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Dr.
phil. Peer Heinelt
Der Führer und wir
Über die Gründerväter der bundesdeutschen
Public Relations
„Hunzinger ist nicht das schwarze Schaf der
Branche. Er ist nicht mal ein Schaf.“ Man könnte diese
Aussage von Bodo Bimböse, der die Frankfurter Filiale der PR-Agentur
‘Trimedia Communications’ leitet, dahingehend interpretieren,
daß Meinungs- und Kontaktpflege nun einmal zum Job eines PR-Beraters
gehören, dieser sich dabei aber bei Strafe der Exkommunikation
nicht so selten dämlich anstellen dürfe wie Moritz Hunzinger.
Was hat der Mann falsch gemacht? Immerhin ist es ihm nach der Bundestagswahl
1998 gelungen, seine Auftraggeber aus der Rüstungsindustrie
mit sozialdemokratischen und grünen Spitzenpolitikern zusammenzuführen,
wofür letztere Spenden, Honorare einen Kredit oder eine persönliche
Imageberatung erhielten, nachdem ihnen erstere erklärt hatten,
daß Krieg und Waffenhandel gut für den Standort Deutschland
sind. Hunzingers ‘politische Salons’ erfüllten
den ihnen zugedachten Zweck, wie die deutsche Militärpräsenz
in aller Welt und der Aufschwung des deutschen Rüstungsexports
eindrucksvoll belegen. Heute aber will - außer der CDU - keiner
mehr etwas von Hunzingers Erfolgen wissen. Sein Verhalten sei „plump“
gewesen, wirft ihm Jörg Schindler in der FR vom 25. Juli vor;
außerdem habe er es nicht verstanden, „zu verhindern,
daß seine Geschäfte publik wurden“. Andreas Fritzenkötter,
einst PR-Berater Helmut Kohls, heute beim Bauer-Verlag, assistiert:
Niemals dürfe der Eindruck entstehen, „daß Politiker
gesteuert werden - allenfalls ein bißchen gelenkt“.
Hunzinger selbst sieht sich als Opfer der Massenmedien,
insbesondere der Zeitungen, „die alle von einander abschreiben“;
seine gesamte Tätigkeit, beteuerte er in der ARD-Sendung ‘Gabi
Bauer’ am 31. Juli, sei „völlig harmlos“.
Aber warum dieses Gejammere in aller Öffentlichkeit, statt
Krisen-PR in eigener Sache? Konnte Hunzinger seiner Gesprächspartnerin
nicht einfach erklären, daß seine Arbeit, die in der
Pflege der Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik besteht,
letztlich dem Gemeinwohl dient und daß er genau das den Medien
schon noch vermitteln werde? Dem Mann soll geholfen werden. Ihm
sei an dieser Stelle empfohlen, die Theorie und Praxis der Gründerväter
der deutschen PR-Schule - Carl Hundhausen, Albert Oeckl und Franz
Ronneberger - noch einmal genau zu studieren.
Carl Hundhausen (1893-1977)
gilt heute bei Kommunikationswissenschaftlern als „PR-Klassiker“
(Manfred Rühl), was nicht zuletzt damit zusammenhängt,
daß er, so seine Biographin Eva-Maria Lehming, dem Begriff
‘Public Relations’ 1937 „ein Entree auf deutschem
Boden“ verschaffte. Anläßlich einer Geschäftsreise
durch die USA im Auftrag der Solinger Hillers-Werke (‘Dr.
Hillers Pfefferminz’) hatte Hundhausen einen Kongreß
der ‘Financial Advertisers Association’ in Syracuse,
New York, besucht. Hierüber berichtete er in der Zeitschrift
‘Deutsche Werbung’, die als offizielles Organ der NS-Reichsfachschaft
Deutscher Werbefachleute (NSRDW) firmierte. „Public Relations“,
hatte Hundhausen erfahren, „ist die Kunst, durch das gesprochene
oder gedruckte Wort, durch Handlungen oder durch sichtbare Symbole
für die eigene Firma, deren Produkte oder Dienstleistungen
eine günstige öffentliche Meinung zu schaffen.“
Dies sei „wahrhaftig ein hohes Ziel, das man sich steckt,
das aber heute in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo so erschreckend
viel über Sozialisierung, auch der Banken, geredet wird, ernstlich
akut ist.“ Im Grunde genommen, folgerte er, sei PR für
die deutschen Werbefachleute nichts Neues, schließlich habe
schon Alfred Krupp erklärt, daß der „Zweck der
Arbeit“ das „Gemeinwohl“ sein solle; „eine
solche Losung für Werk und Arbeit“ aber sei „praktische
Public Relations Policy“.
