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Dr.
phil. Peer Heinelt
PR als Dienst an der „Volksgemeinschaft”
Biographische Untersuchungen zur Geschichte
einer Kommunikationsdisziplin
Public Relations in Deutschland
„Genaugenommen ist Castor nur ein anderes Wort
für Vertrauen.“, läßt uns die Atomindustrie
in großformatigen Anzeigen wissen. Wie das zu verstehen ist,
erklärt der „Informationskreis Kernenergie“ mit
Sitz in Bonn anschließend kurz und prägnant: „Streit
gehört zur Demokratie. Auch und gerade, wenn es um die Kernenergie
geht. Doch zum Glück gibt es einige Dinge, auf die wir auch
in Zukunft vertrauen können. Zum Beispiel das Recht, friedlich
zu demonstrieren. Oder deutlich seine Meinung zu sagen. Und nicht
zuletzt die Sicherheit der Castor-Behälter.“
Hier liegt keine klassische Werbung vor; niemand wird
aufgefordert, ein bestimmtes Produkt zu kaufen oder eine bestimmte
Dienstleistung in Anspruch zu nehmen - im Gegenteil: Es wird für
ein immaterielles Gut bzw. einen psychischen Zustand geworben; das
Vertrauen in etwas oder zu jemandem, wobei es sich in diesem Fall
um das Vertrauen der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit
in die Leistungen der Atomindustrie (Castor) und ihr Vertrauen auf
die Sicherung der Grundrechte durch den bürgerlich-demokratischen
Staat handelt.
En passant haben wir soeben eine klassische PR-Definition
behandelt: Public Relations als Werbung um Vertrauen. Ein ständig
wachsender Wirtschaftszweig beschäftigt sich mit nichts anderem
als damit, der Öffentlichkeit auf publizistischem Wege Vertrauen
in die Politik von Konzernen und staatlichen oder halbstaatlichen
Institutionen einzuimpfen. Offensichtlich mit Erfolg; das Vertrauen
der Auftraggeber in die Wirksamkeit von Public Relations ist so
groß, daß mittlerweile eine Frankfurter PR-Agentur den
Gang an die Börse wagen konnte.
Besonders Konzerne und staatliche Institutionen, die
durch ihre Entscheidungen die Lebensbedingungen einer Vielzahl
von Menschen beeinflussen, dürfen nicht dem Zufall überlassen,
was über sie gedacht wird. Skandale sind schlecht für
‘s Image und damit schlecht für ‘s Geschäft;
sie haben unter Umständen Umsatzeinbußen, Akzeptanzverluste
oder die Verminderung der Wahlchancen zur Folge. Umgekehrt
kann ein gezielt aufgebautes Positivimage, das den Auftraggeber
beispielsweise als großzügigen Kultur- oder Naturschutz-Förderer
erscheinen läßt, die Menschen vergessen lassen, daß
sie in Wirklichkeit den Protagonisten von Arbeitsplatzvernichtung
und Umweltzerstörung gegenüberstehen. Also muß die
Öffentlichkeit in Form von Zeitungslesern, Radiohörern
und Fernsehzuschauern entsprechend der Interessen der Auftraggeber
bearbeitet werden; für PR-Leute hat sich daher auch der Begriff
„Öffentlichkeitsarbeiter“ eingebürgert.
Parallel zum Wachstum der PR-Branche wächst auch
die Bedeutung dieser Öffentlichkeitsarbeiter für
die Medien. Ohne die Produktinformationen der Hersteller bzw. Anbieter
wären die meisten sog. Fachjournalisten, wie sie z. B. bei
Motor-, Reise- oder Computerzeitschriften anzutreffen sind, rettungslos
verloren. Zum einen wüßten sie gar nicht, welche Neuheiten
auf den jeweiligen Märkten anzutreffen sind, zum anderen fehlen
ihnen oftmals die nötige Fachkompetenz oder die zeitlichen
und finanziellen Möglichkeiten, um eigenständige Recherchen
anzustellen.
Da auch die Medien nach dem kapitalistischen Prinzip
einer möglichst hohen Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft
bei möglichst geringen Kosten arbeiten, engagieren sie in steigendem
Maße sog. Freie. Im Gegensatz zu ihren festangestellten Kollegen
haben diese für ihren Arbeitgeber den Vorteil, daß für
sie keinerlei Sozialabgaben abzuführen sind. Ein freier Journalist
arbeitet in der Regel für mehrere Printmedien oder Rundfunksender
und wird oftmals nicht nach seinem tatsächlichen Arbeitsaufwand
bezahlt, sondern nach Zeilenzahl oder Sendezeit. Was kann es für
einen derart unter ökonomischem Druck Stehenden Schöneres
geben, als von der Pressestelle eines Unternehmens oder einer
PR-Agentur einen Beitrag zu erhalten, der mit geringfügigen
Änderungen oder Zusatzinformationen versehen als eigener verkauft
werden kann? Weil das Geld trotzdem oft nicht reicht, verdingt sich
mancher freie Journalist zusätzlich als PR-Referent für
potente Kunden.
Die beschriebene Verlagerung redaktioneller Tätigkeiten
auf freie Journalisten sorgt mitnichten für eine Entlastung
der Redakteure, sondern führt zur Verringerung der personellen
Kapazitäten in den Redaktionen, was wiederum eine völlige
Überlastung der verbliebenen Redakteure zur Folge hat. In der
Konsequenz behelfen sich diese nun ihrerseits mit der Veröffentlichung
von PR-Meldungen. Für die PR-Strategen ist das natürlich
ein gefundenes Fressen; sie pflegen die Kontakte zu „ihren“
Journalisten und verbessern permanent ihre inhaltlichen und redaktionellen
Serviceleistungen. Journalismus ohne PR ist heute nicht mehr denkbar;
führende PR-Leute werden daher auch nicht müde, ständig
zu wiederholen, daß PR und Journalismus sich gegenseitig „brauchen“.
Unversehens sind wir bei einer zweiten PR-Definition
angelangt: Public Relations als Pflege öffentlicher Beziehungen.
Hierunter fallen nicht nur die angesprochenen Kontakte zu Journalisten,
die als Übermittler der jeweiligen PR-Botschaft gebraucht werden,
sondern auch die Verbindungen zu all denjenigen, die für die
Perpetuierung der Interessen der Auftraggeber von Nutzen sind. Geschäftsfreunde
und politische Entscheidungsträger - im PR-Jargon als „relevante
Teilöffentlichkeiten“ bezeichnet - werden besonders umworben;
Messen, Empfänge oder politische Salons geben den passenden
Rahmen dafür ab. Krisenhafte Entwicklungen, die die Durchsetzung
der jeweiligen kommerziellen oder staatlichen Interessen bedrohen
könnten, sind nach der Logik dieser PR-Definition lediglich
auf Kommunikationsstörungen zurückzuführen. Antagonistische
Widersprüche, wie etwa die zwischen Atomlobby und Kernkraftgegnern,
werden entgegen der Realität von Knüppelorgien, Demonstrationsverboten
und gezielter Desinformation als fairer Meinungsstreit inszeniert.
