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Dr.
phil. Peer Heinelt
Zur Ideologie und Geschichte von PR in Deutschland:
Stets orientiert am Gemeinwohl?
Im Zusammenhang mit der Einführung und der politischen
Durchsetzung sogenannter Risikotechnologien hört und liest
man immer wieder davon, daß Konzerne und staatliche Stellen
ihren Kritikern einen "Dialog" anbieten. Die vorliegende
Betrachtung der historischen Entwicklung von PR in Deutschland wird
zeigen, daß der hier angebotene "Dialog" nur eines
von vielen PR-Instrumenten ist, die alle eines gemeinsam haben:
Sie dienen einem Programm des "sozialen Friedens" und
den Interessen derer, die sie einsetzen beziehungsweise den Auftrag
und das Geld dafür geben.
Einer größeren Öffentlichkeit dürfte
es immer noch weitgehend unbekannt sein, daß PR bereits während
des NS-Faschismus ein wichtiges Diskussionsthema unter deutschen
Werbefachleuten war. Spätere bundesdeutsche "PR-Päpste",
wie etwa Carl Hundhausen, arbeiteten bereits damals an der gesellschaftlichen
Etablierung unternehmerischer Public Relations und interpretierten
diese für die deutschen Verhältnisse. In letzter Zeit
wird dieser Sachverhalt von der deutschen PR-Theorie vermehrt zur
Kenntnis genommen, weshalb sich beispielsweise Peter Szyszka folgende
Frage stellt: "Welchen Einfluß nahm ... eine sinngemäß
einschlägige Herkunft verschiedener früher PR-Leute aus
Propaganda-Apparat und Journalismus des Dritten Reiches, der sich
mit Namen belegen und zumindest für die analoge deutsche Werbegeschichte
nachweisen läßt?" Seine Antwort fällt ernüchternd
aus: "Diese, wie viele andere Fragen läßt eine deutsche
PR-Geschichtsschreibung in ihrer gängigen Form bislang offen"
(Szyszka 1997, S. 10).
Der Autor schlägt im Anschluß zwar kein
konkretes Projekt vor, um die identifizierte Forschungslücke
aufzufüllen, weiß aber bereits, unter welchen erkenntnistheoretischen
Vorzeichen und aus welchem Erkenntnisinteresse heraus dies zu geschehen
habe: Szyszka fordert einen "ideologiefreien historischen Zugriff
auf Wurzeln und Entwicklungslinien des wissenschaftlichen Phänomens
organisationszentrierter Kommunikation oder Organisationskommunikation"
(ebd., S. 13).
Was aber meint an diesem Punkt "Ideologiefreiheit"?
Welcher "Einfluß verschiedener früher PR-Leute"
soll untersucht werden, wenn nicht (zumindest auch) der ideologische
Einfluß, den Personen, die während des NS-Faschismus
wichtige Positionen in Staat, Partei, Wirtschaft und Wissenschaft
einnahmen, auf Theoriebildung und konzeptionelle Entwicklung von
PR in Deutschland ausübten?
"Ideologie" wird bei Szyszka zu einem vage
bestimmten Schimpfwort; zu etwas, das den wissenschaftlichen Blick
auf das "Phänomen Organisationskommunikation" trübt
oder gar verstellt. PR soll offenbar unpolitisch und rein technisch
betrachtet werden, was nur möglich ist, wenn man darauf verzichtet,
PR in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Interpretationen
und Bewertungen richten sich dann ausschließlich danach, inwieweit
das von den jeweiligen Organisationen anvisierte Ziel mittels der
eingesetzten Kommunikationsinstrumente erreicht werden konnte.
Ergebnisse historischer PR-Forschung:
Der Fall Hundhausen
Ist das primäre Erkenntnisinteresse der deutschen
PR-Historiographie auf den Erfolg von PR-Methoden und -Strategien
ausgerichtet, ergibt sich eine von Bewunderung getragene Sichtweise
auf jene "frühen PR-Leute" von selbst. Eva-Maria
Lehming lobt die "aggressiv-unkonventionellen, innovativen
Werbemethoden" des deutschen PR-Pioniers und NS-Funktionärs
Carl Hundhausen, der zwischen 1931 und 1944 als Verkaufsdirektor
der Süßwaren produzierenden Hillers-Werke in Solingen
tätig war: "Als Adolf Hitler einmal in der Nähe von
Solingen bei einer Rede heiser geworden ist, schickt Hundhausen
ihm anschließend eine Kiste Dr. Hillers Pfefferminz mit einem
von der Belegschaft unterschriebenen Begleitbrief. Hitler bedankt
sich in einem persönlichen Schreiben bei der Arbeiterschaft.