Anfang 1938 berichtete Hundhausen in der ‘Zeitschrift
für Betriebswirtschaft’noch einmal über seine Begegnung
mit PR, deren Absicht es sei, „den Gedanken, daß Arbeit
und Kapital gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben“, in
der Öffentlichkeit durchzusetzen. Den Grund für die mangelnde
Verständigung „zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern“
sieht Hundhausen in der „Verjudung der Vereinigten Staaten“.
Die jüdischen US-Bürger seien ein „Ferment“,
ein Gärstoff, der sich „fast ausschließlich in
radikalen Tendenzen äußert und betätigt“.
Seiner Auffassung nach ist PR eine „Frage der Menschenführung“;
für den „Public Relations Manager“ erhebe sich
daher „die Forderung nach einer wirklichen Führerpersönlichkeit,
einer Persönlichkeit mit Führereigenschaften“. Ähnlich
hatte sich Hundhausen bereits drei Jahre zuvor über den „Führer
einer Aktiengesellschaft“ geäußert. Dieser sei
„nur dann ein wirklicher Führer, wenn er neben der erfolgreichen
Lösung seiner wirtschaftlichen Aufgaben die Menschen in seinem
Betrieb zu einer Betriebsgemeinschaft zusammenfügen kann“.
Offensichtlich hat nicht nur der PR-Manager Hunzinger
völlig versagt, sondern auch der Führer der Hunzinger
Information AG. Statt seine Belegschaft gleichzuschalten und nach
der Devise zu verfahren ‘Wer sich nicht fügt, fliegt’,
übertrug er einem Mitarbeiter, den er für „nicht
vertrauenswürdig“ hielt, die Pflege sensibler Daten -
mit dem bekannten Resultat. Der Prokurist und Verkaufsdirektor Hundhausen
hingegen hatte die „Hillers-Leute“ gut im Griff und
bewies darüber hinaus die Fähigkeit, innovative Werbemethoden
einzusetzen, ohne sich deshalb gleich dem Vorwurf unlauterer Geschäftspraktiken
auszusetzen. „Als Adolf Hitler einmal in der Nähe von
Solingen bei einer Rede heiser geworden ist“, weiß Lehming
zu berichten, „schickt Hundhausen ihm anschließend eine
Kiste Dr. Hillers Pfefferminz mit einem von der Belegschaft unterschriebenen
Begleitbrief. Hitler bedankt sich in einem persönlichen Schreiben
bei der Arbeiterschaft. Diese beiden Briefe läßt Hundhausen
dann in großer Zahl vervielfältigen, legt sie in Ledermappen
ein und verschickt sie an alle Handelsvertreter, allerdings begleitet
von der expliziten Anweisung, diese Hitler-Korrespondenz nicht zu
Werbezwecken einzusetzen. Diese propagandistische Wirkung wird gerade
dadurch erreicht: Der Führer und wir von Dr. Hillers!“
Neben seiner Betätigung für Hillers wirkte
Hundhausen als Funktionär zahlreicher NS-Werbeorganisationen.
Er gehörte zum ‘Werberat der deutschen Wirtschaft’,
der 1933 von Goebbels mit dem Ziel gegründet worden war, „die
gesamte deutsche Wirtschaftswerbung unter einen einheitlichen Willen
zu stellen, die organisatorische Zersplitterung, die durch einen
überspitzten Individualismus hervorgerufen wurde, zu beseitigen
und die Werbung nach den Erfordernissen des neuen deutschen Staates
durchzuführen“. Zuerst stellvertretender Präsident,
ab 1939 Präsident des Werberates war der altgediente Nationalsozialist
Heinrich Hunke, zu dem Hundhausen außerordentlich gute Beziehungen
unterhielt, wie aus den Akten des Universitätsarchivs Frankfurt
am Main hervorgeht. Hunke sprach sich 1941 gegen alle Einwände
der Universitätsleitung dafür aus, Hundhausen mit einer
werbewissenschaftlichen Dozentur zu betrauen und stellte Forschungsgelder
bereit. In der nach dem deutschen Überfall auf Polen zur „kriegsmäßigen
Ausrichtung“ der internen Unternehmenskommunikation gegründeten
‘Arbeitsgemeinschaft für Innerbetriebliche Werbung’
der NSRDW traf Hundhausen auf prominente Reklamespezialisten wie
Hanns W. Brose, Hans Domizlaff, Egon Juda und H.F.J. Kropff, denen
er 1949 im Kontext der Gründung des Zentralausschusses der
Werbewirtschaft (ZAW) wiederbegegnen sollte. 1958 gründete
das ZAW-Präsidiumsmitglied Hundhausen gemeinsam mit Albert
Oeckl und weiteren Werbefachleuten aus der Großindustrie die
Deutsche Public Relations Gesellschaft (DPRG), deren heutige Repräsentanten
Moritz Hunzinger am liebsten aus dem Mitgliederverzeichnis ihrer
Standesorganisation streichen würden.
