspolitik“, die er in Anlehnung an
Otto B. Roegele definiert als „all jene Handlungen, die zur
Erhaltung der Funktionstüchtigkeit der von der Verfassung gewollten
Kommunikationsordnung in einem Lande dienen“. Kommunikationspolitik
sei sowohl in der „Staatssphäre“ als auch im „gesellschaftlichen
Raum“ anzutreffen und werde außer von den „klassischen
Staatsorganen“ von den „politischen Parteien“,
den „großen Interessengruppen“, den „großen
Unternehmen von öffentlicher Bedeutung“ und den „Massenkommunikationsmitteln“
betrieben - eine Feststellung, die Ronneberger einmal mehr als Beleg
für seine These dient, daß „die gedanklich vereinfachte
Konstruktion des liberalen Prinzips ... der Gegenüberstellung
von ‘Staat’ und ‘Gesellschaft’“ der
„wechselseitigen Durchdringung der beiden Gebilde“ gewichen
sei.
Ronneberger, der sich der „funktional-strukturellen
Systemtheorie Niklas Luhmanns“ verpflichtet sieht, weist den
Massenmedien in diesem Zusammenhang vier „Funktionen“
zu, die diese für das „politische System“ resp.
die „politische Ordnung der Parteien- und pluralistischen
Verbandsdemokratie“ zu erbringen hätten:
Die Massenmedien hätten eine „Funktion
des Öffentlichmachens“ von Informationen zur „Anregung
der Leitenden und Führenden in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft“:
„Indem Journalisten diese Informationen sammeln und vermitteln,
informieren sie das politische System tatsächlich über
Veränderungen in der Umwelt und nehmen somit eine Funktion
wahr, die in dieser Weise von keinem anderen System geleistet werden
kann. Weder Parteien und Interessenverbände noch Geheimdienste
sind so umfassend auf die Weiterleitung von kontroversen Informationen
programmiert.“
Die Massenmedien seien ein wichtiger „Integrationsfaktor“:
„Indem sie [die Presse - P.H.] die Auffassung der politisch
Führenden verbreitet und dazu Stellung nimmt, macht sie das
gesellschaftliche oder nationale Gesamtinteresse über den Einzelinteressen
immer wieder bewußt ... Es geht darum, die ... Bereitschaft
der Identifizierung des Menschen mit primären sozialen Gruppen
... nun auf die größeren und komplexeren sogenannten
sekundären Gebilde zu übertragen, also auf die Nation,
auf die Gesamtheit, auf den Staat.“
Die Massenmedien hätten eine „Bildungs-
und Erziehungsfunktion“: „Bildung wäre hier als
die Fähigkeit zu definieren, Informationen aufzunehmen und
zusammenhängend zu verstehen, wobei der herkömmliche Anspruch,
sich eine eigene Meinung zu bilden, nicht als Norm, sondern als
Optimum des politischen Gebildet-Seins aufzufassen wäre. Vom
politisch Gebildeten der modernen pluralistischen Systeme kann im
Durchschnitt nicht mehr verlangt werden als die Zustimmung zu vorgeformten
Meinungen.“
Die Massenmedien hätten außerdem eine „Kontrollfunktion“,
wobei der Begriff der Kontrolle eine Neudefinition erfährt:
„Die moderne Kontrolle beruht ... weniger auf einem Gegnerschaftsverhältnis,
als auf dem Prinzip der Systemimmanenz; wir haben es mit einer Art
Selbstkontrolle eines gesellschaftlich-staatlichen pluralistischen
Gesamtsystems zu tun. Die Massenkommunikation ... leiht ihre Medien
den Inter- und Intraorgankontrollbedürfnissen der am staatlichen
und öffentlichen Prozeß Beteiligten.“
Werden den Massenmedien bestimmte Funktionen zugewiesen
und damit gewisse „Leistungen“ abverlangt, muß
auch die Möglichkeit der „Fehlleistung“ einkalkuliert
werden. Lobte Ronneberger noch 1978 die „Disziplin, die die
deutschen Journalisten ... anläßlich der Entführung
von Hanns Martin Schleyer ... übten“, warnte er bei seiner
Abschiedsvorlesung 1983 vor einem „defizienten Modus des kritischen
Journalismus aus der Kampfzeit des Liberalismus“ und forderte
den „verantwortlichen Journalisten (als) das Gebot der Stunde“:
„Aufspüren und publizieren des jeweils Neuesten, gleichviel
welche Folgen es haben wird ... führt zwangsläufig zur
Verschärfung von Gegensätzen und zur Erschwerung, wenn
nicht gar zur Unterbindung von diskreter Politik.“ Die Parallelen
zu seiner Analyse der Rolle der jugoslawischen Presse während
des ‘Belgrader Putsches’ 1941 liegen auf der Hand; seinerzeit
hatte er die Massenmedien als ein ‘Instrument’ der politischen
Elite beschrieben, dem ‘zerstörende Möglichkeiten’
innewohnten, wenn es von ‘verantwortungslosen, unmoralischen,
sensationslüsternen, nur dem Geschäft verfallenen Menschen’
mißbraucht werde.