Diese beiden Briefe läßt Hundhausen dann in großer
Zahl vervielfältigen, legt sie in Ledermappen ein und verschickt
sie an alle Handelsvertreter, allerdings begleitet von der expliziten
Anweisung, diese Hitler-Korrespondenz nicht zu Werbezwecken einzusetzen.
Diese propagandistische Wirkung wird gerade dadurch erreicht: Der
Führer und wir von Dr. Hillers!" (Lehming 1997, S. 43f.)
Kein Wort verliert die Autorin über die Funktion
der hier beschriebenen Instrumentalisierung und Mobilisierung der
Hillers-Belegschaft im Sinne von Management und NS-Staat; beides
Organisationen, die in Symbiose miteinander lebten: Einen großen
Teil ihres Umsatzes machten die Hillerschen Unternehmungen durch
den Verkauf von Vitamin- und Pfefferminzdrops an Wehrmacht, Reichsarbeitsdienst
und andere paramilitärische NS-Organisationen. Die von Hundhausen
herausgegebene Werkzeitschrift, Betriebsappelle oder -ausflüge
mit SA-Begleitung zielten wie die beschriebene Aktion darauf, die
Hillers-Belegschaft im Interesse einer reibungslosen Produktion
gleichzuschalten und jede Opposition zum Schweigen zu bringen; man
könnte auch vom Aufbau einer faschistischen Corporate Identity
sprechen (Heinelt 1999, S. 14).
Unter Umständen ist dies der Biographin selbst
aufgefallen, denn sie scheint bei ihrem "ideologiefreien historischen
Zugriff" so starke moralische Bedenken zu haben, daß
sie sich gleichzeitig inständig bemüht, Hundhausen als
verkappten Antifaschisten hinzustellen. Obwohl bereits vor zehn
Jahren Hundhausens absolute Übereinstimmung mit dem NS-Regime
nachgewiesen wurde (Westphal 1989), verweist Lehming die Frage,
ob Hundhausen ein Nazi war oder nicht, in den Bereich der "Spekulation"
(Lehming 1997, S. 29). Hundhausen habe vielmehr, so die Biographin
weiter, seinem ehemaligen BWL-Professor Eugen Schmalenbach geholfen,
"der wegen seiner jüdischen Frau verfolgt wurde"
( ebd., S. 39). Daß sich diese "Hilfe für den bedrängten,
hochverehrten Lehrer" bei näherem Hinsehen als gelegentliche
Zusendung von Süßigkeiten aus den Beständen der
Hillers-Werke entpuppt (ebd., S. 41), tut der einmal in die Welt
gesetzten Legende keinen Abbruch; sie wird willig kolportiert (Szyszka
1997, S. 235).
Auf die Qualität der Lehmingschen Schrift soll
hier nicht weiter eingegangen werden; dies ist bereits an anderer
Stelle geschehen (Heinelt 1999, S. 62ff.). Eine Leistung der Autorin
besteht jedoch immerhin darin, die von Hundhausen während des
NS-Faschismus verfaßten theoretischen Abhandlungen über
Public Relations bibliographisch erfaßt zu haben (Lehming
1997, S. 279ff.). In einer vor wenigen Jahren erschienenen Festschrift
zum 100. Geburtstag von Carl Hundhausen ergingen sich führende
bundesdeutsche PR-Theoretiker, was die Fundstellen und den Inhalt
dieser frühen Hundhausen-Texte angeht, noch in nebulösen
Andeutungen (Flieger/Ronneberger 1993). Eine Diskussion des PR-Verständnisses
Hundhausens findet allerdings weder bei Lehming noch bei den Autoren
der Festschrift statt - aus gutem Grund: Sie würde ideologische
Kontinuitäten in der Herleitung und Begründung von PR
aufdecken.
Das Gemeinwohlparadigma
Der Begriff "Public Relations" erschien
zum ersten Mal um die Jahreswende 1937/38 in der deutschen Wirtschafts-
und Werbeliteratur. Für die Deutsche Werbung, das Zentralorgan
der NS-Reichsfachschaft Deutscher Werbefachleute, berichtete Dr.