Bereits 1944 war Hundhausen zum Krupp-Konzern gewechselt,
wo er die kaufmännische Leitung der WIDIA-Werke übernahm.
Obwohl WIDIA während des Zweiten Weltkriegs Wolframkarbid zur
Herstellung panzerbrechender Geschosse produziert hatte, durfte
das Unternehmen auch nach der Beschlagnahmung durch die britische
Besatzungsmacht am 16. November 1945 weiter arbeiten - insbesondere
im Kohlebergbau wurden Spezialwerkzeuge aus Hart- oder Sintermetall
dringend benötigt. Hundhausen wußte dies und machte es
sich bei seinen Verhandlungen mit den Briten geschickt zunutze.
Demontiert wurde schließlich nur, was unmittelbar der Produktion
panzerbrechender Waffen gedient hatte. 1948 verurteilte das US-Militärtribunal
in Nürnberg Alfried Krupp, seit 1943 Alleininhaber des Krupp-Konzerns,
als Kriegsverbrecher zu zwölf Jahren Haft und ordnete die Einziehung
seines Vermögens an. Nach seiner Begnadigung durch den US-Hochkommissar
in Deutschland, John J. McCloy, übernahm er Anfang 1953 wieder
die Leitung des Konzerns; sein ‘Generalbevollmächtigter’
wurde Berthold Beitz. Dieser ernannte Hundhausen 1954 zum Chef der
‘Stabsabteilung Volkswirtschaft/Presse/Werbung’ und
beauftragte ihn mit dem propagandistischen Kampf gegen die Entflechtungsbestrebungen
der Westalliierten. Durch die „Umkehrung des kriegsbedingt
ramponierten, negativen ‘Kanonenkönig’- oder Kriegsverbrecher-Bildes
in ein ausschließlich positives Image“ sollte, wie Lehming
schreibt, die Grundlage dafür geschaffen werden. Die von Hundhausen
in diesem Zusammenhang entwickelte Strategie, die Vergabe von Anzeigenaufträgen
an eine für Krupp positive Berichterstattung zu knüpfen,
erwies sich als überaus erfolgreich. Als Gegenleistung für
die Schaltung umfangreicher Anzeigenserien veröffentlichten
US-amerikanische Zeitschriften wie ‘Newsweek’ oder ‘Fortune’
wohlmeinende Reportagen über Krupps „wunderbares Comeback“.
Mit Axel Springer vereinbarte Hundhausen, daß alle Nachrichten
über Krupp vor ihrer Veröffentlichung der Verlagsleitung
vorzulegen seien; im Gegenzug gab seine Abteilung ihre Anzeigenaufträge
direkt an den Springer-Konzern. Moritz Hunzinger sollte sich ein
Beispiel an Hundhausen nehmen, statt sich über negative Medienberichte
zu beklagen.