Allen PR-Machern ist eines gemeinsam: Sie sind zutiefst vom Geist
des Korporativismus beseelt.
Seine perfekte Ausprägung erfuhr der Korporativismus
in Deutschland während des NS-Faschismus. Die Gewerkschaftsbewegung
wurde zerschlagen und die Arbeiterklasse zwangsweise in der Deutschen
Arbeitsfront (DAF) erfaßt. Aus der Belegschaft eines Betriebes
wurde die „Gefolgschaft“; aus der Geschäftsleitung
bzw. dem Management wurden „Betriebsführer“. Antagonistische
Widersprüche in Gestalt der Auseinandersetzung zwischen Kapital
und Arbeiterklasse erklärten die Nationalsozialisten für
nicht mehr existent; fortan galt es für den Unternehmer und
seine Gefolgschaft als das Höchste, gemäß der NSDAP-Parole
„Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ der „Volksgemeinschaft“
zu dienen. An den ökonomischen Macht- und damit Herrschaftsverhältnissen
änderte sich nichts.
Die deutsche PR-Theorie hat das faschistische Konstrukt
der „Volksgemeinschaft“ denn auch prompt verarbeitet.
Nur spricht man nicht von „Volksgemeinschaft“, sondern
vom „Gemeinwohl“, auf das PR als spezifische Form der
Kommunikation hinzuwirken habe. So definieren Franz Ronneberger
und Manfred Rühl unter dem Stichwort „Macro-PR“
das Verhältnis von Public Relations und Gesellschaft folgendermaßen:
„Die besondere gesellschaftliche Wirkungsabsicht von Public
Relations ist es, ... öffentliche Interessen (Gemeinwohl) und
das soziale Vertrauen der Öffentlichkeit zu stärken -
zumindest das Auseinanderdriften von Partikularinteressen zu steuern
und das Entstehen von Mißtrauen zu verhindern.“ Ähnliche
Aussagen finden sich bei Albert Oeckl. Er versteht unter Öffentlichkeitsarbeit
„das bewußt geplante und dauerhafte Bemühen, gegenseitiges
Vertrauen in der Öffentlichkeit aufzubauen und zu pflegen“,
wobei das Ziel von PR im „Einfügen des Eigeninteresses
in das Gesamtinteresse im Rahmen des Möglichen“ bestehe.
An dieser Stelle kommt natürlich sofort der Einwand,
daß Meinungsbildung doch ein demokratisches Prinzip und die
Freiheit der Medien garantiert sei, PR folglich als legitime Meinungsäußerung
und Einflußnahme auf die Öffentlichkeit verstanden werden
müsse. Die genannten PR-Theoretiker gehen sogar noch einen
Schritt weiter; für sie ist Public Relations eine conditio
sine qua non für „pluralistische Gesellschaften“.
Die beschriebene Argumentation verkennt zum einen,
daß es sehr viel Zeit und Energie erfordert, sich wirklich
eine Meinung über ein bestimmtes Thema zu „bilden“.
Die meisten Menschen haben aufgrund ihrer ökonomischen Lebenssituation
weder das eine noch das andere; sie nehmen mehr oder weniger oberflächlich
das auf, was die Medien ihnen bieten. Mit Demokratie hat das nichts
zu tun; in den Worten Marcuses: „... das demokratische Argument
schließt eine notwendige Bedingung ein...: daß das Volk
fähig sein muß, auf der Basis von Erkenntnis zu erwägen
und auszuwählen, daß ihm wahrhafte Information zugänglich
sein muß und deren Bewertung autonomem Denken entspringen
muß.“
Die Argumentation verkennt zum zweiten, daß
es auch mit der viel beschworenen Freiheit der Medien nicht weit
her ist. Man muß nicht Paul Sethe zitieren, um zu untermauern,
daß die Medien sich in der Hand einiger weniger mächtiger
Konzerne befinden, die selbstverständlich gemäß
ihren Interessen Einfluß auf die öffentliche Meinung
nehmen.
Und die genannte Argumentation verkennt zum dritten,
daß PR fast immer auf der Grundlage der ökonomischen
Macht und des gesellschaftlichen Einflusses des Auftraggebers stattfindet,
es sich also um eine Meinungsäußerung handelt, die gegenüber
den Medien eine größere Relevanz als andere für
sich beansprucht. Die bereits angesprochene ökonomische Realität
der Medien sorgt denn auch dafür, daß diese PR-Meldungen
gemäß der beanspruchten Relevanz beurteilt und kommuniziert
werden - in vielen Fällen sind die PR-Auftraggeber zugleich
Werbekunden.
Die PR-Theorie negiert diese Tatsachen; unter Bezug
auf die - ursprünglich als kontrafaktisch konzipierte - Habermassche
„Theorie der kommunikativen Kompetenz“ wird PR zu einer
herrschaftsfreien, dialogischen Form der Kommunikation hochgejubelt,
die - gesamtgesellschaftlich praktiziert - zu einem allseitigen
Interessenausgleich führt und damit dem sog. Gemeinwohl dient.
Antagonistische Widersprüche in der Gesellschaft kommen in
der PR-Theorie nicht vor, weil sie nicht gebraucht und daher auch
nicht wahrgenommen werden. Sie würden das mühsam entworfene
Bild einer heilen Welt ohne Klassen- und Bildungsunterschiede zerstören.
Gesellschaftlichen Fortschritt gibt es nach Auffassung der PR-Theoretiker
nur im Rahmen der gegebenen kapitalistischen Sozialordnung, es handelt
sich also immer um einen Fortschritt, der den Interessen der Auftraggeber
von PR dienlich ist: „Welche Verbesserung auch immer 'im normalen
Gang der Ereignisse' und ohne Umwälzung eintreten mag, unter
diesen Umständen wird sie eine Verbesserung sein, die in der
von den partikulären Interessen bestimmten Richtung liegt,
die das Ganze kontrollieren.“
Bereits nach diesen knappen theoretischen Vorüberlegungen
entpuppt sich das „Gemeinwohl“ der PR-Theoretiker als
Wohl des Auftraggebers, getarnt als Dienst an der „Volksgemeinschaft“.
