| Dr.
phil. Peer Heinelt
"... wissen die Serben nicht"
Ein Nachruf auf den deutschen Ostexperten
und Schreibtischtäter Dr. jur. Franz Karl Konrad Ronneberger
Der führende deutsche Kommunikationswissenschaftler
und Ostforscher Franz Ronneberger ist tot; er starb kurz vor Ostern
im Alter von 86 Jahren. Wer war dieser Mann, der von seinen Schülern
und Epigonen als „Kommunikations-Papst“ und „Südosteuropa-Experte“
verehrt wird?
Bereits 1943 konnte der damals 30-jährige SS-Untersturmführer
Ronneberger auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken:
Er war Dozent der Südost-Stiftung des Mitteleuropäischen
Wirtschaftstages an der Hochschule für Welthandel in Wien sowie
wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Union Nationaler Journalistenverbände
und beim NSDAP-Zentralorgan Völkischer
Beobachter. Außerdem leitete Ronnberger die „Korrespondenzstelle
Wien“ des Auswärtigen Amtes und den Nachrichtendienst
der Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG).
Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Wiener
Hochschule für Welthandel gab Ronneberger meist eine allgemeine
„Einführung in die politischen und sozialen Probleme
Südosteuropas“, deren Kernaussagen er auch in der gleichnamigen
Schulungsbroschüre des NSD-Studentenbundes niederlegte: „Südosteuropa
ist kein Gebiet, das die Voraussetzungen einer eigenen, in sich
geschlossenen Ordnung in sich birgt, sondern dessen ganze Stärke
und Bedeutung in der Ergänzung einer größeren, durch
das deutsche Reich stabilisierten Ordnung liegt. (...) Infolge der
jahrhundertelangen Überfremdung konnte sich eine arteigene
Mittelschicht noch nicht herausbilden. In dieses Vakuum sind andere
Völker vorgestoßen, vor allem das Judentum. (...) In
der Ausmerzung dieser Fehlentwicklung und der ihr verfallenen Menschen
liegt eine der wesentlichsten Zukunftsaufgaben der Südoststaaten,
nachdem sich eine natürliche Machtordnung durchgesetzt hat.“
Ganz ähnlich klingt Ronnebergers Analyse „Der
Anteil der Presse an der Vorbereitung des Belgrader Putsches 1941“,
die er für die Union Nationaler Journalistenverbände anfertigte.
Ronneberger gelangt hier zu der Auffassung, daß die Jugoslawen,
die sich - selbstverständlich auch publizistisch - der Umarmung
durch Hitler-Deutschland und den Kriegsplänen der Nazis widersetzt
hatten, selbst dafür verantwortlich waren, daß ihre Hauptstadt
und mit ihr 17.000 Menschen Anfang April 1941 ohne Vorwarnung von
deutschen Fliegerbomben vernichtet wurden.
Als Leitartikler des Völkischen
Beobachters erregte sich Ronneberger über die „Verjudung“
Südosteuropas, bejubelte die „Judenaussiedlung“
in der Slowakei und feierte den „Sieg über den Bolschewismus“
in den faschistischen südosteuropäischen Staaten.
Das von Ronneberger in den südosteuropäischen
Ländern geschaffene Agentennetz war das informatorische Rückgrat
der „Korrespondenzstelle Wien“ des Auswärtigen
Amtes. Die hier erstellten Berichte und Presseschauen gingen an
etwa 100 regelmäßige Bezieher, unter ihnen die von Baldur
von Schirach geführte Reichsstatthalterei Wien, den Geheimdienst
der Wehrmacht, das Amt Ausland/Abwehr, und das Reichssicherheitshauptamt
(RSHA).