Albert Oeckl (1909-2001)
könnte ihm ebenso als Vorbild dienen. Dessen in Lehrbüchern
regelmäßig wiederholte Handlungsanweisung an den PR-Berater
lautet „Agieren, nicht reagieren!“. Im Gegensatz zur
Abwehr von Angriffen, „welche die Person oder Institution
veranlassen und manchmal zwingen, sich zu verteidigen, das eigene
Verhalten zu rechtfertigen oder sich durch ein Richtigstellen zur
Wehr zu setzen“, gebe es „ein weitsichtiges Überlegen
und Handeln in der Form, daß Öffentlichkeitsarbeit grundsätzlich
unter prophylaktischer Sicht betrieben wird, indem durch rechtzeitige
und ausreichende Information laufend vorgebeugt wird“. Aufgabe
des Öffentlichkeitsarbeiters sei es, dem „vielstimmigen
Medienorchester“ als „Komponist, Dirigent und Lehrer“
vorzustehen: „Der Kapellmeister - der PR-Fachmann - muß
versuchen, alle Instrumente einzusetzen, die zu dem jeweiligen Stück
passen, er muß die Soli wie die Tempi wirkungsvoll herausholen
und das ganze souverän dirigieren. Dazu braucht er je nach
Ort und Zeit und Publikum ebenso die Massenkommunikationsmittel
wie die individuellen Medien, wobei er als Künstler intuitiv
den Einsatz bestimmen muß.“
Der laut ‘Munzinger Archiv’ „gern
als deutscher ‘PR-Papst’ apostrophierte“ Oeckl
hat den Beruf des Beziehungsmaklers und Imagekonstrukteurs von der
Pike auf gelernt. In den Jahren 1934 und 1935 arbeitete er als Referent
für die Münchner Landesstelle des Propagandaministeriums,
bis ihn Anfang 1936 das IG Farben-Vorstandsmitglied Max Ilgner in
die Berliner Zentrale des Konzerns holte. Die IG Farben-Zentrale
Berlin NW 7 wird in der antifaschistischen Literatur als „Spionagezentrale“
bezeichnet, denn hier waren diejenigen Abteilungen untergebracht,
die den gesamten Konzern mit strategischen Informationen versorgten.
Da die IG Farben zu den Hauptförderern und -nutznießern
des NS-Regimes zählte, arbeiteten diese Abteilungen eng mit
Staatsorganen, Partei- und Wehrmachtsstellen zusammen. In Berlin
verstand man aber nicht nur etwas von Spionage, sondern auch von
Public Relations. Seit 1929 hatte Ivy Ledbetter Lee, der ehemalige
PR-Berater John D. Rockefellers, für die American I.G. Chemical
Corporation gearbeitet; nach dem Machtantritt Hitlers 1933 wurde
der Auftrag auf den gesamten Konzern ausgeweitet. Das Management
der IG Farben war über die Verschlechterung des deutsch-amerikanischen
Verhältnisses beunruhigt; insbesondere Aufrufe zum Boykott
deutscher Waren ließen eine Störung der Austauschbeziehungen
befürchten. Auf Vermittlung Ilgners traf Lee unter anderem
Hitler, Goebbels und Außenminister von Neurath und gab deutschen
Regierungsstellen Ratschläge zur Verbesserung ihrer Selbstdarstellung.
Offenbar hielt Ilgner auch Oeckl für ein PR-Talent, denn er
stellte ihn dem Verantwortlichen Abteilungsleiter der Pressestelle,
Mario Passarge, als persönlichen Assistenten zur Seite.
Die Pressestelle, ab Oktober 1937 ‘Nachrichtenstelle’
genannt, bestand aus den Abteilungen ‘Inland’, ‘Ausland’
und ‘Exportförderung-Propaganda und kulturelle Fragen’.
Die wichtigste Aufgabe der zuletzt genannten Abteilung war es, in
den USA um Good Will für die IG Farben und Nazideutschland
zu werben. Den anderen beiden Abteilungen oblag die Pflege der Kontakte
zu in- und ausländischen Journalisten, die mit Pressemitteilungen,
Bildmaterial, Broschüren und dem eigens für sie entwickelten
‘IG-Pressekalender’ beliefert wurden. Im Archiv der
Pressestelle dokumentierte man die erzielten Publikationserfolge
in Form von Zeitungsausschnitten; für den Konzern relevante
Medien und die dazugehörigen Redakteure wurden in Karteien
erfaßt. Im März 1938 wechselte Oeckl zur Direktionsabteilung,
in deren Auftrag er bereits während der Olympiade 1936 Besucher
betreut hatte. Referat I der Abteilung sorgte dafür, daß
Vorstand und Direktoren über alle für sie wesentlichen
Geschäftsvorgänge informiert wurden; hier war auch die
Codestelle untergebracht, in der die chiffrierten Telegramme der
IG-Verbindungsmänner aus aller Welt entschlüsselt wurden.