Carl Hundhausen über einen Werbekongreß, der im September
1937 in Syracuse im US-Bundesstaat New York stattgefunden hatte.
Im Grunde genommen, schrieb Hundhausen, sei "Public Relations
Policy" für die deutschen Werbefachleute nichts Neues
und verwies zum Beleg auf eine Äußerung Alfred Krupps,
wonach der "Zweck der Arbeit" das "Gemeinwohl"
sei. PR bedeute in diesem Zusammenhang die "Interpretation"
von Unternehmenspolitik für die Öffentlichkeit, bis das
Image des jeweiligen Unternehmens ganz mit seinem "wirklichen
Charakter" übereinstimme. Dies sei zwar, so Hundhausen,
"wahrhaftig ein hohes Ziel ..., das aber heute in den Vereinigten
Staaten von Amerika, wo so erschreckend viel über Sozialisierung
... geredet wird, ernstlich akut ist" (Hundhausen 1937). Anfang
1938 kam Hundhausen dann in der Zeitschrift für Betriebswirtschaft
noch einmal auf seine in den USA gesammelten Erfahrungen zurück.
Die Absicht von PR, schrieb er, sei es, "den Gedanken, daß
Arbeit und Kapital gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben",
in der Öffentlichkeit durchzusetzen (Hundhausen 1938, S. 50).
Hundhausen stellt hier folgende Postulate auf: Unternehmertätigkeit
dient dem Gemeinwohl. Die Vermittlung dieser Auffassung obliegt
der Unternehmens-PR, die dabei besonders die Arbeiterklasse im Auge
hat. Voraussetzung für das Gelingen der Vermittlungstätigkeit
ist eine kapitalistisch verfaßte Gesellschaft, in der das
Privateigentum an Produktionsmitteln und die private Aneignung des
gesellschaftlichen Mehrprodukts sichergestellt ist. PR fällt
in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, die kapitalistische Produktionsweise
als solche gegen soziale Widerstände durchzusetzen, da nur
in einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft Gemeinwohl
zu erreichen ist. Von der deutschen PR-Theorie wurden diese Postulate
unhinterfragt angenommen; sie finden sich sowohl in den Theorieansätzen
Albert Oeckls (Oeckl 1964) und dem Theorieentwurf Franz Ronnebergers
und Manfred Rühls (Ronneberger/Rühl 1992) als auch in
neueren theoretischen Arbeiten (Zerfaß 1996) und bilden damit
das ideologische Rückgrat der deutschen PR-Theorie.
Selbstverständlich handelt es sich bei diesen
Lehr- und Leitsätzen um Aussagen, die allen Kapitalismus-Apologeten
gemeinsam sind. Das wußte auch Carl Hundhausen: "Wenn
man diese ... Überlegungen betrachtet, dann kann man nicht
gerade sagen, daß sie neu sind. Man kann auch nicht gerade
sagen, daß sie für die deutschen Industrieunternehmungen,
die ja alle Werbeabteilungen, Pressebüros, literarische Büros
oder besondere Mitarbeiter haben, neu sind. Neu ist nur die isolierte
Fragestellung überhaupt. Die Heraushebung einer einzigen Funktion
und Aufgabe der Werbung, ja ihre zentrale Überordnung"
(Hundhausen 1938, S. 60). An anderer Stelle beschreibt er deshalb
diese "Funktion und Aufgabe der Werbung" genauer: PR solle
einerseits der Belegschaft die innerbetriebliche Hierarchie als
naturnotwendig schmackhaft machen und dafür sorgen, daß
Konflikte "im Geiste der Betriebsgemeinschaft" ausgetragen
werden. Andererseits habe diese besondere Form der Werbung die Aufgabe,
Behörden und Regierungsstellen den Sinn und Zweck einer Unternehmung
näherzubringen. Das letztliche Ziel von PR, so Hundhausen weiter,
sei die "Verbreiterung der Vertrauensbasis für das ganze
Unternehmen" (Hundhausen 1940, S. 70ff.).
Aufgabe und Funktion von PR bestehen also nicht nur
in der Existenzsicherung und Perpetuierung des Kapitalismus, sondern
ebenso in der sozialen Formierung. Das Erreichen des Gemeinwohls
bedarf einer kapitalistisch verfaßten und korporativistisch
organisierten Gesellschaft und erfolgt in der Form eines durch PR
vermittelten Interessenausgleichs zwischen gesellschaftlichen Organisationen.