Was liegt daher näher, als zu vermuten, daß die Wurzeln
praktischer und theoretischer PR-Arbeit in Deutschland im NS-Faschismus
zu suchen sind? Noch dazu, wenn führende deutsche Theoretiker
und Praktiker dieser Kommunikationsdisziplin auf eine bewegte Nazi-Vergangenheit
zurückblicken können.
In der Tat erschien der Begriff „Public Relations“
zum ersten Mal um die Jahreswende 1937/38 in der deutschen Wirtschafts-
und Werbeliteratur. Für die „Deutsche Werbung“,
das Zentralorgan der NS-Reichsfachschaft Deutscher Werbefachleute
(NSRDW), berichtete Dr. Carl Hundhausen über einen Werbekongreß,
der im September 1937 in Syracuse im US-Bundesstaat New York stattgefunden
hatte. Im Grunde genommen, schrieb Hundhausen, sei „Public
Relations Policy“ für die deutschen Werbefachleute nichts
Neues und verwies zum Beleg auf eine Äußerung Gustav
Krupps, wonach der „Zweck der Arbeit“ das „Gemeinwohl“
sei. PR bedeute in diesem Zusammenhang die „Interpretation“
von Unternehmenspolitik für die Öffentlichkeit, bis das
Image des jeweiligen Unternehmens ganz mit seinem „wirklichen
Charakter“ übereinstimme. Dies sei zwar, so Hundhausen,
„... wahrhaftig ein hohes Ziel ..., das aber heute in den
Vereinigten Staaten von Amerika, wo so erschreckend viel über
Sozialisierung ... geredet wird, ernstlich akut ist.“
Anfang 1938 kam Hundhausen dann in der „Zeitschrift
für Betriebswirtschaft“ noch einmal ausführlicher
auf seine in den USA gesammelten Erfahrungen zurück. Die Absicht
von PR, schrieb er, sei es, „den Gedanken, daß Arbeit
und Kapital gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben“, in
der Öffentlichkeit durchzusetzen. Dazu bediene man sich zum
einen bestimmter Maßnahmen der „Menschenführung“.
Diese sollten sowohl der Identifikation der Arbeitnehmer mit dem
sie beschäftigenden Unternehmen als auch der den jeweiligen
Unternehmensinteressen entsprechenden Beeinflussung der Öffentlichkeit
dienen. Zum anderen sei dieser Art zielgerichtete PR eine Frage
der richtigen betriebswirtschaftlichen Organisation. Das Unternehmen
müsse in der Lage sein, die Beziehungen zur Presse kontinuierlich
zu pflegen und alle öffentlichen Äußerungen über
das Unternehmen zu überwachen.
Wieder kam Hundhausen zu dem Schluß, daß
das alles für Deutschland so neu nicht sei: „Wenn man
diese ... Überlegungen betrachtet, dann kann man nicht gerade
sagen, daß sie neu sind. Man kann auch nicht gerade sagen,
daß sie für die deutschen Industrieunternehmungen, die
ja alle Werbeabteilungen, Pressebüros, literarische Büros
oder besondere Mitarbeiter haben, neu sind. Neu ist nur die isolierte
Fragestellung überhaupt. Die Heraushebung einer einzigen Funktion
und Aufgabe der Werbung, ja ihre zentrale Überordnung.“
Warum also, fragte sich Carl Hundhausen, sollte man
nicht in diesem Punkt von Amerika lernen, zumal doch die sozialen
Bedingungen, unter denen PR stattfand, in Deutschland sehr viel
günstiger waren. Laut Hundhausen behinderte nämlich in
den USA eine ganz bestimmte Gruppe die Einsicht, „daß
Arbeit und Kapital gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben“:
„Zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern steht ... ein ...
Problem; ... das Problem der Verjudung der Vereinigten Staaten.
Es wird von sehr vielen Amerikanern erkannt. (...) Die Gefahr wird
aber einstweilen noch dadurch abgewehrt, daß man sie duldet.
In einer sehr großen Zahl von Unterhaltungen kam immer wieder
zum Ausdruck, daß etwas geschehen muß und wird; man
ist sich aber offenbar noch nicht darüber klar, was geschehen
soll und wie es geschehen soll. Der Antisemitismus war in den Vereinigten
Staaten ... immer sehr stark ... Er hat offenbar gegen diese über
Nacht großgewordene Gefahr noch nicht die richtige Grundstellung
und aus ihr heraus noch nicht die richtige Organisation gefunden.“
In Deutschland hatte man die entsprechende Organisation gefunden;
sie hieß NSDAP, und Hundhausen war ihr im Frühjahr 1933
beigetreten.
PR-Päpste
Jede wissenschaftliche oder halbwissenschaftliche
Disziplin hat ihre Lehrmeister und Interpreten; in unserem Fall
werden diese des öfteren als „PR-Päpste“ apostrophiert.
Carl Hundhausen ließe sich, um bei diesem Bild zu bleiben,
als „PR-Prophet“ bezeichnen. Er führte den Begriff
in Deutschland ein und legte damit den Grundstein zur Entwicklung
einer eigenständigen deutschen PR-Theorie. Selbstverständlich
wird er deshalb entsprechend verehrt.
Ein weiterer Grund für sein hohes Ansehen in
PR-Kreisen dürfte darin liegen, daß die Biographie dieses
Mannes, der es vom Schuhmachergesellen bis zum PR-Chef bei Krupp
gebracht hat, immer wieder als Beleg für die Gültigkeit
der eigenen korporativistischen Ideologie herangezogen werden kann.
Etwa nach dem Motto: Wer intelligent genug ist und hart arbeitet,
wird es immer zu etwas bringen; selbstverständlich nicht gegen
die Interessen der Kapitalbesitzer, sondern nur im Verein mit ihnen.
Carl Hundhausen war dem Krupp-Konzern zeitlebens eng
verbunden; eine Freundschaft, die auch mehr als zwanzig Jahre nach
seinem Tod noch Früchte trägt. Die Alfried Krupp von Bohlen
und Halbach-Stiftung, in Person des ehemaligen Krupp-Generalbevollmächtigten
Berthold Beitz, vergibt regelmäßig ein nach Hundhausen
benanntes Promotionsstipendium, das mit 50.000 DM dotiert ist. Eine
Jury, die von der Nürnberger „Vereinigung zur Förderung
der Public Relations-Forschung“ gestellt wird und ausschließlich
mit erklärten Hundhausen-Bewunderern besetzt ist, sorgt dafür,
daß nur Stipendiaten angenommen werden, die „einen ausführlichen
und überzeugenden Nachweis ihrer Beschäftigung mit der
Public Relations-Forschung“ erbringen können. Ende letzten
Jahres konnte auf diese Weise gefördert die erste Hundhausen-Biographie
erscheinen; er selbst hätte sie kaum besser schreiben können.