Referat II pflegte die Beziehungen zu Persönlichkeiten, die
für die IG Farben von Interesse waren und verteilte Spenden
an NSDAP-Gliederungen, staatliche und halbstaatliche Organisationen.
Das von Presse- und Direktionsabteilung gesponnene Beziehungsnetz
erfüllte seinen Zweck selbstverständlich nur, weil es
geheim blieb, was sich Moritz Hunzinger ein für alle Mal hinter
die Ohren schreiben sollte.
1939 wurde der Geheimdienst der Wehrmacht, das Amt
Ausland/Abwehr, auf den nachrichtendienstlich geschulten Oeckl aufmerksam.
Für die auf Sabotage, Partisanenjagd und psychologische Kriegführung
spezialisierte Eliteeinheit ‘z.b.V. 800 Brandenburg’
führte er in den Jahren 1940 und 1941 mehrere Sonderaufträge
in Frankreich durch. Womit er hierbei beschäftigt war, läßt
sich nicht mehr eruieren, aber noch 1964 galt ihm „die Psychologische
Kampfführung“ als eine „spezielle Form der Öffentlichkeitsarbeit“,
die sich zu diesem Zeitpunkt allerdings „mit allen jenen Kräften“
auseinandersetzte, „die nicht auf dem Boden des Grundgesetzes
stehen und unsere freiheitliche Lebensordnung verneinen“.
Weitere wichtige „Lehren“ zog Oeckl nach eigener Aussage
aus seiner Tätigkeit für das ‘Reichsamt für
Wirtschaftsausbau’, das „Kriegsamt“ des IG-Konzerns
(Dietrich Eichholtz) unter Leitung des Aufsichtsratsvorsitzenden
Carl Krauch. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion
arbeitete er für Krauchs ‘Sondergruppe’ beim ‘Wirtschaftsstab
Ost’ des Oberkommandos der Wehrmacht, die unter anderem eingerichtet
worden war, um Zwangsarbeiter für die erbeuteten Chemiebetriebe
zu rekrutieren.
1951 wurde Oeckl Geschäftsführer des Deutschen
Industrie- und Handelstages und übernahm die Leitung der dortigen
Pressestelle, die er nach dem Vorbild von Nachrichten- und Direktionsabteilung
der IG Farben zur ‘Abteilung Öffentlichkeitsarbeit’
umbaute. Fast zeitgleich erschien erstmals sein ‘Taschenbuch
des Öffentlichen Lebens’, ein bis heute häufig benutztes
Verzeichnis der Adressen bundesdeutscher Parteien, Verbände
und Behörden. 1959 wurde Oeckl PR-Chef der BASF und pflegte
fortan insbesondere die Beziehungen zur Landesregierung von Rheinland-Pfalz.
Ministerpräsident Helmut Kohl übergab ihm 1975 das Große
Bundesverdienstkreuz, weil er dafür gesorgt habe, „daß
die Öffentlichkeitsarbeit den ihr früher anhaftenden negativen
Aspekt verlor und zu einer unentbehrlichen Mittlerfunktion entwickelt
wurde“. Roland Kochs Begründung für die Verleihung
des Bundesverdienstkreuzes an Moritz Hunzinger hat vermutlich ähnlich
geklungen.
Franz Ronneberger (1913-1999),
der ‘Konkret’-Lesern in seiner Eigenschaft als nationalsozialistischer
Südostforscher bekannt sein dürfte, gilt im Unterschied
zu den DPRG-Gründern Oeckl und Hundhausen zwar nicht als exponierter
Vertreter des Berufsstandes, aber auch sein in zahlreichen kommunikationswissenschaftlichen
Arbeiten dargelegtes Wissen über PR resultiert nicht allein
aus theoretischen Überlegungen. Als er 1948 in die Redaktion
der ‘Westdeutschen Allgemeinen Zeitung’ eintrat, konnte
Ronneberger bereits auf eine mehrjährige Berufserfahrung in
den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus verweisen:
Von 1941 bis zu ihrer Einstellung gegen Kriegsende
hatte er im Auftrag der Wiener Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG)
‘Vertrauliche Wirtschaftsnachrichten’ (VWN) herausgegeben.