Die Arbeiterklasse wird in dieses System insofern eingebunden, als
daß sich ihre Angehörigen und Organisationen verpflichten
müssen, den vorgegebenen Rahmen der Interessenartikulation
inner- und außerbetrieblich zu akzeptieren.
1933 war ein großer Teil der Arbeiterklasse
dazu nicht bereit; die korporativistische Organisierung mußte
gewaltförmig erfolgen. Gewerkschaftsbewegung und Arbeiterparteien
wurden von den Nationalsozialisten zerschlagen, die Arbeiterklasse
zwangsweise in der Deutschen Arbeitsfront erfaßt. Seine ideologische
Absicherung erfuhr dieses Projekt durch die Behauptung einer "Volksgemeinschaft",
die jenseits gesellschaftlicher Machthierarchien und ökonomischer
Ungleichheit existieren sollte. Die von Hundhausen geforderte Einsicht,
"daß Kapital und Arbeit gemeinsame Aufgaben zu erfüllen
haben", zeigte sich als Dienst an ebendieser "Volksgemeinschaft",
den sowohl "Betriebsführer" wie "Gefolgschaft"
leisten sollten (vgl. auch Hundhausen 1935). Verkörpert wurde
die "Volksgemeinschaft" durch die Person des "Führers"
Adolf Hitler, dessen Politik als Synonym für das Streben nach
dem Gemeinwohl galt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die antikapitalistische
Opposition in den westlichen Besatzungszonen und danach in der Bundesrepublik
zwar marginalisiert, am Konzept der "formierten Gesellschaft"
(Ludwig Erhard) wurde dennoch festgehalten. Die Einbindung der Arbeiterklasse
in den neuen Staat wurde juristisch durch das Betriebsverfassungsgesetz
abgesichert, das sogenannte wilde Streiks de facto untersagt und
das Wohl des Unternehmens zur alleinigen Bezugsgröße
bei Verhandlungen zwischen Arbeitnehmervertretung und Management
macht (Paragraph 74). Gesellschaftlich vollzog sich die Integration
der Arbeiterklasse über regelmäßige Kosultationen
zwischen Gewerkschaftsspitzen, Unternehmern und Regierung (Konzertierte
Aktion), die bis heute eine eminent wichtige ideologische Funktion
haben: Gerade in Krisenzeiten, wenn Lohnkürzungen und Entlassungen
an der Tagesordnung sind, soll den Arbeitnehmern durch staatlich
forcierte "Bündnisse" vermittelt werden, daß
sie mit den Unternehmern zur Verteidigung des "Standortes Deutschland"
und der Sicherung der "internationalen Wettbewerbsfähigkeit"
der deutschen Industrie an einem Strang ziehen müssen - dem
Gemeinwohl zuliebe.
Medien-
und Demokratieverständnis
Wie gezeigt werden konnte, weist Hundhausen PR normativ
eine ordnungspolitische Funktion zu, die darin besteht, ein sozialpartnerschaftliches
Verständnis des Verhältnisses von Kapital und Arbeit zur
vorherrschenden Denkweise innerhalb der Gesellschaft zu machen,
um auf diesem Wege - also ideologisch - den Klassenkampf zu eliminieren.
Ronneberger knüpft 1977 in seiner vielbeachteten Schrift Legitimation
durch Information daran an, auch wenn er hier nicht explizit vom
Klassenantagonismus, sondern von Machtkämpfen "rivalisierender
Gruppen" spricht. Der Pluralismus, so Ronneberger, "müßte
zum Chaos, zu beliebigen Machtrivalitäten, Siegen und Niederlagen
ohne Beständigkeit und Kontinuität, zum ständigen
Wechsel der Machtverhältnisse, zu allgemeiner Unsicherheit
und Willkür führen, wenn nicht zweierlei gewährleistet
wäre: daß sich die Auseinandersetzungen dank PR öffentlich
vollziehen und daß die rivalisierenden Gruppen einander nicht
vernichten, sondern miteinander leben wollen" (Ronneberger
1977, S. 21).
In diesem Zusammenhang legt Ronneberger auch die gesellschaftliche
Rolle der Medien normativ fest: "In bezug auf die organisierten
Interessen verhalten sich die Medien vorwiegend rezeptiv und im
strengen Sinne vermittelnd. (...) Die publizistische Initiative
liegt ... dort, wo die Ereignisse selbst entstehen und gemacht werden"
(ebd., S. 12). Journalisten werden damit von ihm kurzerhand zu "Erfüllungsgehilfen"
der PR-Auftraggeber und -Macher degradiert (Kunczik 1994, S. 130).
