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Dr.
phil. Peer Heinelt
Nur deutsche Kriege sind gute Kriege
Bundesrepublikanische Medien auf Friedenskurs?
Vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Massenmedien
ist Kritik an der US-Kriegspolitik zur Zeit „in“. Bereits
im Vorfeld des Irak-Krieges wurde laut darüber nachgedacht,
ob es der Bush-Administration vielleicht weniger um die Beseitigung
von Massenvernichtungswaffen und die Etablierung eines demokratischen
Regierungssystems im Irak gehe als um die dort lagernden Erdölvorkommen
und die Neuordnung des gesamten Nahen Ostens gemäß der
eigenen geostrategischen Interessen. Nahostexperten warnten zur
besten Sendezeit vor einer „Destabilisierung der gesamten
Region“ im Falle eines Angriffs der USA und ihrer Verbündeten
auf das arabische Land. Als dieser dann erfolgte, sah man im Fernsehen
sehr bald die Bilder ziviler Opfer, die von dem einen oder anderen
Kommentator mit dem zusätzlichen Hinweis versehen wurden, daß
bestimmte Filmaufnahmen zuvor herausgeschnitten worden seien, da
man sie dem deutschen Publikum aufgrund ihrer Grausamkeit nicht
zumuten könne. Die weltweiten Proteste gegen den Krieg nahmen
ebenso breiten Raum innerhalb der Berichterstattung ein wie die
Diskussion über Fragen des Völkerrechts. Letztere drehte
sich insbesondere darum, ob deutsche Piloten in AWACS-Aufklärungsflugzeugen
nicht durch ihre Tätigkeit zur Absicherung eines Angriffskrieges
beitrügen.
Mitunter äußerte sich die kritische Haltung
deutscher Massenmedien zum Krieg gegen den Irak auch in Form von
Medienkritik. Immer wieder wurde der US-amerikanische Fernsehsender
„Fox-TV“ als Beispiel für eine Kriegsberichterstattung
angeführt, die von Kriegspropaganda nicht mehr zu unterscheiden
ist: Bereits das Erscheinungsbild des Senders sei martialisch bis
militaristisch; die Sendungen selbst verharmlosten und verherrlichten
den Krieg, indem sie ihn wie ein Computerspiel darstellten. In Deutschland
hingegen bemühe man sich aller militärischen Zensur zum
Trotz um eine „ausgewogene“ Berichterstattung und darum,
„nicht der Propaganda einer Seite aufzusitzen“.
Während vorangegangener Kriege mit deutscher
Beteiligung, insbesondere aber während des Krieges gegen Jugoslawien
1999, stellte sich die Kriegsberichterstattung ganz anders dar.
Sie folgte exakt den Regeln und Methoden der modernen Feindbildpropaganda;
die Verächtlichmachung und Verteufelung des Gegners diente
deutschen Massenmedien dazu, den Einsatz militärischer Gewalt
gegen ein souveränes Völkerrechtssubjekt zu legitimieren:
Nachdem der amtierende jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic
kurzerhand zum „Serbenführer“ degradiert worden
war, unterstellte man ihm einen großangelegten Plan zur „ethnischen
Säuberung“ der serbischen Provinz Kosovo, den sogenannten
Hufeisenplan. Die Mittel zur Umsetzung dieses Plans, hieß
es, seien „Selektionen“, die Einrichtung von „Konzentrationslagern“
und bestialisch durchgeführte Massenmorde, Verbrechen, die,
wie die Geschichte des Nationalsozialismus lehre, nur mittels Krieg
beendet werden könnten. „Nie wieder Auschwitz!“
lautete denn auch der oft zu vernehmende Schlachtruf.
