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Dr.
phil. Peer Heinelt
"Negative Aspekte"
Der deutsche „PR-Papst“ Albert
Oeckl wird 90
27. Dezember, Altenstift Augustinum, Heidelberg: Mit
einem kleinen Empfang wird ein hochbetagter Jubilar geehrt. Sein
Name: Prof. Dr. Albert Paul Oeckl, Jahrgang 1909. Der Bürgermeister
und Herren von der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG)
sowie der Confédération Européenne des Relations
Publiques (CERP) kommen und halten wohlklingende Reden. Prominenz
aus Politik und Wirtschaft fehlt und das, obwohl der alte Mann große
Verdienste um das bundesrepublikanische Gemeinwesen aufzuweisen
hat.
1975 wurde Oeckl dafür das Große Bundesverdienstkreuz
verliehen. Zur Begründung führte der damalige Ministerpräsident
von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, folgendes aus: „Seine Leistung
besteht darin, daß er die vielfältigen Beziehungen zwischen
der Wirtschaft und der breiten Öffentlichkeit unter Anwendung
wissenschaftlicher Denkmethoden so geordnet und ausgebaut hat, daß
die Öffentlichkeitsarbeit den ihr früher anhaftenden negativen
Aspekt verlor und zu einer unentbehrlichen Mittlerfunktion
entwickelt wurde. Er hat damit einen Verhaltenskodex geschaffen,
der für die großen Unternehmen der Wirtschaft, aber auch
für die Verwaltung des öffentlichen Lebens zur unabdingbaren
Verpflichtung geworden ist.“
Mit dem „negativen Aspekt“, der der Öffentlichkeitsarbeit
gemeinhin „anhaftet“, meinte Kohl wohl, daß viele
Menschen PR als Propaganda der Unternehmer begreifen. Das ist zwar
richtig, läßt aber - allein aufgrund der Wortwahl - immer
wieder unschöne Assoziationen mit der Propaganda des NS-Faschismus
hochkommen. Und damit wollten weder Kohl noch Oeckl etwas zu tun
haben bzw., das gilt für letzteren, etwas zu tun gehabt haben.
Oeckl, von 1950 bis 1959 PR-Chef des Deutschen Industrie-
und Handelstages (DIHT), danach bis 1974 PR-Chef bei BASF, war zeitlebens
tatkräftig bemüht, Gras über seine NS-Vergangenheit
wachsen zu lassen. Einschlägige Nachschlagewerke, wie das deutsche
Who is who oder das Munzinger Archiv, liefern eine Version seiner
Biographie, die sich mit seiner eigenen decken dürfte. Danach
legte Oeckl 1933 sein erstes juristisches Staatsexamen in München
ab, promovierte 1934 dort und arbeitete - im Anschluß an das
Referendariat - von 1936 bis 1945 für die IG Farben in Berlin.
In den Jahren 1939 bis 1941 leistete Oeckl Kriegsdienst.
Wenn die Eintragungen im Personalbogen der IG Farben-Zentrale
in Berlin stimmen, ergibt sich ein anderes Bild. Oeckl kam nicht
etwa als frischgebackener Jurist in die Presse- und Nachrichtenstelle
des Konzerns, sondern verfügte bereits über Vorkenntnisse
aus dem Propagandaministerium. Bei dessen Münchner Landesstelle
stand er vom 9. Januar 1934 bis zum 30. September 1935 als Referent
unter Vertrag. Seiner Arbeit ist er gewissenhaft und engagiert nachgegangen,
was die folgende Begebenheit dokumentiert: Am 7. August 1935 lud
die Steuben Society of America (SSA) anläßlich der Beendigung
des offiziellen Teils ihres Deutschlandbesuchs zu einem Empfang
in das Münchner Hotel Bayerischer Hof. Die 1919 gegründete
SSA war eine revisionistische, d.h. auf die Revision des Versailler
Vertrags hinarbeitende, antikommunistische und rassistische Organisation
deutschstämmiger US-Bürger. Während ihrer „Deutschland-Pilgrimage“
hatten der Präsident der SSA, Theodore Hoffmann, und andere
SSA-Führer auch Adolf Hitler auf dem Obersalzberg besucht.
Oeckl repräsentierte bei diesem Empfang nicht nur die Landesstelle
des Goebbels-Ministeriums, sondern gleichzeitig den NSDAP-Traditionsgau
München-Oberbayern. In seiner Ansprache bezeichnete er die
Deutschlandreise der Mitglieder der SSA als „eine Wallfahrt
zu ihrer alten Heimat und zum neuen Deutschland“.
