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Dr.
phil. Peer Heinelt
Wo die Chemie stimmt
Revisionistische Geschichtsbilder einer Ausstellung:
In Frankfurt/Main entsorgt eine Universitätsleitung die Vergangenheit
des ehemaligen IG-Farben-Hauptgebäudes
Mit den Worten „Geschichte transparent gemacht“,
betitelte die Pressestelle der Universität Frankfurt am Main
im Oktober 2001 eine von ihr herausgegebene Erklärung. Darin
ging es um die Eröffnung einer Dauerausstellung über die
ehemalige Frankfurter Zentrale des IG Farben-Konzerns, die nach
jahrzehntelanger Nutzung durch die US-Armee jetzt die geisteswissenschaftlichen
Fachbereiche der Hochschule beherbergt. Ein Blick auf das einstige
Verwaltungsgebäude des Chemiekonzerns und seine nähere
Umgebung läßt es jedoch fraglich erscheinen, ob hier
wirklich Geschichte transparent gemacht wird: Der leicht erhöht
gelegene Bau wirkt abweisend und bedrohlich, was noch dadurch verstärkt
wird, daß ein hoher Metallzaun und uniformierter Wachschutz
der außeruniversitären Öffentlichkeit den Zutritt
verwehren. Von außen erinnert nichts daran, daß hier
während des 2. Weltkriegs Raub- und Vernichtungsprojekte geplant
und koordiniert wurden; über dem Haupteingang thront der Schriftzug
„Johann-Wolfgang-Goethe-Universität“, die nahegelegene
Bushaltestelle der Linie 36 heißt schlicht „Oberlindau“.
Überhaupt tut sich die Universitätsleitung
schwer mit der Erinnerung an diejenigen, die das mörderische
Zwangsarbeitsregime der IG Farben nicht überlebten oder durch
das konzerneigene Giftgas Zyklon B ums Leben kamen. Erst nach heftigen
Protesten erklärte sie sich bereit, eine Gedenktafel für
die Opfer der Konzernpolitik vor dem IG-Hochhaus anzubringen. Am
liebsten hätte man die Erinnerung an die einstige Funktion
des Gebäudes ohnehin gleich ganz beseitigt: Die studentischen
Vertreter im Konvent der Universität mußten erzwingen,
daß der Name „IG-Farben-Haus“ in universitären
Selbstdarstellungen erhalten bleibt und nicht kurzerhand nach dem
Architekten Hans Poelzig durch „Poelzig-Ensemble“ ersetzt
wird. Mittlerweile läßt die Universitätsspitze allerdings
gerne verlauten, für das neue Domizil habe sich die Bezeichnung
„Campus Westend“ bereits „eingebürgert“.
Das hier zum Ausdruck kommende Geschichtsverständnis
manifestierte sich auch bei den offiziellen Feierlichkeiten anläßlich
der Inbesitznahme des IG-Hochhauses durch die Universität am
26. Oktober 2001. Überlebende und Verfolgte des NS-Regimes
hatten kein Rederecht; der antifaschistische Widerstandskämpfer
Peter Gingold konnte seine Ansprache nur vor dem von der Polizei
hermetisch abgeriegelten Gebäude halten. Unliebsame Gäste
wurden gewaltsam entfernt, während der hessische Ministerpräsident
Roland Koch, der seinen Wahlkampf in Form einer rassistischen Kampagne
gegen die doppelte Staatsbürgerschaft geführt hatte, Glückwünsche
zum gelungenen Umzug übermittelte. Der Professor für Soziologie
und Philosophie, Stefan Gandler, der zu diesem Zeitpunkt ein Forschungssemester
an der Goethe-Universität verbrachte, war schockiert: „Es
ist gut, mit Tätern Verständnis zu haben und Opfern noch
heute das Wort zu verbieten. Unter diesem Motto kann die Position
der Universitätsleitung ... zusammengefaßt werden. Der
massive und gewaltförmige Ausschluß der universitären
Öffentlichkeit vom Festakt belegt, daß die Universitätsleitung
noch inneruniversitäre Kritik an diesem revisionistischen Geschichtsbild
erwartet.“
Die Erwartung hat sich bestätigt. Mit der „Initiative
Studierender im IG-Farben-Gebäude“ ist ein Zusammenschluß
entstanden, der versucht, dem offiziellen Geschichtsbild der Universität
ein eigenes entgegenzusetzen. Durch zahlreiche Veranstaltungen machte
die Gruppe auf das Schicksal der Opfer des Chemiekonzerns aufmerksam;
sie beteiligt sich außerdem an den Protesten gegen die alljährlich
in Frankfurt stattfindende Hauptversammlung der IG-Rechtsnachfolgerin
„IG Farben i(n) A(bwicklung)“. Auch fordert die Initiative
die Umbenennung des vor dem IG-Hochhaus gelegenen Grüneburgplatzes
in „Norbert-Wollheim-Platz“, nach demjenigen Zwangsarbeiter,
der Anfang der fünfziger Jahre einen ersten Entschädigungsprozeß
gegen die IG Farben i. A. führte.
Aktuell hat die Gruppe die eingangs erwähnte
Dauerausstellung über die Geschichte des IG-Hochhauses unter
die Lupe genommen. Ihr Urteil fällt vernichtend aus. Unter
dem Titel „Von der Grüneburg zum Campus Westend“,
heißt es in einer Erklärung, werde eine „Erfolgsgeschichte“
erzählt: „Ausgeblendet werden die auf rücksichtslose
Expansion ausgerichteten Funktionsmechanismen des Kapitalismus und
ihr Preis, so daß nur von einigen klugen Chemikern und Managern
gesprochen werden kann, die die IG Farben groß gemacht hätten
und dann in die Fänge der Nationalsozialisten geraten seien.“
Es darf vermutet werden, daß diese Form der Darstellung nicht
zuletzt dem Einfluß derjenigen geschuldet ist, deren Spenden
die Realisierung der Ausstellung ermöglichten. Es handelt sich
um die FAZIT-Stiftung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (DM 200.000)
und den Verband der Chemischen Industrie (DM 90.000).
Eine erste kritische Führung durch die Dauerausstellung
im IG-Farben-Haus findet am Mittwoch, 12. November 2003, um 14.00
Uhr statt.
Veröffentlicht in: Junge Welt v. 12.11.2003,
Nr. 263, S. 13.
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- Stand: Dezember 2004 |
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