| Dr.
phil. Peer Heinelt
“PR-Päpste”
Die kontinuierlichen Karrieren von Carl Hundhausen,
Albert Oeckl und Franz Ronneberger (Abstract)
Das vorliegende Buch ist eine politikwissenschaftliche
Dissertation, auf deren Grundlage der Autor Anfang 2003 von der
Universität Marburg promoviert wurde. Die Entwicklung der Public
Relations (PR) in Deutschland wird hier anhand von Leben und Werk
derjenigen beschrieben, die allgemein als „Gründerväter“
der deutschen PR-Schule gelten. Der Titel spielt auf eine Aussage
des Munzinger Archivs an: Diesem zufolge wird Albert Oeckl „gerne
als deutscher ‘PR-Papst’ apostrophiert“.
Die zentrale These der Arbeit besagt, daß die
Entwicklung der PR in Deutschland vor und nach 1945 überwiegend
kontinuierlich verlief und zwar sowohl in personeller als auch in
theoretischer Hinsicht. Dies steht den in der meist branchenintern
verfaßten Spezialliteratur vertretenen Auffassungen entgegen:
Der hier unterstellte Zusammenhang zwischen PR und Demokratie führt
zu der Aussage, daß es PR im Nationalsozialismus nicht gab;
das Jahr 1945 markiere deren „Stunde Null“. Diese auch
aus anderen gesellschaftlichen Bereichen bekannte Argumentationsfigur
wurde zuerst von den „Gründervätern“ der Disziplin
verwandt - aus gutem Grund: Hundhausen, Oeckl und Ronneberger hatten
wichtige Funktionen und Positionen in Wirtschaft, Staat, Politik
und Wissenschaft Nazideutschlands inne.
Carl Hundhausen (1893-1977) tritt Anfang der zwanziger
Jahre in die Finanzabteilung des Krupp-Konzerns ein. Nach seiner
Auswanderung in die USA 1926 ist er im Wertpapierhandel tätig
und interessiert sich insbesondere für die Kundenwerbung amerikanischer
Banken, deren Absicht die Weckung von Vertrauen - Goodwill - sei.
1931 kommt Hundhausen zurück nach Deutschland und wird Verkaufsdirektor
der Hillers-Werke in Solingen. Zu seinen Aufgaben gehört auch
die innerbetriebliche Kommunikation. 1933 tritt Hundhausen der NSDAP
bei und stellt seine Kenntnisse in den Dienst der NS-Ideologie:
Betriebsinterne Kommunikation ist betriebsgemeinschaftlich, die
Schaffung von Goodwill volksgemeinschaftlich interpretierbar.
Anläßlich einer Geschäftsreise durch
die USA 1937 schließt Hundhausen die von ihm entwickelte Werbe-
und PR-Konzeption wieder an US-amerikanische Vorbilder an. Er benutzt
erstmals den Begriff „Public Relations“ und merkt zugleich,
daß es gar nicht nötig ist, sich andere Inhalte und Strategien
anzueignen als die bereits von ihm und anderen in Deutschland entwickelten:
„Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein“, habe
bereits Alfred Krupp gesagt und damit „praktische Public-Relations-Policy“
betrieben. Während des Zweiten Weltkriegs stellt Hundhausen
Werbung und PR in den Dienst der Kriegswirtschaft und der Absatzlenkung.
Seine Mitarbeit in den mit Werbung befaßten Einrichtungen
des NS-Staates ermöglicht ihm zugleich, erste Schritte auf
dem Weg zur wissenschaftlichen Institutionalisierung der Werbelehre
zu gehen, z.B. durch seine Habilitation an der Universität
Frankfurt am Main.
1944 wechselt Hundhausen zum Krupp-Konzern, wo er
in den folgenden Jahren bis zum PR-Chef aufsteigt. Nachdem er seine
Entnazifizierung unbeschadet überstanden hat, kann er sich
in den fünfziger Jahren ganz der politischen Einflußarbeit
für Krupp widmen: Das Kriegsverbrecher- und Kanonenkönig-Image
seines Arbeitgebers soll möglichst aus der öffentlichen
Wahrnehmung verschwinden. Zugleich versucht Hundhausen weiter, Werbung
und PR als wissenschaftliche Disziplinen zu etablieren.
Albert Oeckl (1909-2001) tritt nach dem Studium der
Volkswirtschaft und der Jurisprudenz 1933 der NSDAP bei und wird
wenig später Mitarbeiter des Propagandaministeriums. Ab 1936
in der Berliner Zentrale des IG Farben-Konzerns entwickelt er sich
zum Generalisten auf allen Gebieten der unternehmerischen Öffentlichkeitsarbeit.
Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört unter anderem die Organisation
öffentlichkeitswirksamer Veranstaltungen wie der Kieler Woche
- heute würde man von „Eventmanagement“ sprechen.
Im Zweiten Weltkrieg ist Oeckl zunächst für
den Geheimdienst der Wehrmacht tätig. Er gehört zu einer
Sonderformation, die auf psychologische Kriegführung, Sabotage,
Diversion und Anti-Partisanenkampf spezialisiert ist. 1941 wechselt
Oeckl zum Reichsamt für Wirtschaftsausbau, das dem Aufsichtsratsvorsitzenden
der IG Farben, Carl Krauch, untersteht. Er arbeitet für eine
Sondergruppe, die sich mit der Nutzung eroberter Rohstoffressourcen
und der Rekrutierung von Zwangsarbeitern befaßt.