Die genannten von Verteidigungsminister Rudolf Scharping
und Außenminister Joseph Fischer in die Welt gesetzten „Fakten“,
Einschätzungen und Parolen wurden unhinterfragt und ungeprüft
kolportiert, ihre Urheber mußten sich keinen kritischen Fragen
stellen. Im Gegenteil; nach dem Beginn der Bombenangriffe auf Jugoslawien
übernahmen deutsche Journalisten bereitwillig die offiziellen
Sprachregelungen: Aus zivilen Opfern wurden gemäß der
Vorgaben des NATO-Pressesprechers Jamie Shea „Kollateralschäden“;
Eberhard Seidel verstieg sich in der taz Ende April 1999 sogar zu
der Aussage, daß 1000 tote Zivilisten nach fünf Wochen
Krieg „eher ein Beleg für behutsame Bombardements“
seien. In der Fernsehsendung ZDF-spezial sprach Peter Frey von einer
„Kampagne“ der NATO, als handele es sich nicht um Bombenterror
gegen die Zivilbevölkerung, sondern um einen Wahlkampf oder
Werbefeldzug. Der mit dem Angriff auf Jugoslawien vollzogene Völkerrechts-
und Verfassungsbruch wurde konsequent ignoriert (bei öffentlich-rechtlichen
Medien beschäftigte Journalisten, die sich diesem Denkverbot
nicht beugten, sondern zutreffend von einem militärischen Überfall
sprachen, wurden eingeschüchtert oder geschaßt); fast
niemand in der deutschen Medienlandschaft störte sich an der
Ungeheuerlichkeit der von Fischer und Scharping vorgenommenen Gleichsetzung
von Jugoslawien mit Nazideutschland.
Ist nun die Berichterstattung über den Irak-Krieg
journalistischer Lernfähigkeit oder gar einem generellen Umdenken
geschuldet? Ich meine, daß sich diese Frage nur mit einem
klaren Nein beantworten läßt, und will im folgenden einige
Indizien dafür benennen.
Vor dem Hintergrund der Berichterstattung über
den Jugoslawien-Krieg wäre die Voraussetzung für einen
Journalismus, der sich nicht mehr für die Zwecke der Kriegspropaganda
einspannen lassen will, eigentlich die Selbstkritik der Journalisten.
Hierzu aber scheinen insbesondere die Programmverantwortlichen in
den Chefetagen deutscher Massenmedien weder willens noch fähig
zu sein. Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Siegmund Gottlieb,
war noch ein Jahr nach den mörderischen Bombardements serbischer
Städte der Ansicht, in der Öffentlichkeit ein „der
Wahrheit relativ nahe kommendes Bild“ des Krieges erzeugt
zu haben. Auch sein bereits erwähnter Kollege Peter Frey, Auslandschef
des ZDF, sah keinen Grund, sich mit der eigenen Berichterstattung
während des Jugoslawien-Krieges auseinanderzusetzen. Als dies
bei den Mainzer Tagen der Fernsehkritik im Mai 2000 von ihm verlangt
wurde, tat er es als Aufforderung zur Selbstkasteiung ab.
Etliche Journalisten hierzulande identifizieren sich
nicht zuletzt aus Karrieregründen mit den gesellschaftlichen
und politischen Eliten, was sie schnell zum Sprachrohr für
deren Interessen und Forderungen werden läßt. Diese werden
von den Medien aufgenommen und der Öffentlichkeit als alternativlos
und gemeinwohlorientiert präsentiert, was bereits bei der Übernahme
bestimmter Begrifflichkeiten, deren euphemistischer Gehalt eigentlich
für jeden Journalisten zu erkennen sein müßte, beginnt:
So ist beispielsweise nie von Sozialabbau die Rede, sondern stets
von notwendigen „Reformen“ im Interesse aller. Die hier
zum Ausdruck kommende staatstragende und konsensstiftende Rolle
der bundesrepublikanischen Massenmedien zeigt sich umgekehrt daran,
daß bestimmte Fragen, die die gesellschaftlichen und politischen
Eliten als störend empfinden könnten, einfach nicht gestellt
werden, was insbesondere für den militärischen Bereich
gilt. Kaum ein Journalist interessiert sich für die Tätigkeit
des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Afghanistan; die Verteidigungspolitischen
Richtlinien der Bundesregierung werden ebensowenig kritisch hinterfragt
wie der fortschreitende Umbau der Bundeswehr zur Interventionsarmee
oder die Pläne zur Aufstellung einer europäischen Streitmacht.
Wird in diesem Zusammenhang auf die „Sicherheit der Truppe“
oder den „Schutz militärischer Geheimnisse“ verwiesen,
verdeutlicht dies nur, daß das Gros der deutschen Journalisten
bereit ist, das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit
im Zweifelsfall den Erfordernissen der Kriegführung unterzuordnen.
Überhaupt verstehen sich deutsche Journalisten
augenscheinlich weniger als Kritiker gesellschaftlicher und politischer
Zustände denn als Berichterstatter über Ereignisse, die
von den politischen und gesellschaftlichen Eliten inszeniert werden.