Dem PR-Propheten Hundhausen stehen zwei PR-Päpste
zur Seite; es handelt sich um die bereits erwähnten PR-Theoretiker
Albert Oeckl und Franz Ronneberger. Was ihre Beliebtheit bei der
nachfolgenden Generation von PR-Forschern angeht, haben sie dem
Altmeister bereits den Rang abgelaufen. Oeckl und Ronneberger sind
die am häufigsten in studentischen Abschlußarbeiten zitierten
deutschsprachigen PR-Autoren; Hundhausen folgt erst an dritter Stelle.
Der Aufstieg Albert Oeckls zum bundesdeutschen PR-Papst
vollzog sich während der 50er Jahre. Zu Beginn des Jahrzehnts
übernahm der bis dahin als Unternehmensberater Tätige
die Geschäftsführung des Deutschen Industrie- und Handelstages
(DIHT), wo er zugleich Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
wurde. Zur selben Zeit erschien erstmalig sein „Taschenbuch
des Öffentlichen Lebens“, bis heute das meistbenutzte
Adressen-Nachschlagewerk über bundesdeutsche Parteien, Verbände,
Institutionen und andere Organisationen. Augenscheinlich verfügte
Oeckl neben den für die Zusammenstellung eines solchen Kompendiums
notwendigen guten Beziehungen zu hochrangigen Kreisen in Politik
und Wirtschaft auch über das entsprechende technische Know-How.
Vor dem Hintergrund, daß Oeckl noch zehn Jahre zuvor als stellvertretender
Abteilungsleiter in der Berliner Zentrale der IG Farben unter anderem
für die Überwachung der dort geführten Personenkartei
zuständig war, ist dies nicht weiter verwunderlich.
Ende 1958 hielten Oeckl und Hundhausen, die sich über
ihre gemeinsame Beschäftigung mit PR kennengelernt hatten,
den Zeitpunkt für gekommen, Public Relations als eigenständige
Berufsrichtung und wissenschaftliche Disziplin zu proklamieren.
Gemeinsam gründeten sie in Köln die Deutsche Public Relations
Gesellschaft (DPRG), bis heute die berufsständische Organisation
deutscher PR-Fachleute. Hundhausen wurde der erste Präsident
der DPRG; ihm folgte 1961 Albert Oeckl.
Zu dieser Zeit versuchte Oeckl bereits, Public Relations
als universitäre Disziplin zu etablieren. Er hielt PR-Vorlesungen
an den Universitäten Heidelberg und Augsburg sowie an der Freien
Internationalen Universität und dem Institut für Wissenschaft
und Technik der öffentlichen Meinung in Rom.
Beruflich hatte sich Oeckl inzwischen verändert;
er war sozusagen in den Schoß seines alten Arbeitgebers zurückgekehrt.
Seit 1959 bekleidete er den Posten des Leiters der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
bei der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF), eine der Gründer-
und Nachfolgegesellschaften der IG Farben. Als er 1974 in Ludwigshafen
seine Abschiedsvorstellung in Form eines Vortrags über
die Öffentlichkeitsarbeit der BASF gab, hörten ihm 1400
leitende Angestellte zu.
Das Erreichen des Rentenalters tat Oeckls Beschäftigung
mit PR keinen Abbruch, im Gegenteil. Nicht zuletzt durch die Übernahme
einer Fülle sog. Ehrenämter - war er jetzt so bekannt,
daß er sich ganz „seiner“ Disziplin widmen konnte.
Bis in die 80er Jahre hinein veranstaltete er PR-Seminare für
Spitzenmanager aus Wirtschaft und Verwaltung.
1975 wurde Oeckl für seine Verdienste um das
positive Miteinander von Wirtschaft und Gesellschaft das Große
Bundesverdienstkreuz verliehen. Zur Begründung führte
der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Helmut
Kohl, folgendes aus: „Seine Leistung besteht darin, daß
er die vielfältigen Beziehungen zwischen der Wirtschaft und
der breiten Öffentlichkeit unter Anwendung wissenschaftlicher
Denkmethoden so geordnet und ausgebaut hat, daß die Öffentlichkeitsarbeit
den ihr früher anhaftenden negativen Aspekt verlor und zu einer
unentbehrlichen Mittlerfunktion entwickelt wurde. Er hat damit einen
Verhaltenskodex geschaffen, der für die großen Unternehmen
der Wirtschaft, aber auch für die Verwaltung des öffentlichen
Lebens zur unabdingbaren Verpflichtung geworden ist.“
Heute gilt der 89jährige - vergleichbar seinem
US-amerikanischen Pendant, Edward L. Bernays - als „grand
old man“ der Public Relations. Er leitet die DPRG-Projektgruppe
„PR-Lehre und -Forschung an Universitäten und Fachhochschulen“,
ist Ehrenkuratoriumsmitglied des Kulturkreises im Bundesverband
der Deutschen Industrie (BDI) und gehört dessen Arbeitskreis
„Presse (PR)“ an. 1985 benannte die DPRG einen Preis
für Nachwuchskräfte nach ihm, der seit 1995 sowohl für
Diplom-, Magister- und Doktorarbeiten als auch für PR-Konzeptionen
verliehen wird.
An dieser Stelle soll ein kurzes Resümee des
bisher Gesagten gezogen werden. Es konnte gezeigt werden, daß
Oeckl wie Hundhausen die gleiche korporativistische Ideologie vertraten,
die immer auch der Politik der jeweiligen deutschen Regierung entsprach;
PR sollte der Verbreitung und Durchsetzung der Einsicht dienen,
„daß Arbeit und Kapital gemeinsame Aufgaben zu
erfüllen haben“. Beider Karriere wäre nicht denkbar,
ohne die enge Verknüpfung mit den Interessen der deutschen
Industrie - im Fall Hundhausen ist damit der Krupp-Konzern, im Fall
Oeckl die IG Farben bzw. BASF gemeint. Gestützt auf ihre Beziehungen
zu einflußreichen Kreisen in Politik und Wirtschaft gelang
es ihnen, PR als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren und sich
so einen Motor zur weiteren Verbreitung ihrer korporativistischen
Ideologie zu schaffen. Die Einrichtung des ersten deutschen PR-Lehrstuhls
in Leipzig 1994 wäre ohne ihre Vorarbeit nicht möglich
gewesen; die kommunikationswissenschaftlichen Fachbereiche deutscher
Universitäten können heute nicht mehr auf die Zusammenarbeit
mit der DPRG verzichten.