Die gesellschaftliche Aufgabe und Funktion der Medien
ist nach Ronneberger nicht in der Sozialkritik zu sehen, sondern
darin, den Rezipienten eine Identifikation mit der bestehenden sozialen
Ordnung nahezulegen: "Indem sie (die Presse - P.H.) die Auffassung
der politisch Führenden verbreitet und dazu Stellung nimmt,
macht sie das gesellschaftliche oder nationale Gesamtinteresse über
den Einzelinteressen immer wieder bewußt .... Es geht darum,
die ... Bereitschaft der Identifizierung des Menschen mit primären
sozialen Gruppen ... nun auf die größeren und komplexeren
sogenannten sekundären Gebilde zu übertragen, also auf
die Nation, auf die Gesamtheit, auf den Staat" (Ronneberger
1965, S. 16f.).
Hinter dieser normativen Funktionszuweisung an die
Medien steht die alte antiliberale Vorstellung einer Identität
von Staat und Gesellschaft, die Ronneberger an anderer Stelle zum
Ausdruck bringt: "Staat und Gesellschaft stehen einander nicht
mehr feindselig oder antagonistisch gegenüber, sondern durchdringen
einander auf die vielfältigste Weise" (ders. 1974, S.
194). Er bewegt sich damit wieder nahe an der einst von ihm so vehement
verfochteten "Volksgemeinschaft"-Ideologie: Der Bürger
als Individuum und Subjekt sozialen Handelns hört auf zu existieren;
er bedarf von daher auch keines individuellen Schutzes mehr vor
staatlichen Maßnahmen. Die Gesellschaft wird durch das "Volk"
ersetzt, innerhalb dessen gesellschaftliche Widersprüche, insbesondere
der Klassenantagonismus, eingeebnet sind und das sich in Form des
(NS-)Staates organisiert (vgl. ders. 1938 u. 1940).
Versteht man, wie Ronneberger, Staat und Gesellschaft
als Einheit, wird die Idee sozialer Kontrolle der ökonomisch
und politisch Mächtigen durch die Medien notwendigerweise zur
Farce: "Die moderne Kontrolle beruht ... weniger auf einem
Gegnerschaftsverhältnis, als auf dem Prinzip ... der Systemimmanenz;
wir haben es mit einer Art Selbstkontrolle eines gesellschaftlich-staatlichen
pluralistischen Gesamtsystems zu tun" (ders. 1965, S. 20).
Mit anderen Worten: Die herrschenden Eliten kontrollieren sich einfach
selbst, was dann allerdings mit "Kontrolle" im eigentlichen
Sinne des Wortes nicht mehr allzuviel zu tun hat. Ronneberger, der
hier einmal mehr von Pluralismus spricht, meint eigentlich Korporativismus
- und offenbart ein stark defizitäres Demokratieverständnis.
Sackgasse Dialog
Nach der mittlerweile klassisch zu nennenden Definition
von Philippe Schmitter ist unter Korporativismus ein System der
Interessenvertretung zu verstehen, das von nicht miteinander konkurrierenden,
hierarchisch gegliederten und funktional differenzierten gesellschaftlichen
Organisationen konstituiert wird. Diese werden vom Staat anerkannt
oder lizenziert, wenn nicht sogar geschaffen; ihnen wird im Austausch
dafür, daß sie hinsichtlich Interessenartikulation und
Führerauswahl gewisse Spielregeln akzeptieren, ein Vertretungsmonopol
in ihrem jeweiligen sozialen Bereich garantiert. Die beschriebenen
gesellschaftlichen Organisationen können dabei im Laufe der
kapitalistischen Entwicklung entstanden oder zwangsweise durch den
Faschismus etabliert worden sein (vgl. Schmitter 1974).
Es versteht sich von selbst, daß die genannten
Organisationen je nach Interessenlage in - oft über PR vermittelten
- kommunikativen Beziehungen zueinander stehen. Für die PR-Theorie
zu klären bleibt, wie mit denjenigen umgegangen werden soll,
die von außen die Organisationen des korporativistischen Blocks
kritisieren. Von jüngeren PR-Theoretikern wurde den Theorien
Hundhausens oder Ronnebergers vorgeworfen, aufgrund ihrer "sozialtechnologischen
Verkürzung" von PR keine Antwort auf diese Frage geben
zu können; sie selbst schlagen einen "Dialog" mit
Kritikern vor (Zerfaß/Scherer 1993, Zerfaß 1996). Welche
Motive und Absichten sich hinter dieser Formulierung verbergen,
soll im folgenden dargestellt werden.