Bei der IG Farben brachte es Oeckl bis zum stellvertretenden
Leiter der Direktionsabteilung. Er organisierte Werkbesuche, gab
Geschäftsberichte heraus, betreute unter anderem Gäste
des Konzerns während der Olympiade 1936 und überwachte
die Arbeit der Personen- und Organisationskartei. Das so erworbene
Know-how konnte er ab 1950 bei der Herausgabe seines bis heute vielbenutzten
Adressenkompendiums Taschenbuch des Öffentlichen Lebens umsetzen.
Ausländische Gäste der IG Farben wurden
von Oeckl nicht nur „betreut“, sondern auch „abgeschöpft“;
seine Berichte sorgten mit dafür, daß man in Berlin immer
außerordentlich gut über diejenigen Länder informiert
war, in denen man geschäftliche Interessen verfolgte. Neben
Propaganda war Spionage Oeckls Metier. Eine Mischung, die auch beim
faschistischen Auslandsgeheimdienst, dem Amt Ausland/Abwehr, auf
Interesse stieß. Seinen „Kriegsdienst“ leistete
Oeckl bei den „Brandenburgern“, einer auf Sabotage,
Zersetzung und Partisanenjagd spezialisierten Einheit des Geheimdienstes.
Sofern Oeckl sich in Berlin aufhielt und dienstfrei
hatte, arbeitete er weiter für die IG Farben. Während
des Jahres 1940 bestand seine Aufgabe meist darin, Auszüge
aus den Sitzungsprotokollen zentraler IG-Gremien anzufertigen und
diese an die Führungsspitze der Berliner Zentrale weiterzuleiten.
Der folgende Protokollauszug vom Dezember 1940 zeigt, daß
Oeckl Mitwisser der von der IG Farben betriebenen Ausbeutungs- und
Vernichtungspolitik war: „Dr. Ambros gibt Aufschluß
über die voraussichtliche Fertigstellung der einzelnen Produktionsstufen
in den Buna-Werken Schopkau und Hüls und berichtet über
die vom Reich geforderte Errichtung eines dritten Buna-Werkes in
Ludwigshafen und eines weiteren Werkes im Osten.“ Das für
seine Verdienste um die faschistische Kriegsproduktion später
von Hitler mit dem Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnete
Vorstandsmitglied Otto Ambros war bei der IG Farben für die
Produktion von Giftgas und die Rekrutierung von Zwangsarbeitern
zuständig. Er leitete den Aufbau des IG-eigenen KZ-Außenlagers
Auschwitz-Monowitz, das hier als noch zu errichtendes „Werk
im Osten“ bezeichnet wird. Um seine Tätigkeit ausführen
zu können, mußte Oeckl die ihm vorliegenden Protokolle
beurteilen können, im vorliegenden Fall also wissen, wer Otto
Ambros ist und daß in den Buna-Werken synthetischer Gummi
und synthetischer Treibstoff produziert wird. Mit „Osten“
war das besetzte Polen, das sog. Generalgouvernement gemeint. Sollte
dort ein kriegswichtiges Werk errichtet werden, so nur unter Rückgriff
auf polnische und jüdische Zwangsarbeiterter/innen.
Genaugenommen trifft es nicht zu, daß Oeckl
bis 1945 für die IG Farben gearbeitet hat; im Sommer 1941 wechselte
er zum Reichsamt für Wirtschaftsausbau. Sein guter Draht zur
chemischen Industrie, der ihm nach 1945 den Aufstieg zum bundesdeutschen
„PR-Papst“ ermöglichte, riß dadurch jedoch
nicht ab: Chef des Reichsamtes war der IG-Aufsichtsratsvorsitzende
Carl Krauch, gleichzeitig Görings Bevollmächtigter für
Sonderfragen der chemischen Erzeugung innerhalb des Vierjahresplans
und damit Kopf der chemischen Kriegsproduktion. Oft wurde zwischen
den - auch über das Personal - eng miteinander verflochtenen
Organisationen des Generalbevollmächtigten und des Reichsamtes
gar kein Unterschied mehr gemacht; man sprach schlicht vom „Amt
Krauch“.
Heute ist natürlich längst Gras über
Oeckls Nazi-Vergangenheit gewachsen. Seinem eigenen Diktum zufolge
hat PR nichts mit Propaganda und Propaganda nichts mit PR zu tun;
daß seine vielfältigen Tätigkeiten für die
IG Farben zur Routine einer jeden PR-Abteilung gehören, ficht
ihn nicht an. Gemäß dem Reagan-Motto „Facts are
stupid things“ gratulieren Funktionäre der deutschen
und der europäischen Standesvertretung für PR-Leute ihrem
„PR-Papst“ zum 90sten. Sein Denkmal steht bereits seit
1985; damals benannte die DPRG einen Preis für Nachwuchskräfte
nach ihm.
Veröffentlicht in: Junge Welt v. 27.12.1999,
Nr. 302, S. 14.
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