Durch das Zutun von Dr. Franz Ronneberger erfuhr die
beschriebene Etablierung von PR an bundesdeutschen Hochschulen einen
weiteren Schub. Anfang 1975 machte Carl Hundhausen dem damaligen
Leiter des Instituts für Politik- und Kommunikationswissenschaften
an der Universität Erlangen-Nürnberg ein verlockendes
Angebot: Ronneberger solle sich für die Schaffung eines ordentlichen
PR-Lehrstuhls einsetzen; dafür wolle er der Universität
Erlangen-Nürnberg seine mehr als 1300 Bücher sowie Zeitschriften
und anderes Material umfassende Bibliothek schenken. Gleichzeitig,
so erklärte Hundhausen, werde er PR-Forschung und -Lehre an
der Universität Erlangen-Nürnberg mit einem Betrag von
500.000,- DM aus seinem Vermögen unterstützen.
Die Schenkung, bei der festgelegt wurde, daß
„das gesamte Material und die Fachbibliothek ... für
zehn Jahre im Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft
unter Leitung von Herrn Professor Dr. F. Ronneberger zusammengefaßt
bleiben ...“ müssen, wurde im April 1975 wirksam; die
Errichtung einer PR-Professur unterblieb. Offensichtlich konnte
sich Ronneberger in den universitären Gremien mit Hundhausens
Vorschlag nicht durchsetzen.
Ein halbes Jahr später beschlossen Hundhausen
und Ronneberger deshalb die Gründung der „Treuhänderische(n)
Stiftung für Public Relations-Forschung“ beim Stifterverband
für die Deutsche Wissenschaft. Ronneberger war mit diesem Club
wissenschaftsbeflissener Industrieller bestens vertraut; er hatte
dort in den Jahren 1958 bis 1960 als Referent für Hochschulfragen
und akademische Nachwuchsförderung gearbeitet. Hundhausen gab
das Geld, und Ronneberger übernahm es, dieser Art finanziell
abgesichert, den Zweck der Stiftung in die Tat umzusetzen. Fortan
stand an seinem Lehrstuhl, dem die Stiftung zugeordnet war, PR auf
dem Programm. Hundhausens Bibliothek wurde katalogisiert, am Institut
für Politik- und Kommunikationswissenschaften wurden PR-Lehrveranstaltungen
angeboten, und man begann mit der Herausgabe von PR-Literatur.
1979, zwei Jahre nach Hundhausens Tod, gründete
Franz Ronneberger dann gemeinsam mit Heinz Flieger die „Vereinigung
zur Förderung der Public Relations-Forschung“ mit Sitz
in Nürnberg. Ronneberger wurde Vorstandsvorsitzender, Flieger
Geschäftsführer. Die Vereinigung konnte sich, nicht
zuletzt durch ihre Zusammenarbeit mit der DPRG, an etlichen bundesdeutschen
Hochschulen festsetzen und stellt unter anderem die Jury bei der
Vergabe des bereits erwähnten „Hundhausen-Promotionsstipendiums“.
Das Beispiel der auf diese Weise entstandenen Hundhausen-Biographie
zeigt, daß man hier nicht nur an Fragen der Nachwuchsförderung
interessiert ist, sondern auch daran, die eigene Geschichtsschreibung
zu besorgen.
Obwohl der Einfluß Ronnebergers auf die Theoriebildung
und die universitäre Etablierung der PR nicht zu unterschätzen
ist, fällt auf, daß seine Beschäftigung mit Public
Relations - im Vergleich zu Hundhausen und Oeckl - erst Mitte der
70er Jahre, also relativ spät, erfolgte. Bis zu diesem Zeitpunkt
hatte sich Ronneberger zwei anderen Disziplinen verschrieben; der
„Ostforschung“ und der Publizistik. Zum Beleg genügt
ein Blick auf die Liste seiner Mitgliedschaften in wissenschaftlichen
und gesellschaftlichen Gremien. 1978 war der „Ostforscher“
Ronneberger Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, des Publikationsauschusses
und des Preis- und Stipendienausschusses der Südosteuropa-Gesellschaft
in München; er gehörte neben anderen Einrichtungen der
„Ostforschung“ auch der in Stuttgart beheimateten Deutschen
Gesellschaft für Osteuropakunde an. Der Publizist Ronneberger
saß unter anderem im Fernsehrat des ZDF und gehörte zur
Jury des Gruner+Jahr-Preises für Mediaforschung.
Für das Duo Hundhausen/Oeckl hatte Ronneberger
den Vorteil, daß er sein seit Mitte der 30er Jahre erworbenes
wissenschaftliches Renommee in die Zusammenarbeit einbrachte; er
verfügte zudem über einen großen Schatz an publizistischer
Erfahrung sowie über gute Beziehungen zu Vertretern der Wirtschaft
und des Staatsapparates.
Ronnebergers publizistische Karriere begann im März
1939, als er nach Wien in den persönlichen Stab des Reichstatthalters
für das von Deutschland annektierte Österreich berufen
wurde. SS-Obergruppenführer Arthur Seyß-Inquart beauftragte
ihn mit dem Aufbau einer Dienststelle zur Beobachtung der südosteuropäischen
Presse. Ab 1941 profilierte sich Ronneberger dann als Leitartikler
des NSDAP-Zentralorgans „Völkischer Beobachter“,
bis er 1943 seine eigene „volkstumspolitische“ Zeitschrift
herausgab, in der der Völkermord an Juden, Sinti und Roma propagiert
wurde. In den Jahren 1948 bis 1958 leitete er die Dokumentationsabteilung
der Westdeutsche(n) Allgemeine(n) Zeitung.
Auch Ronnebergers Kontakte zu hochrangigen Wirtschaftsvertretern
lassen sich auf die Zeit vor 1945 zurückführen. Ab 1941
gab er im Auftrag der zu diesem Zeitpunkt noch in Wien beheimateten
Südosteuropa-Gesellschaft deren Vertrauliche Wirtschaftsnachrichten
(VWN) heraus. Exemplare der VWN gingen nicht nur an das Reichssicherheitshauptamt
und das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt beim Oberkommando
der Wehrmacht, sondern ebenso an mehr als 200 deutsche Firmen und
prominente Geschäftsleute. Während seiner Referententätigkeit
beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft machte Ronneberger
selbst PR für die Interessen hochrangiger Industriekreise.
In der Phase des NS-Faschismus hatte Ronneberger dem
deutschen Staat stets treu gedient; zuerst unter Seyß-Inquart,
später dann im Auswärtigen Amt und bei der Südosteuropa-Gesellschaft.