Ronnbergers Know-How war auch bei der Wiener Südosteuropa-Gesellschaft
(SOEG) gefragt. Dieser gemeinnützige Verein unter Schirmherrschaft
von Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident Walther
Funk hatte sich wie der Mitteleuropäische Wirtschaftstag und
der Südostausschuß der Reichsgruppe Industrie die ökonomische
Durchdringung der südosteuropäischen Länder zur Aufgabe
gemacht. Die SOEG organisierte die Ausbeutung von kriegswichtigen
Rohstoffen in den befreundeten faschistischen Staaten und den besetzten
Gebieten Griechenlands und Jugoslawiens, unterstützte einzelne
Unternehmen bei der „Arisierung“, plante „Arbeitseinsätze“
und lieferte der Wehrmachtsführung besonders präzise Landkarten.
Kurz vor ihrer Auflösung gegen Kriegsende half die SOEG faschistischen
Politikern aus südosteuropäischen Staaten beim Untertauchen.
Als Chef des internen Nachrichtendienstes der Gesellschaft verfaßte
Ronneberger die „Vertrauliche(n) Wirtschaftsnachrichten“
(VWN) der SOEG. Er leitete sie nicht nur an die üblichen Zielgruppen,
wie das RSHA, sondern auch an deutsche Unternehmen weiter. Die VWN
waren wahrscheinlich das erfolgreichste Projekt der SOEG; sie trugen
ihr bei Konzernen und Behörden das Image einer hochqualifizierten,
selbstlosen Dienstleistungsagentur ein.
Selbst die Tatsachen, daß Ronnberger seit dem
25. Oktober 1944 als Angehöriger der „Akademischen Legion
beim höheren SS- und Polizeiführer Wien“ vom Volkssturm
freigestellt war und noch am 20. Januar 1945 von Ernst Kaltenbrunner
ins RSHA nach Berlin beordert wurde, taten seiner bundesrepublikanischen
Karriere keinen Abbruch.
Von 1948 bis 1958 arbeitete Ronneberger als Wissenschaftsredakteur,
Kommentator, Dokumentar und Ausbilder bei der Westdeutschen Allgemeinen
Zeitung. Danach öffnete ihm seine Referententätigkeit
beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, einer von
deutschen Konzernen ins Leben gerufenen Agentur zur Nachwuchsförderung,
das Tor zu einer zweiten Hochschulkarriere. 1964 wurde Ronneberger
zum Leiter des Instituts für Politik- und Kommunikationswissenschaft
an der Universität Erlangen-Nürnberg ernannt. Allerlei
sog. Ehrenämter kamen hinzu: 1978 war der Ostforscher Ronneberger
Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, des Publikationsauschusses
und des Preis- und Stipendienausschusses der in München neugegründeten
Südosteuropa-Gesellschaft; er gehörte neben weiteren Einrichtungen
der Ostforschung auch der in Stuttgart beheimateten Deutschen Gesellschaft
für Osteuropakunde an. Der Publizist Ronneberger saß
unter anderem im Fernsehrat des ZDF und gehörte zur Jury des
Gruner+Jahr-Preises für Mediaforschung.
Wer nun annimmt, Ronnberger habe sich seit seiner
Zeit in Wien irgendwie geändert, dem seien seine Tagebuchaufzeichnungen
zur „Wiedervereinigung“ als Lektüre empfohlen.
Am 22. Oktober 1990 notiert Ronnberger mit Blick auf die politische
Krise in Jugoslawien: „Das eigentliche Problem stellt sich
als die Auswirkung des Geburtsfehlers des jugoslawischen Staates
dar. Trotz aller ... internationalen Propaganda scheint sich das
staatliche Zusammenleben von so unterschiedlichen Völkern und
Regionen nicht organisieren zu lassen.“ Und am 13. Juli 1991:
„Was Föderalismus bedeutet, wissen die Serben nicht und
können es auch nicht verstehen.“
Die deutsche Politik hat sich Ronnebergers Postion
zu eigen gemacht - mit dem Erfolg der Auflösung Jugoslawiens
und um den Preis des Krieges. Ronneberger ist zeitlebens das geblieben,
was er schon in jungen Jahren war - ein Schreibtischtäter.
Veröffentlicht in: Junge Welt v. 20.04.1999,
Nr. 91, S. 12.
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- Stand: Dezember 2004 |