Im Kriegsfall kann dies leicht zu geistiger und moralischer Überforderung
führen, wie aus einem Interview mit dem Leiter der Programmgruppe
Ausland des Westdeutschen Rundfunks, Albrecht Reinhardt, über
die Berichterstattung während des Jugoslawien-Krieges hervorgeht:
„Was wir da eigentlich gemacht, vielleicht auch angestellt
haben“, so Reinhardt, sei zuvorderst der Situation geschuldet,
„daß wir selber als Deutsche involviert sind“.
Mangelndes Geschichtsbewußtsein verschärft das Dilemma:
„Der letzte Krieg mit deutscher Beteiligung vergleichbar dem
Jugoslawieneinsatz war schließlich der zweite Weltkrieg. Bei
uns im Sender gibt ‘s schon länger keinen mehr, der da
noch aus eigener Anschauung vergleichen könnte.“
Dieser Art überforderte Journalisten sind ein
gefundenes Fressen für diejenigen, die auf strategische Kommunikation
im Dienste eines bestimmten Auftraggebers spezialisiert sind - Public
Relations (PR)-Berater und -Agenturen. Ihre Professionalität,
das von ihnen akkumulierte „praktische Wissen von Pressereferenten“
über journalistische Darstellungsformen, Denkmuster und Verhaltensroutinen,
fördert, wie Barbara Baerns empirisch nachgewiesen hat, die
Bereitschaft von Journalisten, Propagandameldungen zu publizieren.
Es ist daher kaum verwunderlich, daß heutzutage vermehrt PR-Agenturen
in die Vorbereitung und Begleitung kriegerischer Konflikte einbezogen
werden. Einige Beispiele:
Nach dem Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait 1990
engagierte die Organisation „Citizens for a Free Kuwait“,
hinter der die kuwaitische Regierung stand, die Agentur Hill &
Knowlton (H & K), eine der größten PR-Firmen der
USA, um die US-amerikanische Öffentlichkeit für einen
Krieg gegen den Irak zu gewinnen. Unter dem Motto „Befreien
Sie Kuwait“ veranstaltete H & K im ganzen Land Aktions-,
Informations- und Gebetstage. Der Aufruf zum Befreiungskrieg war
auch auf Aufklebern und T-Shirts zu lesen, die zu Zehntausenden
verteilt wurden, während man gleichzeitig die Massenmedien
mit Pressemitteilungen und Informationskassetten über vermeintliche
irakische Kriegsverbrechen versorgte. Mit Unterstützung US-amerikanischer
Regierungsstellen konnte H & K schließlich eine Meldung
lancieren, die in den US-amerikanischen Medien für einen wahren
Sturm der Entrüstung sorgte und die Kriegsbereitschaft der
Bevölkerung stark anwachsen ließ: Am 10. Oktober 1990
ließ die Agentur eine kuwaitische Krankenschwester vor dem
Menschenrechtsausschuß im Kongreß erklären, irakische
Soldaten hätten bei ihrem Einmarsch in Kuwait-Stadt Frühgeborene
aus ihren Brutkästen im Al Addan-Hospital gezerrt und auf dem
Fußboden sterben lassen. Obwohl es sich bei dieser Zeugin
keineswegs um eine Krankenschwester handelte, sondern um die Tochter
des kuwaitischen Botschafters in den USA, und ihre Aussagen nie
verifiziert werden konnten, wurde die „Brutkasten-Story“
immer wieder von den Medien kolportiert.
Die sezessionistischen Konfliktparteien in Kroatien,
Bosnien-Herzegowina und im Kosovo bedienten sich bei ihrem propagandistischen
Kampf für die Loslösung von Jugoslawien ebenfalls einer
PR-Agentur. Das US-amerikanische Unternehmen Ruder Finn hatte bereits
1967 die Sezession Biafras aus dem nigerianischen Staatsverband
propagandistisch vorbereitet; damals war die Selbständigkeit
der Provinz insbesondere gegenüber US-amerikanischen Meinungsführern
in Regierung, Parlament, Wirtschaft und Massenmedien als „historische
Notwendigkeit“ dargestellt worden. Ähnlich wie in den
neunziger Jahren bei ihrem Engagement für die jugoslawischen
Teilrepubliken ging es Ruder Finn auch im Fall Biafras darum, die
Zentralregierung als Protagonisten eines organisierten „Völkermordes“
zu stigmatisieren, um so die USA zur diplomatischen Anerkennung
der Sezessionisten und zum militärischen Eingreifen zu bewegen.