In Anbetracht mannigfacher struktureller und personeller Kontinuitäten
vom Nationalsozialismus zur BRD ist es nicht gerade außergewöhnlich,
daß der Rechtsnachfolger des Dritten Reichs nicht auf die
Dienste des ehemaligen „Volkstumspolitikers“ verzichten
wollte. Im Gegenteil: Man sog seinen mittlerweile modernisierten
Korporativismus völkischer Prägung begierig in sich auf.
In den 70er und 80er Jahren veranstaltete die Südosteuropa-Gesellschaft
zusammen mit verschiedenen Bundesministerien und Landesregierungen
mehrere Symposien zur Ausländerpolitik, die Ronneberger leitete.
Die Ausgangslage analysierte er folgendermaßen: „Auf
den ersten Blick scheint es, daß Deutschland nach den wiederholten
Ausdehnungen und Amputationen unseres Territoriums, die jeweils
mit schweren Volkstumskämpfen verbunden waren, nun endlich
ein national homogener Staat geworden ist ... Doch dieser Eindruck
täuscht. Entgegen allen Erwartungen droht uns zumindest vorübergehend,
wenn nicht sogar auf längere Sicht, das Schicksal eines Immigrationslandes
...“ Wie diesem drohenden Schicksal zu entkommen sei, wußte
Ronneberger auch: „Den Kern (der Ausländerpolitik) ...
bildet die Behandlung der sog. Gastarbeiter. Vorgelagert ... sind
Überlegungen und Maßnahmen der Beschäftigungs- und
Bevölkerungspolitik im Hinblick auf Bedarfsfragen, Verteilung
der Arbeitssuchenden auf Branchen und Räume, Gleichgewichtsfragen
zwischen deutscher und ausländischer Population usf. Danach
bemessen sich künftiger erlaubter Zuzug oder Stop von ausländischen
Arbeitnehmern ... Über die Aufrechterhaltung des Anwerbestops
und die restriktive Behandlung des Nachzugs besteht weitgehend Übereinstimmung.“
Der eingangs dieser Untersuchung geäußerte
Verdacht, daß die Wurzeln deutscher PR-Theorie im NS-Faschismus
zu suchen sind, hat sich erhärtet: Es wird ein Korporativismus
vertreten, der sich von dem der Nazis nur in seiner aktuellen Ausprägung,
nicht jedoch hinsichtlich seiner ideologischen Grundlagen unterscheidet.
Ein Blick auf die Biographien der führenden deutschen PR-Theoretiker
hat zudem gezeigt, daß diese ohne ihre in der Zeit des Nationalsozialismus
gewonnenen praktischen und konzeptionellen Erkenntnisse kaum in
der Lage gewesen wären, eine eigenständige deutsche PR-Theorie
nach dem Ende des 2. Weltkriegs in der BRD zu etablieren. Daher
soll die Geschichte und persönliche Entwicklung dieser „PR-Päpste“
im folgenden einer eingehenderen Betrachtung unterzogen werden.
Damit soll zugleich dem Impetus Rechnung getragen werden, die Geschichtsschreibung
über PR in Deutschland nicht den Lehrmeistern dieser Disziplin
und ihren Schülern zu überlassen.
Carl Hundhausen
Nicht alle kehrten mit zerschossenen Gesichtern, verstümmelten
Gliedmaßen oder Angstpsychosen von den Schlachtfeldern des
1. Weltkriegs zurück; für manche brachte dieser Krieg
sogar einen regelrechten Karrieresprung. Carl Hundhausen zählt
zu letzteren. Ende 1914 war der 21jährige Schustergeselle aus
Gelsenkirchen-Ueckendorf eingerückt; vier Jahre später
kam er, mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse dekoriert, als Vizefeldwebel
nach Hause. Da Hundhausen seine Befähigung zu Höherem
zuletzt als Schreiber des XVII. Minenwerfer-Bataillons unter Beweis
gestellt hatte, erhielt er sofort nach Kriegsende eine Stelle als
Korrespondent (Sachbearbeiter) in der Kasse des Versorgungsamtes
Essen. Der Krupp-Konzern, in dessen Schusterwerkstatt er vor Kriegsbeginn
gearbeitet hatte, bedachte ihn zusätzlich mit einem Firmenstipendium,
so daß Hundhausen im Oktober 1921 als Externer das Abitur
an der Krupp-Oberrealschule in Essen-Ruhr nachholen konnte.
Folgt man seiner Biographin Eva-Maria Lehming, so
hatte der Krupp-Manager Alfred Busemann zu diesem Zeitpunkt bereits
ein Auge auf Hundhausen geworfen. Anfang 1922 holte er ihn zu sich
in die Finanzabteilung des Konzerns und ermutigte ihn gleichzeitig,
ein wirtschaftswissenschaftliches Studium aufzunehmen. Busemanns
Anregung fiel bei Hundhausen auf fruchtbaren Boden. Bereits drei
Jahre später war er Diplom-Kaufmann; ein dreiviertel Jahr darauf
promovierte er mit der Schrift „Innerbetriebliche Standortfragen“
an der Universität Köln zum Dr. rer. pol.. Hundhausen
wußte, was er seinem Gönner schuldig war: „Die
vorgelegten Untersuchungen und mein Studium überhaupt neben
einer dauernden Berufsarbeit durchzuführen, ist mir nur unter
freundlicher und verständnisvoller Förderung durch Herrn
Fabrikdirektor Dr. Alfred Busemann, Friedr. Krupp AG, Essen, möglich
gewesen ...“, schrieb er 1925 im Vorwort zu seiner Dissertation.
Hundhausens Auswanderung in die USA Mitte Dezember
1926 kommt überraschend; war er doch erst ein halbes Jahr zuvor
von Busemann zum Leiter des Effekten-Ressorts innerhalb der Kruppschen
Finanzabteilung ernannt worden. Seine Biographin kann Hundhausens
Motivation nur unzureichend erklären; weder die Tatsache, daß
Hundhausen eine Schwester in New York hatte, noch die von Lehming
suggerierte „Abenteuerlust“ können als ausreichende
Begründung für seine Auswanderung akzeptiert werden. Vielmehr
drängt sich die Vermutung auf, daß Hundhausen durch seine
Beschäftigung mit dem Wertpapierhandel des Hauses Krupp in
Kontakt zu den Wallstreet-Brokern von der New York and Hanseatic
Corporation kam und dort Interesse an einer Mitarbeit bekundete.
Offensichtlich wurde man sich schnell handelseinig. Gestützt
wird diese Version durch den von Hundhausen Anfang 1938 für
die Reichsschrifttumskammer angefertigten Lebenslauf. Danach verließ
er Deutschland am 17. Dezember 1926 (an Bord der „Hamburg“
mit Ziel New York) und begann, bereits am 6. Januar 1927 für
die New York and Hanseatic Corporation zu arbeiten.