Zum einen ist der Einsatz des PR-Instruments "Dialog"
gesellschaftlichen Bedingungen geschuldet, in denen klassische Methoden
der Beeinflussung und Manipulation nicht zum Erfolg führen:
"Freilich ist zu beobachten, daß sich Images und Vertrauensbeziehungen,
die auf Überzeugung und guten Gründen beruhen, durch eine
tendenziell höhere Stabilität auszeichnen. Die argumentative
... Kommunikation bietet sich deshalb als systematischer Fluchtpunkt
an, wenn andere Vorgehensweisen versagen" (Zerfaß 1996,
S. 295). Zum anderen wird er lediglich als Mittel zum Zweck betrachtet,
im vorliegenden Fall als Mittel zur Profiterzielung und Kapitalakkumulation:
"... der Unternehmensdialog (stellt) das privatwirtschaftliche
Nutzendenken nicht beliebig zurück, sondern nur insofern, als
er sich situationsabhängig um die friedliche Lösung strategiebezogener
Konflikte mit den Betroffenen bemüht" (Zerfaß/Scherer
1993, S. 23).
Ziel des durch PR induzierten "Dialogs"
ist die Einbindung der Kritiker in das korporativistische System
der Interessenartikulation, wie dies bei den Gewerkschaften bereits
der Fall ist. Mit der via "Dialog" sichergestellten Systemimmanenz
gesellschaftlicher Auseinandersetzungen werden zugleich deren Inhalte
festgelegt: Nicht mehr über das "Ob", sondern nur
noch über das "Wie" können "die Betroffenen"
mit-entscheiden.
Ein solches Verständnis von "Dialog"
spricht auch aus den Äußerungen der Organsiatoren des
Ausstellungsverbunds Gen-Welten: "... wir alle, Wissenschaftler
wie Laien, betreten mit der Gentechnik ein Neuland ohne Beispiel
in der Geschichte. Es zwingt uns zu gemeinsamer kritischer Reflexion
des eingeschlagenen Weges ... Ungeachtet unserer Befindlichkeiten
wird jeder von uns bald mehr und mehr mit den Erzeugnissen der Gentechnik
konfrontiert werden. Angesichts dieser Wirklichkeit kommt es heute
nicht mehr so sehr darauf an, über Bewertungen zu debattieren,
als zu prüfen, wie verantwortliches Handeln angesichts der
Chancen und Risiken der Gentechnik praktisch aussehen müßte"
(Suhlig 1998).
Das PR-Konzept des "Dialogs" endet in einer
Sackgasse, die sich für die Kritiker gesellschaftlicher Zustände
als praktisches, für die Theoretiker und Initiatoren des PR-Konzepts
als argumentatives Problem darstellt: Stimmen die Kritiker einem
"Dialog" zu, bestimmen sie nicht mehr die Gesetze ihres
eigenen Handelns, sondern müssen vielmehr einen eng definierten
Rahmen für die von ihnen angestrebte gesellschaftliche Auseinandersetzung
akzeptieren. Theoretiker und Initiatoren dürften es vor diesem
Hintergrund schwer haben, zu begründen, daß es sich bei
ihrem "Dialog" nicht um ein weiteres Beeinflussungs- und
Manipulationsinstrument aus der Trickkiste der PR handelt.
Schlußbemerkungen
Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung konnte gezeigt
werden, daß die deutsche PR-Theorie an einem korporativistischen
Modell der Interessenartikulation und -durchsetzung orientiert ist.
Den ideologischen Hintergrund bildet hierbei die bruchlose Identifikation
von Kapital- und Staatsinteressen mit dem Gemeinwohl. Aufgabe und
Funktion von PR liegen nun einerseits darin, Kommunikationsprozesse
innerhalb des korporativistischen Blocks auf der Grundlage einer
sozialpartnerschaftlichen Denkweise zu steuern und zu regeln; und
andererseits darin, soziale Akteure außerhalb des korporativistischen
Systems durch Propagierung ebendieser Denkweise "ins Boot zu
holen" - neuerdings mittels "Dialog".