PR-Forschung
Ronnebergers erster Essay zum Thema Public Relations,
der in der Fachwelt mit großem Interesse aufgenommen wurde
und bereits alle wesentlichen Elemente seiner späteren PR-Theorie
enthält, erschien 1977 und trägt den Titel ‘Legitimation
durch Information’. Unter Berufung auf den US-amerikanischen
PR-Pionier Edward L. Bernays, Carl Hundhausen und Albert Oeckl beschreibt
Ronneberger PR als eine „Funktion des gesellschaftlichen Systems“,
deren Legitimation darin bestehe, durch das Zur-Verfügung-Stellen
von Informationen „Leistungen“ zu erbringen, „die
für die Existenz einer Gesellschaft um so notwendiger und unerläßlicher
sind, je mehr sie sich differenziert“. Damit leiste PR einen
Beitrag zur „Integration in modernen Gesellschaften“
und verhindere deren „Auseinanderfallen“. Der in diesen
Gesellschaften vorherrschende Meinungs- und Interessenpluralismus
müsse zwangsläufig „zum Chaos, zu beliebigen Machtrivalitäten,
Siegen und Niederlagen ohne Beständigkeit und Kontinuität,
zum ständigen Wechsel der Machtverhältnisse, zu allgemeiner
Unsicherheit und Willkür führen, wenn nicht zweierlei
gewährleistet wäre: daß sich die Auseinandersetzungen
dank PR öffentlich vollziehen und daß die rivalisierenden
Gruppen einander nicht vernichten, sondern miteinander leben wollen“,
was gleichfalls durch PR verbürgt werde.
Angesichts der „zunehemenden Bedeutung der Interessenorganisationen“
fasziniert Ronneberger in diesem Zusammenhang „der Gedanke,
der den Korporationstheorien zugrunde liegt, man könne auf
den herkömmlichen Parteienparlamentarismus verzichten und ihn
durch einen modernen Ständeparlamentarismus ersetzen“.
Er verwirft ihn nur deshalb, weil „ohne die Integrationsleistung
der Parteien ein breiter und vor allem dauerhafter Konsens nicht
zu erreichen ist“. Daran, „daß es in unserer Gesamtgesellschaft
jeweils zu einem Minimalkonsens kommt“, wirke der „PR-Treibende“
maßgeblich mit, wenn er beispielsweise im Rahmen der „PR
von Unternehmen der Wirtschaft“ die „Verantwortung des
Wirtschaftssystems insgesamt für die Erhaltung und Weiterentwicklung
der Gesellschaft“ betone. PR wird bei Ronneberger zu einem
„konstitutiven Faktor“ für „demokratisch
verfaßte politische Systeme“ und absorbiert die ursprünglich
den Massenmedien zugeschriebenen Funktionen, insbesondere die Informations-
und die Integrationsfunktion. „In bezug auf die organisierten
Interessen verhalten sich die Medien vorwiegend rezeptiv und im
strengen Sinne vermittelnd“ postuliert Ronneberger und setzt
sich damit dem Vorwurf aus, Journalisten kurzerhand zu ‘Erfüllungsgehilfen’
der PR-Auftraggeber und -Macher zu degradieren. PR, so Ronneberger
in ‘Public Relations des politischen Systems’, diene
aber nicht nur der Herstellung eines gesellschaftlichen Minimalkonsenses,
sondern fungiere gleichzeitig als „Frühwarnsystem“,
das „die politische Führung über Ereignisse und
Tendenzen des öffentlichen Lebens sowie über den Wandel
von Ansichten, Einstellungen und Erwartungen der Bürger informiert“
und sich darauf aufbauend „eines neuaufkommenden Themas bemächtigt
und der öffentlichen Meinung keine Zeit läßt, sich
stereotyp zu verfestigen“.