Im Rahmen der psychologischen Kriegführung vor
und während des aktuellen Krieges gegen den Irak stand die
Rendon Group der US-Regierung zur Seite. Ihr Präsident, John
W. Rendon jr., versteht sich nach eigener Aussage als „Informationskrieger“,
der „Kommunikation nutzt, um die Ziele der Politik oder eines
Unternehmens zu erreichen“. Seine PR-Firma soll den Namen
des Irakischen National Kongresses geprägt und die Koalition
von Oppositionsbewegungen in den Jahren 1992 bis 1996 mit insgesamt
12 Millionen Dollar finanziert haben; das Geld stammte aller Wahrscheinlichkeit
nach von der CIA. Darüber hinaus unternahm die Rendon Group
geraume Zeit den Versuch, mit Hilfe von Videos und Radioprogrammen
Mitglieder der irakischen Armee gegen Saddam Hussein aufzuwiegeln.
Von dem Frankfurter PR-Unternehmer und Rüstungslobbyisten
Moritz Hunzinger ist nicht bekannt, daß er während des
Jugoslawien-Krieges neben seiner Tätigkeit als Imageberater
des Verteidigungsministers Scharping auch als dessen Stichwortgeber
fungierte. Über das für die Bewältigung solcher Aufgaben
notwendige Know-how verfügt er zweifellos, und auch das Denken
in militärischen Kategorien ist ihm nicht fremd: „Wer
Osteuropa erobern will, braucht die besten Multiplikatoren“,
lautet ein Slogan seiner Eigenwerbung.
Daß Journalisten zu Multiplikatoren für
PR-Botschaften werden, liegt letztlich in der politischen Ökonomie
der Massenmedien begründet. Bei diesen handelt es sich nämlich
um kapitalistische Industriekonzerne, die die Ware Information produzieren
und verkaufen und sowohl untereinander als auch mit den öffentlich-rechtlichen
Sendeanstalten um Leserzahlen, Einschaltquoten und Werbeaufträge
konkurrieren. Auch die Journalisten selbst stehen untereinander
in einem Konkurrenzverhältnis, das noch dadurch verschärft
wird, daß viele von ihnen für mehrere Printmedien oder
Rundfunksender gleichzeitig arbeiten und nicht nach Arbeitsstunden
bezahlt werden, sondern nach Zeilenzahl oder Sendezeit. Was kann
es für sie Schöneres geben, als von der Pressestelle eines
Unternehmens oder einer PR-Agentur einen Beitrag zu erhalten, der
mit geringfügigen Änderungen versehen als eigener ausgegeben
werden kann? Da sich mancher Journalist zusätzlich als PR-Referent
für potente Kunden verdingt, verschwimmen die Grenzen zwischen
beiden Berufsgruppen mehr und mehr; ihre Angehörigen sind letztlich
als etwas besser bezahlte Lohnarbeiter anzusehen, die auf die Beschaffung,
Bearbeitung und Weitergabe von Informationen spezialisiert sind.
Dies läßt sie in Friedenszeiten für
Geheimdienste, in Zeiten des Krieges für das Militär interessant
werden: Nur der „Insider“, der „embedded correspondent“
verfügt über Informationen, die es ihm ermöglichen,
sich von der Konkurrenz abzusetzen und bietet gleichzeitig die Gewähr
dafür, daß nur diejenigen Informationen die Öffentlichkeit
erreichen, die für diese bestimmt sind. Das weiß man
auch bei der Bundeswehr, die mittlerweile eigene Lehrgänge
für Kriegsberichterstatter anbietet.
In kommenden Kriegen mit deutscher Beteiligung ist
folglich nicht davon auszugehen, daß sich die Journalisten
hierzulande von der Kriegspropaganda der eigenen Regierung distanzieren
werden. Aber vielleicht übernehmen ja dann CNN oder BBC den
Part der „kritischen“ Berichterstattung.
Veröffentlicht in: Utopie Kreativ, Nr.
152, 2003, S. 520-524.
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- Stand: Dezember 2004 |
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