Während Hundhausen bei seinem neuen Arbeitgeber
stetig die Karriereleiter emporkletterte, ließ er den Kontakt
zur Heimat nicht abreißen. Vor allem in den „Annalen
der Betriebswirtschaft“ und im „Magazin der Wirtschaft“
berichtete er regelmäßig über die neuesten Entwicklungen
auf dem amerikanischen Finanzsektor.
1929 erschien - wenn man von seiner Dissertation absieht
- Hundhausens erste Monographie: Kundenwerbung amerikanischer Banken.
Das Buch dokumentiert seine Hinwendung zur Werbung und läßt
seine spätere Beschäftigung mit PR bereits erahnen. Einige
Werbemaßnahmen der US-Banken werden ganz besonders gelobt,
z. B. die gängige Praxis führender Manager, Artikel für
Wirtschaftsblätter zu schreiben. Bei diesen „Beiträge(n),
die führende Mitglieder eines Hauses für Magazine und
Zeitschriften schreiben, wird nicht die Absicht, für das eigene
Haus zu werben, betont; alles was geschieht, ist die knappe Erwähnung,
daß der Verfasser diesem oder jenem Hause angehört.“
Auch die übrige Pressearbeit der US-amerikanischen Banken fasziniert
ihn. Man beschäftige „Verbindungsoffiziere“, worunter
„bedeutende Journalisten“ zu verstehen seien, „...
die lediglich im Interesse gewisser Institute oder Privatbankfirmen
tätig sind, für diese die Öffentlichkeit auf dem
Wege über die Zeitungen unterrichten oder beeinflussen, und
so für die generellen Linien und die grundlegenden Tendenzen
der Werbung dieser Häuser von entscheidendem Einfluß
sind.“
Während Hundhausen spätestens nach dieser
Veröffentlichung in Deutschland als profunder Kenner der US-Ökonomie
galt, gelang es ihm nicht, seinen wissenschaftlichen und publizistischen
Ambitionen in den USA selbst zum Durchbruch zu verhelfen. In den
Jahren 1927 bis 1931 konnte er gerade einmal zwei (!) Artikel in
amerikanischen Printmedien unterbringen. So kam es ihm sehr gelegen,
daß er Anfang 1931 einem alten Kommilitonen wiederbegegnete,
den er aus den BWL-Vorlesungen bei Eugen Schmalenbach kannte. Willy
Hillers, der zwei Jahre zuvor zusammen mit seinem Vetter Dietrich
die Leitung der Süßwaren produzierenden Hillers-Werke
in Solingen übernommen hatte, suchte einen Verkaufsdirektor;
Hundhausen willigte ein.
Die 1885 gegründeten Hillers-Werke hatten seit
1929 einen ungeahnten Aufstieg genommen. Die Hillers-Vettern gründeten
die Dr. Hillers AG, ließen am Fließband ein Pfefferminzbonbon
produzieren und vertrieben dieses als Markenartikel unter dem Namen
„Dr. Hillers Pfefferminz“. Da die Kaufkraft der deutschen
Bevölkerung in dieser Phase tiefster Depression allerdings
etwas zu wünschen übrig ließ, versuchte man, ausländische
Käuferschichten zu erschließen. Jenseits des Atlantiks
hatte man Erfolg; 1931 stammten die Erlöse des Unternehmens
zu einem großen Teil aus dem Exportgeschäft mit den USA.
Was lag näher, als einen anerkannten Amerika-Experten zum Verkaufsdirektor
zu ernennen?
In Solingen angekommen, konnte Hundhausen gleich seine
neu erworbenen Werbekenntnisse in die Tat umsetzen; schließlich
mußte auch in Deutschland für „Dr. Hillers Pfefferminz“
permanent geworben werden, galt es doch, den Hauptkonkurrenten Vivil
auszustechen. Zuerst verpaßte Hundhausen dem Unternehmen ein
einheitliches „Corporate Design“: Das Firmenemblem,
der sog. Schwert-Löwe, erschien durchgängig auf rotem
Grund und wurde auf allen Briefbögen, Rechnungen, Quittungen
und Verkaufsfahrzeugen der Firma angebracht. Später sorgten
Hillers-Werbekolonnen dafür, daß der Einzelhandel die
Pfefferminzdrops verkaufsstrategisch günstig im Laden positionierte.
Am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübertragung
an Adolf Hitler, knallten auch bei Hillers in Solingen die Sektkorken.
Hatte man während des 1. Weltkriegs Dörrobst für
das deutsche Militär produziert, so ließ der erklärte
Wille der Nationalsozialisten, die Wehrmacht aufzurüsten und
vor allem die Jugend in paramilitärischen Organisationen zu
erfassen, einen regelrechten Nachfrageboom bei Pfefferminz- und
Vitamindrops erwarten. Ende 1935 gab der mittlerweile bekennende
Nazi Carl Hundhausen in seiner Mitarbeiter- und Kundenzeitschrift
folgendes bekannt: „Die Wiedererstarkung unserer Wehrmacht
hat auch eine große wirtschaftliche Bedeutung. In den vielen
neu errichteten Kantinen lassen sich bedeutende Umsätze gerade
in Süßwaren erzielen. Adressen von Militär-, Arbeitsdienst-
und sonstigen Kantinen besitzen wir vollständig. Unseren Geschäftsfreunden
stellen wir sie gerne für ihren Bezirk kostenlos zur Verfügung.“
In den Hillers-Laboratorien arbeitete man - parallel zu diesen Verkaufsanstrengungen
- an der Vitaminisierung von Bonbons. Das auf diese Weise entwickelte
Produkt „C 30“ wurde per Dauerauftrag von der Wehrmacht
abgenommen.
Nicht nur die Aufrüstungspolitik, sondern auch
der Korporativismus der Nazis fand bei Hillers großen Anklang.
Bereits um die Jahrhundertwende hatte die damalige Geschäftsleitung
eine Geldstrafe gegen unpünktliche Arbeiterinnen und Arbeiter
verhängt, aus deren Erlös kranke Belegschaftsmitglieder
unterstützt wurden. Jetzt hatte man durch die von Hundhausen
geschaffene Firmenzeitschrift „Der Schwert-Löwe“
eine weitere Möglichkeit, stets und ständig auf die Treue
der Belegschaft zu „ihrem“ Betrieb hinzuwirken. Die
hier angekündigten und dokumentierten Wettbewerbe, Betriebsappelle
und Ausflüge dienten der Mobilisierung der Belegschaft, ihrer
Identifikation mit den Zielen des Managements und der Propagierung
eines pseudo-egalitären „Wir-Gefühls“ - heute
würde man von der Durchsetzung einer „Corporate Identity“
sprechen. Als am 27. Oktober 1938 der neue Gemeinschaftsraum der
Hillers-Werke in Anwesenheit hoher Funktionäre der DAF eingeweiht
wurde, war der Betrieb bereits völlig uniformiert.