Daß in der Bundesrepublik Deutschland überhaupt
die Möglichkeit bestehe, einen gesellschaftlichen Minimalkonsens
zu erreichen, sei durch die korporativistische Verfaßtheit
oder die „Verbandsstruktur“ der Gesellschaft sichergestellt,
weil diese den „Rückfall in die Klassengesellschaft“
und damit den Klassenkampf verhindere. Laut Ronneberger übernehmen
Verbände und gesellschaftliche Organisationen eine „Disziplinierungsfunktion“
gegenüber ihren Mitgliedern, indem sie diese auf die Idee des
Interessenausgleichs verpflichten, was im Falle der Gewerkschaften
mit dem Bekenntnis zur Sozialpartnerschaft gleichgesetzt werden
kann. Da Verbände und gesellschaftliche Organisationen außerdem
„dem einzelnen Menschen einen bestimmten und möglichst
festen Platz im Ganzen zuweisen, damit er weiß, wohin er gehört“,
könne man sie auch als quasi-staatliche „Ordnungsträger“
betrachten. Das „soziale Vertrauen“ der Menschen, auf
dessen Grundlage gesellschaftlicher Konsens überhaupt erst
zustande kommen könne, sei jedoch permanent in Gefahr, durch
„öffentliche Demokratiekritik“, „Wertekritik“
und „Tabuzertrümmerung“ zerstört zu werden,
weil „insbesondere Journalisten mit sozialrevolutionären
Aktionen ... sympathisieren“. Dieser Bedrohung gegenüber
seien vor allem die „führenden Kräfte der Wirtschaft“
im Nachteil, da sie die „Katastrophe des Nationalsozialismus“
nachhaltig verunsichert habe und sie sich daher „ungern öffentlich
zu ihrem Standort und Standpunkt bekennen“. Auf PR komme in
diesem Zusammenhang eine gewaltige Aufgabe zu: „Public Relations
reichen ... weit über die Interessen einzelner Organisationen
hinaus, sie werden zu einem eigenen Handlungssystem, das die Überlebensfähigkeit
der Menschheit zum Ziel hat.“
Nach diesen in den siebziger und achtziger Jahren
geleisteten Vorarbeiten legte Ronneberger 1992 schließlich
die gemeinsam mit seinem Schüler Manfred Rühl verfaßte
‘Theorie der Public Relations’ vor, die als Quintessenz
seiner systemtheoretischen Überlegungen zu PR gewertet werden
kann: Im Verlauf der Industrialisierung, „die neue Organisationsformen
(Fabrik- und Unternehmenssysteme) ausbildete sowie erhebliche soziale
Auswirkungen (‘die soziale Frage’) nach sich zog“
und in Verbindung mit den damit einhergehenden „Prozessen
der Demokratisierung“ habe sich PR als eigenständiges
Kommunikationssystem entwickelt, wobei die genannten ‘Demokratisierungsprozesse’
allerdings „in Deutschland sehr hindernisreich verliefen“.
Die Autoren interessieren sich jedoch nicht für „’das
Wesen’ von Public Relations oder ‘Wesensähnlichkeiten’
zu Werbung oder Propaganda“, sondern ausschließlich
für die „spezifische (gesellschaftliche) Funktion, die
Public Relations ... zugeordnet werden kann“. Diese wird von
ihnen folgendermaßen definiert: „Die besondere gesellschaftliche
Wirkungsabsicht von Public Relations ist es, ... öffentliche
Interessen (Gemeinwohl) und das soziale Vertrauen der Öffentlichkeit
zu stärken - zumindest das Auseinanderdriften von Partikularinteressen
zu steuern und das Entstehen von Mißtrauen zu verhindern.“
Gesellschaftspolitisches Engagement
In Verbindung mit der Südosteuropa-Gesellschaft
beschäftigte sich Ronneberger, der „Politikwissenschaft
als praktische Wissenschaft“ verstanden wissen wollte, auch
mit tagespolitischen Fragen. So übernahm er die Leitung von
Symposien zur Ausländerpolitik, die in den siebziger und achtziger
Jahren von der SOG zusammen mit verschiedenen Bundesministerien
und Landesregierungen veranstaltet wurden. Um nach „schweren
Volkstumskämpfen“ dem „Schicksal eines Immigrationslandes“
zu entgehen, forderte er bei diesen Gelegenheiten eine „restriktive
Behandlung des Nachzugs“ von Familienangehörigen ausländischer
Arbeitnehmer.
Ronnebergers wissenschaftliche und politische Ambitionen
schlugen sich in einer großen Zahl von Mitgliedschaften in
wissenschaftlichen Vereinigungen und gesellschaftlichen Gremien
nieder, zu denen Einrichtungen der Osteuropaforschung genauso zählten
wie die Reformkommission des Deutschen Beamtenbundes. In der Hauptsache
betätigte sich Ronneberger jedoch als ‘Kommunikationspolitiker’.
1978 gehörte er unter anderem der Deutschen Gesellschaft für
Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an, der er von 1966
bis 1969 vorgestanden hatte und in deren Auftrag er die Zeitschrift
‘Publizistik’ herausgab; er war Mitglied der Deutschen
Public Relations Gesellschaft (DPRG), der International Public Relations
Association (IPRA), des Fernsehrats des ZDF, des Kuratoriums der
Stiftervereinigung der Presse, der Jury des Gruner+Jahr-Preises
für Mediaforschung und der Jury des von der Akademie für
Publizistik in Hamburg verliehenen Akademie-Preises für Wirtschaftsjournalisten.
