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Dr.
phil. Peer Heinelt
Nachholbedarf für Public Affairs?
Widersprüche eines PR-Profis
In seinem Beitrag “Auftrags-Journalisten”
und journalistisches Selbstverständnis (M 7-8/2003)
beschreibt Eberhard B. Freise ein seiner Ansicht nach zentrales
Problem für “seriöse” Public-Relations-Arbeit:
die Kommerzialisierung der Massenmedien. Von den für die Ausbildung
von PR-Beratern zuständigen Einrichtungen fordert er, sich
verstärkt damit auseinanderzusetzen. Der seiner Aussage immanente
Widerspruch scheint ihm jedoch nicht aufgefallen zu sein: Immerhin
ist die Kommerzialisierung der Medien die Grundlage jeglicher PR-Arbeit,
worauf Jürgen Habermas bereits 1961 in seiner Habilitationsschrift
Strukturwandel der Öffentlichkeit hingewiesen hat.
Die Entwicklung der kommerziellen Massenpresse, heißt
es hier, basiert zum einen auf der Erhöhung der Produktion
und des Absatzes von Presseerzeugnissen, zum anderen auf der Ausweitung
des Anzeigengeschäfts. Die Konkurrenz auf dem Zeitungs- und
Anzeigenmarkt befördert Prozesse der Kapitalkonzentration in
deren Folge Pressemonopole entstehen. Vormals unabhängige Redaktionen
verlieren ihre Selbständigkeit und werden von der Konzernzentrale
“gleichgeschaltet”, während gleichzeitig die Anzeigenkunden
immer mehr Einfluß auf die Unternehmenspolitik gewinnen. Die
“privilegierten Privatinteressen” des Medienunternehmers
finden schließlich ebenso wie die der Werbekunden Eingang
in die Berichterstattung. Auf diese Weise wird die bürgerliche
Öffentlichkeit “refeudalisiert”; sie ist nicht
länger als “Publikum räsonierender Privatleute”
zu verstehen, sondern als “Hof” vor dem Repräsentation
entfaltet wird. Die zu diesem Zweck eingesetzten Mittel sind Inszenierungen
und Imageproduktion; die Ausführenden heißen PR-Berater.
Selbstverständlich hat vor diesem Hintergrund,
wie Freise richtig bemerkt, “derjenige PR-Profi ... mehr Medien-Chancen,
der auch inseriert oder Sendungen sponsert”. Das allerdings
ist nicht nur ein alter Hut, sondern auch seit vielen Jahren Common
sense in der PR-Szene: Carl Hundhausen, der als Gründervater
der deutschen PR-Schule gilt, wurde in den fünziger Jahren
von Krupp damit beauftragt, das in der Öffentlichkeit vorherrschende
Bild vom Kriegsverbrecher-Konzern in ein ausschließlich positives
Image zu transformieren. Die von ihm entwickelte Strategie, die
Vergabe von Anzeigenaufträgen an eine Krupp-freundliche Berichterstattung
zu knüpfen, erwies sich als überaus erfolgreich. Als Gegenleistung
für die Schaltung umfangreicher Anzeigenserien veröffentlichten
US-amerikanische Zeitschriften wie Newsweek oder Fortune wohlmeinende
Reportagen über Krupps “wunderbares Comeback”.
Mit Axel Springer vereinbarte Hundhausen, daß alle Nachrichten
über Krupp vor ihrer Veröffentlichung der Verlagsleitung
vorzulegen seien; im Gegenzug gab seine Abteilung ihre Anzeigenaufträge
direkt an den Springer-Konzern.
Diese und andere Erkenntnisse der PR-Profis hat sich
die Politik längst zu eigen gemacht, weshalb Politiker insbesondere
in Wahlkampfzeiten vermehrt von Spin-Doctoring, “Show und
Spektakel” Gebrauch machen. Freise kritisiert diese Entwicklung
vehement: Gegen die von Politikern angewandten “Instrumente
von Demagogie, Diktatur und Totalitarismus” haben seiner Ansicht
nach “seriöse Profis der politischen Öffentlichkeitsarbeit,
die auf Argumente und Überzeugung setzen”, keine Chance.
Als Gegenmittel empfiehlt er den Ausbau des PR-Bereichs “Public
Affairs”, worunter er die “Einflußnahme auf öffentliche
Angelegenheiten, auf die Tätigkeit der öffentlichen Hand”
versteht.
Vorbildhaft erscheint Freise in diesem Zusammenhang
der Frankfurter PR-Unternehmer Moritz Hunzinger, von dessen “politischer
Kontaktarbeit” sich jedoch selbst “namhafte PR-Chefs”
lieber “schamhaft distanziert” hätten, anstatt
sie “mannhaft zu verteidigen”. In der Tat hat Hunzinger
Erfolge vorzuweisen: Nach der Bundestagswahl 1998 gelang es ihm,
seine Auftraggeber aus der Rüstungsindustrie mit sozialdemokratischen
und grünen Spitzenpolitikern zusammenzuführen, wofür
letztere Spenden, Honorare, einen Kredit oder eine persönliche
Imageberatung erhielten, nachdem ihnen erstere erklärt hatten,
daß Krieg und Waffenhandel gut für den Standort Deutschland
sind. Hunzingers Politische Salons dürften den Aufschwung des
deutschen Rüstungsexports maßgeblich befördert haben.
Großen “Nachholbedarf für Public-Affairs-Arbeit
und politische Lobby” sieht Freise insbesondere bei denjenigen
gesellschaftlichen Gruppen, die hierzulande “in den politischen
Entscheidungsgremien überhaupt nicht vertreten sind”.
Nur - wen meint er damit? Alte, Kranke, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger
dürften - ganz im Unterschied etwa zur Rüstungsindustrie
- kaum das nötige Kleingeld haben, um sich “Auftrags-Journalisten”
zu halten. Der PR-Nachwuchs wird also wohl auch in Zukunft traditionelle
Wege beschreiten müssen.
Veröffentlicht in: M - Menschen Machen
Medien, 52. Jg., Nr. 9, 2003, S. 17.
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- Stand: Dezember 2004 |
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