Sie waren wahrscheinlich das erfolgreichste Projekt der SOEG, deren
Schirmherr, Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident
Walther Funk, an der Koordination der politischen und ökomomischen
Durchdringung der Balkanstaaten interessiert war. 1942 ging Ronnebergers
Wirtschaftsdienst regelmäßig an 235 Bezieher, darunter
neben Dienststellen der NDSAP, der Wehrmacht und der SS auch zahlreiche
deutsche Unternehmen. Hermann Josef Abs, Vorstandsmitglied der Deutschen
Bank, bestand darauf, daß die VWN sofort nach ihrem Eintreffen
auf seinem Schreibtisch landen, wie aus den SOEG-Akten im Bundearchiv
Berlin hervorgeht.
Im Auftrag des Auswärtigen Amts hatte Ronneberger
zudem einen ‘politischen Wochenbericht’ über Südosteuropa
verfaßt. Unter anderem untersuchte er darin die von der Presse
der südosteuropäischen Staaten verlautbarten antisemitischen
Regierungsdekrete auf ihre Kompatibilität mit den deutschen
Ansprüchen an „Rassenhygiene“. Zu seinen Abnehmern
gehörten neben dem AA sowie anderen Ministerien und Behörden
auch das Amt Ausland/Abwehr und das Reichssicherheitshauptamt der
SS (RSHA).
Darüber hinaus war er selbst journalistisch tätig
geworden. In den Jahren 1941 bis 1943 verging kaum eine Woche, ohne
daß ein Leitartikel Ronnebergers in der Wiener Ausgabe des
‘Völkischen Beobachters’ erschien; teilweise wurden
seine Texte in anderen Ausgaben des NSDAP-Zentralorgans nachgedruckt.
Wenn sie sich nicht mit der „Judenfrage in Südosteuropa“
befaßten, dienten sie der propagandistischen Begleitung der
imperialistischen deutschen Außenpolitik auf dem Balkan.
Ronneberger, der 1942 nach dreijähriger Wartezeit
in die SS aufgenommen worden war und den Rang eines Untersturmführers
bekleidete, mußte sich 1947 wegen „Zugehörigkeit
zu einer für verbrecherisch erklärten Organisation“
vor der 5. Spruchkammer des Spruchgerichts Stade verantworten. Er
verteidigte sich dem Argument, daß ihm sein SS-Dienstgrad
nur „ehrenhalber“ verliehen worden sei, da man im RSHA
seine Arbeit ebenso schätzte wie in anderen Institutionen.
Ronneberger hatte es verstanden, sich bei seinen Auftraggebern aus
Politik und Wirtschaft unentbehrlich zu machen; eine Fähigkeit,
die bei Moritz Hunzinger augenscheinlich noch stark unterentwickelt
ist.
Die Wiederbegründung der Südosteuropa-Gesellschaft
1952 in München verschaffte Ronneberger nicht nur ein Wiedersehen
mit alten Kameraden und einen Neueinstieg in die Südostforschung,
sondern brachte auch beste Verbindungen zum bayerischen Kultusministerium
mit sich. Nach eigener Aussage übernahm er 1964 als dessen
„Gewährsmann“ die Leitung des Instituts für
Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg, das
er in ‘Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft’
umbenannte. Carl Hundhausen übereignete Ronneberger 1975 seine
umfangreiche werbewissenschaftliche Bibliothek und stellte ihm eine
halbe Million DM für die PR-Forschung an seinem Lehrstuhl zur
Verfügung. Ronneberger blieb nicht untätig und versuchte
in den folgenden Jahren, das Phänomen ‘Public Relations’
systemtheoretisch zu erfassen. Ihm zufolge ist PR ein „Frühwarnsystem“,
das die politische und gesellschaftliche Elite „über
Ereignisse und Tendenzen des öffentlichen Lebens sowie über
den Wandel von Ansichten, Einstellungen und Erwartungen der Bürger
informiert“ und sich darauf aufbauend „eines neuaufkommenden
Themas bemächtigt und der öffentlichen Meinung keine Zeit
läßt, sich stereotyp zu verfestigen“.
Nach alldem bleibt nur noch eines zu sagen: Moritz
Hunzinger ist wirklich nicht zu bemitleiden. Wer großväterlichen
Rat ignoriert, sollte sich über die Konsequenzen im klaren
sein.
Veröffentlicht in: Konkret, Nr. 9, 2002,
S. 15ff.
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- Stand: Dezember 2004 |
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