Zum letzten Mal meldete sich Ronneberger 1991 politisch
zu Wort, als er seine Tagebuchaufzeichnungen über den Untergang
der DDR und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten veröffentlichte.
Ronneberger verleiht hier seiner tiefen „Genugtuung“
über die „Wiedervereinigung“ Ausdruck, da diese
ihm „als historische Gerechtigkeit erscheint“ und seinem
„elementaren Bedürfnis nach Heilung von Teilen oder Bruchstücken
zu einem Ganzen entspricht“. Es sei jetzt „kein Unglück“,
wenn die rechtsradikale Partei der ‘Republikaner’ bei
Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde überspringe, vielmehr
müsse alles getan werden, „um die führenden SED-Mitglieder
in der Schule, in den Betrieben, im Stadtrat usw. zu eliminieren“.
Außenpolitisch wendet Ronneberger seinen Blick einmal mehr
gen Osten und Südosten. Seiner Ansicht nach kann jetzt endlich
das umgesetzt werden, „was wir im nationalen Interesse für
nötig halten“, womit er in erster Linie die Revision
der Oder-Neiße-Grenze meint: Daß deren Weiterbestehen
Ende 1990 durch einen bilateralen Vertrag zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und Polen gesichert wurde, ist für Ronneberger
Ergebnis einer „polnischen Erpressung“; den Grenzvertrag
selbst bezeichnet er als „Raubvertrag“. Mit Blick auf
die politische Krise in Jugoslawien notiert Ronneberger am 22. Oktober
1990: „Das eigentliche Problem stellt sich als die Auswirkung
des Geburtsfehlers des jugoslawischen Staates dar. Trotz aller ...
internationalen Propaganda scheint sich das staatliche Zusammenleben
von so unterschiedlichen Völkern und Regionen nicht organisieren
zu lassen.“ Am 13. Juli 1991 benennt er den Grund dafür:
„Was Föderalismus bedeutet, wissen die Serben nicht und
können es auch nicht verstehen.“
Fazit
Ronnebergers zentrale wissenschaftliche Kategorie
ist die der ‘Integration’. Meinte er damit in der Zeit
des Dritten Reichs die Einordnung der südosteuropäischen
Staaten und ihrer Bevölkerung in den von Deutschland konstruierten
politisch-ökonomischen ‘Großraum’, so verstand
er darunter nach 1945 die Einordnung des Menschen in die Gesellschaft
der Bundesrepublik. Sein Erkenntnisinteresse bezog sich ausschließlich
auf die Funktionalität politischer Maßnahmen für
die Integration und war von dem Wunsch geprägt, gesellschaftliche
Prozesse zu steuern und zu regeln. Dies ließ ihn zum Anhänger
der Systemtheorie werden und korrespondiert mit seiner Konzeption
einer kapitalistisch verfaßten und korporativistisch formierten
Gesellschaft, in der der Pluralismus als Bedrohung für die
Existenz des Kapitalismus und die Herrschaft der gesellschaftlichen
Eliten erscheint. Als Kommunikationswissenschaftler befaßte
sich Ronneberger mit den Massenmedien als Mittel der Integration.
Bereits im Dritten Reich hatte er die Vorstellung entwickelt, daß
die Massenmedien die Information und Beratung der politischen Elite
gewährleisten und dieser als Propagandainstrument dienen sollten.
Dem entsprach auch seine eigene Praxis als Informant, Presseanalytiker
und Propagandist des NS-Regimes. In der Bundesrepublik übernahm
dann PR diese ursprünglich den Medien zugedachten ‘Funktionen’,
da nur dem Meinungspluralismus und der Pressefreiheit verpflichtete
Journalisten als potentielle Bedrohung für den Bestand der
restaurierten Gesellschaftsordnung wahrgenommen wurden. Ronnebergers
politisches Denken muß letztlich als autoritär, affirmativ,
antiemanzipatorisch und antidemokratisch charakterisiert werden;
es sah immer auch die Elimination derjenigen vor, die nicht integriert
werden sollten (Juden) oder sich der Integration widersetzten (Kommunisten).
Völkische Auffassungen traten bei Ronneberger nach 1945 zwar
in den Hintergrund, waren jedoch stets virulent, wie seine Äußerungen
zur ‘Ausländerpolitik’ und zu Jugoslawien zeigen.
Veröffentlicht in: Wolfgang Duchkowitsch
et al. (Hg.), Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen
Zeitungswissenschaft, Kommunikation.Zeit.Raum 1, Münster 2004,
S. 193-217.
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- Stand: Dezember 2004 |
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