Nach 1945 ist Oeckl als „freier Wirtschaftsberater“
tätig, bis er 1951 die Geschäftsführung und die Leitung
der Pressestelle des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT)
übernimmt. 1958 gründet er gemeinsam mit Hundhausen und
anderen die Deutsche Public Relations Gesellschaft (DPRG), bis heute
die berufsständische Organisation deutscher PR-Berater. 1961
wird Oeckl PR-Chef der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) und
kümmert sich verstärkt um die interne Kommunikation in
der „Werksfamilie“. Im Bemühen um gesellschaftlichen
Konsens entwickelt er Richtlinien und Strategien zur „modernen
Meinungspflege“ (Herbert Gross) in Staat und Wirtschaft, die
sich in auflagenstarken und einflußreichen PR-Lehrbüchern
niederschlagen.
Die Karriere Franz Ronnebergers (1913-1999) beginnt
1934 als Studentenführer und Volkstumsforscher an der Universität
München. Er baut einen propagandistischen Südosteuropa-Pressedienst
auf und leitet ab Anfang 1939 eine auf den Balkan ausgerichtete
Dienststelle in Wien. An der dortigen Hochschule für Welthandel
hält er sozial- und politikwissenschaftliche Vorlesungen; 1944
habilitiert er sich. Seine Presse- und Forschungsarbeit sowie seine
umfangreiche publizistische Tätigkeit - unter anderem im Völkischen
Beobachter - führen zu einer engen Kooperation mit dem SD und
dem Reichssicherheitshauptamt; 1944 gehört Ronneberger zur
„Akademischen Legion der SS“.
Obwohl seine Entnazifizierung nicht ganz unproblematisch
verläuft, kann Ronneberger 1948 eine neue Karriere beginnen;
zunächst als Ressortleiter bei der Westdeutschen Allgemeinen
Zeitung (WAZ). 1952 knüpft er bei der in München „wiederbegründeten“
Südosteuropa-Gesellschaft an seinen alten Wirkungskreis an
und wird 1958 Referent beim Stifterverband für die Deutsche
Wissenschaft. 1964 übernimmt er die Leitung des Instituts für
Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg, das
er in „Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft“
umbenennt.
Hier entwickelt Ronneberger eine systemtheoretisch
fundierte PR-Theorie: Bereits im Dritten Reich hatte er die Auffassung
vertreten, daß die Massenmedien die Information und Beratung
der politischen Elite gewährleisten und dieser als Propagandainstrument
dienen sollten. Jetzt soll PR diese ursprünglich den Medien
zugedachten „Funktionen“ wahrnehmen; nur dem Meinungspluralismus
und der Pressefreiheit verpflichtete Journalisten erscheinen ihm
als potentielle Bedrohung für das „Gemeinwohl“
und den Bestand der bundesrepublikanischen Gesellschaftsordnung.
Hundhausen und Oeckl können als Teil der breiteren
Führungsgarnitur der NS-Wirtschaftselite bezeichnet werden.
Sie gehörten zum Heer der Spezialisten und Experten, die während
des Dritten Reichs leitende Stellungen in Unternehmen und Konzernen
einnahmen. Auf der Basis des von ihnen erworbenen Expertenwissens
und gestützt auf Beziehungsnetzwerke konnten sie in den fünfziger
Jahren regelrechte Blitzkarrieren durchlaufen. Im Unterschied zu
ihnen gehörte Ronneberger nicht zur Wirtschaftselite, sondern
zur politischen und akademischen Elite des Dritten Reichs. Aber
auch seine Nachkriegskarriere basierte auf zuvor erworbenen Fähigkeiten
und Kenntnissen sowie bestehenden Netzwerken.
Analog zu den Berufskarrieren verlief die Entwicklung
der PR-Theorie in Deutschland weitgehend kontinuierlich: Hundhausen
konnte in der Bundesrepublik nahtlos an seine Arbeiten aus der Zeit
vor 1945 anknüpfen, Oeckl und Ronneberger war es ohne weiteres
möglich, bestimmte während des Dritten Reichs entwickelte
Vorstellungen und Überlegungen in ihre nach 1945 entstandenen
PR-Theorien zu integrieren. Dies liegt daran, daß die PR-Theorie
durch ihre Orientierung auf gesellschaftlichen Konsens und „Gemeinwohl“
eine Schnittfläche mit einer „unverdächtigen“
Teilmenge der NS-Ideologie hat - der Gemeinnutz- und Volksgemeinschaftsrhetorik.
Peer Heinelt, “PR-Päpste”.
Die kontinuierlichen Karrieren von Carl Hundhausen, Albert Oeckl
und Franz Ronneberger, Rosa-Luxemburg-Stiftung Manuskripte 37, Karl
Dietz Verlag, Berlin 2003 (zugl. Marburg, Univ., Diss., 2002).
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Original (pdf-Datei zum Download, 736KB)
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- Stand: Dezember 2004 |