Die Entwicklung der PR in den USA konnte in diesem
Beitrag nicht näher betrachtet werden; der Vorbildcharakter
der PR-Theorien eines Ivy Ledbetter Lee oder eines Edward L. Bernays
für deutsche PR-Pioniere ist in der wissenschaftlichen Literatur
des öfteren betont worden (s. hierzu auch den Aufsatz von Judith
Richter in diesem Band). An dieser Stelle mag daher der Hinweis
genügen, daß in den dreißiger Jahren ein reger
transatlantischer Austausch über Ziele und Methoden von PR
herrschte. Hierzu zählt zum Beispiel die USA-Reise, die Carl
Hundhausen 1937 teils als Verkaufsdirektor von Hillers, teils als
Repräsentant des NS-Regimes unternahm (Advertising Age 1937)
und die ihn maßgeblich zu einer PR-Rezeption aus faschistischer
Perspektive inspirierte. Die letzten Jahre vor seinem Tod 1934 arbeitete
Ivy Lee als PR-Berater für die IG Farbenindustrie AG, für
die ab 1936 auch Albert Oeckl tätig sein sollte (vgl. Kunczik
1997, S. 298ff.).
Auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die
ursächlich für die Entwicklung von PR in Deutschland waren,
konnte in diesem kurzen ideologiegeschichtlichen Abriß ebenfalls
nur am Rande eingegangen werden. Sie spiegeln sich unter anderem
in den Biographien deutscher "PR-Päpste" wider, die
deshalb abschließend stichwortartig skizziert werden sollen
(vgl. auch Heinelt 1999, S. 8ff.):
Carl Hundhausen (1893-1977), Dr. rer. pol. habil.,
ursprünglich Schuhmacher, Abitur (1921), Studium und Promotion
(1925) ermöglicht durch Stipendien des Krupp-Konzerns, 1927-1931
Banker in New York, danach bis 1944 Verkaufsdirektor und Prokurist
der Hillers-Werke in Solingen, 1933 Mitglied der NSDAP (Nr. 3.476.006),
1941 Habilitation an der Universität Frankfurt/Main, im Oktober
1944 Rückkehr zum Krupp-Konzern, ab 1954 dessen PR-Chef.
Albert Oeckl (*1909), Prof. Dr. rer. pol., 1933 Mitglied
der NSDAP (Nr. 1.725.219), 1934-1935 Referent beim Reichsministerium
für Volksaufklärung und Propaganda (Landesstelle München),
Promotion, 1936-1941 Mitarbeiter der Presse- und der Direktionsabteilung
in der IG Farben-Zentrale Berlin NW 7 (zuletzt stellvertretender
Abteilungsleiter), danach beim Reichsamt für Wirtschaftsausbau
unter dem IG-Aufsichtsratsvorsitzenden Carl Krauch beschäftigt,
1950 PR-Chef des Deutschen Industrie- und Handelstages, 1959-1974
PR-Chef bei BASF, Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes.
Franz Ronneberger (1913-1999), Prof. Dr. jur., bereits
vor 1933 im NSD-Studentenbund aktiv (Träger des Silbernen Ehrenzeichens),
1937 Mitglied der NSDAP (Nr. 5.152.299) und der SA, 1938 Promotion
an der Universität München, 1940 Dozent der Südoststiftung
des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages an der Hochschule für
Welthandel in Wien, 1942 Untersturmführer der SS, wissenschaftlicher
Mitarbeiter des Völkischen Beobachters und der Union Nationaler
Journalistenverbände, 1948-1958 Redakteur und Ausbilder bei
der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, 1958 Hochschulreferent des
Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, 1964 Ordinarius
des Instituts für Politik- und Kommunikationswissenschaft der
Universität Erlangen-Nürnberg.
Eine alte Volksweisheit besagt, daß man vom
Ochsen nicht mehr als Rindfleisch erwarten könne; eine Feststellung,
die sinngemäß auch für die genannten PR-Pioniere
und ihre Theorien gilt. Die begonnene Aufzählung führender
deutscher PR-Leute "sinngemäß einschlägiger
Herkunft" (Szyszka) ließe sich fortsetzen.
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Veröffentlicht in: Thomas von Schell et
al. (Hg.), Inszenierungen zur Gentechnik. Konflikte, Kommunikation
und Kommerz, Wiesbaden 2000, S. 223-231.
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- Stand: Dezember 2004 |
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