An ihrer korporativistischen Ideologie hielten die
Gebrüder Hillers auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs fest,
begingen dabei jedoch - zumindest einmal - einen folgenschweren
Formfehler: Für den Sommer 1949 war - wie bereits 1939 - ein
Betriebsausflug auf dem Rhein geplant. Als Einladung erhielten die
Belegschaftsangehörigen denn auch, neben einem förmlichen
Begleitschreiben, die „Rheinfahrt-Sonderausgabe“ des
Schwert-Löwen vom Juni 1939. Nur hatten sich die Zeiten mittlerweile
zumindest soweit geändert, daß die Solinger Arbeiterschaft
die darin enthaltenen Abbildungen - den mit ausgestrecktem rechten
Arm grüßenden Firmengründer Johann Wilhelm Hillers
und eine SA-Kapelle - nicht nur als Provokation empfand, sondern
auch entsprechend handelte. Der DGB-Ortsausschuß forderte
die Einsetzung eines Treuhänders für die Hillers-Werke,
allerdings ohne Erfolg.
Den Grundstein für seine wissenschaftliche und
publizistische Karriere legte Hundhausen in seiner Zeit bei Hillers.
Die NSDAP-Mitgliedschaft öffnete ihm den Weg in die braune
Wirtschaftspresse; er schrieb für das seit 1931 erscheinende
NS-Wirtschaftsblatt „Die Deutsche Volkswirtschaft“ des
faschistischen Multifunktionärs Heinrich Hunke und die Zeitschrift
„Wirtschaftswerbung“ des Werberats der Deutschen Wirtschaft,
dem Hunke von 1939 an als Präsident vorstand. Hundhausens Beschäftigung
mit Fragen betriebswirtschaftlicher Organisation und seine Kenntnisse
der Marktforschung und Werbung führten 1941 zu seiner Habilitation
an der Universität Frankfurt/Main. Ab 1942 gehörte er
zum festen Mitarbeiterstamm der „Krähe-Kommission“
innerhalb der Schmalenbach-Gesellschaft; zudem hielt er engen Kontakt
zu Wilhelm Vershofen von der Gesellschaft für Konsumforschung
(GfK).
Hundhausens zentrale These lautete, daß PR als
besondere Form der Werbung eine Funktion von „richtiger Menschenführung“
und „richtiger betriebswirtschaftlicher Organisation“
sei. Seine Vorstellung basierte auf den Theoremen faschistischer
Ökonomen wie Heinrich Hunke, wonach Werbung als scheinbar objektive
Verbraucherinformation zu betrachten sei, durch die sich Konkurrenzunternehmen
voneinander abgrenzen. Diese stünden in einem sog. Leistungswettbewerb,
der nach sozialdarwinistischen Prinzipien funktioniert: Der Stärkere
und damit zugleich Bessere setzt sich durch und verweist seine Konkurrenten
entweder auf die unteren Ränge oder sorgt längerfristig
für ihr Verschwinden vom Markt. Werbetreibende hätten
in diesem Zusammenhang die Aufgabe, die Leistungen des eigenen Unternehmens
zu betonen und über die Beeinflussung der Konsumgewohnheiten
gleichzeitig den Verbrauch gemäß den Vorgaben von Staat
und NSDAP zu lenken.
Ein Unternehmen, so Hundhausen in seiner Habilitationsschrift,
müsse sich eine Organisation schaffen, die es ihm ermögliche,
„... die Gegenwartslage ... zuverlässig zu diagnostizieren,
um von diesen erweiterten Erkenntnisgrundlagen aus Einzelheiten
des kommenden Entwicklungsverlaufs prognostisch vorzuzeichnen und
festzulegen.“ Der Werbung käme dabei die Aufgabe zu,
die im Rahmen der Unternehmensstrategie gewünschte Entwicklung
durchzusetzen: „Die Wirtschaftswerbung ist als bloßes
Mittel der Absatzwirtschaft nicht Selbstzweck. Als reine Verkaufswerbung
muß sie ihren Ausgang von der Ware nehmen. Je mehr aber diese
Waren an den Standards einer ökonomischen Produktgestaltung
geformt und je stärker diese Waren homogenisiert und gleichgerichtet
werden, je mehr können sie zur Deckung eines homogenen und
gleichgerichteten Bedarfs dienen. In diesem Falle hat die Wirtschaftswerbung
als reine Absatzwerbung die Aufgabe, Bedürfnisverlagerungen
entgegenzuwirken und den Bedarf auf diese gleichförmig gestalteten
Waren ausgerichtet zu halten.“
Innerbetrieblich müsse die Belegschaft permanent
für die Ziele des Unternehmens mobilisiert werden, wofür
die Durchsetzung des „Führerprinzips“ Voraussetzung
sei. Bereits 1935 hatte Hundhausen entsprechende Vorschläge
unterbreitet: „Der Führer einer Aktiengesellschaft ist
nur dann ein wirklicher Führer, wenn er neben der erfolgreichen
Lösung seiner wirtschaftlichen Aufgaben die Menschen in seinem
Betrieb zu einer Betriebsgemeinschaft zusammenfügen kann. (...)
Es bedarf wohl keiner Betonung, daß dadurch keine Verfälschung
oder Beseitigung des in der natürlichen Betriebsordnung
begründeten Unterschiedes wie Leistung, Geltung, Verantwortung,
Differenziertheiten und Aufstiegsmöglichkeiten eintreten soll.
(...) Es sind Schulungslager für Aufsichtsratsmitglieder, Führer
von Aktiengesellschaften, ihre Stellvertreter usw. zu schaffen,
in denen zunächst eine grundlegende Schulung in der nationalsozialistischen
Staats- und Wirtschaftsauffassung, d.h. der nationalsozialistischen
Haltung schlechthin, erfolgen soll.“
Die Mobilisierung der Belegschaft und die Übereinstimmung
von „Betriebsführung“ und „Gefolgschaft“
mit dem NS-Regime sei aber durch die herkömmliche Wirtschaftswerbung
in ihrer Form als Produkt- oder Absatzwerbung nicht mehr gewährleistet,
folgerte Hundhausen; Public Relations sei vonnöten: „Während
sich in der allgemeinen Firmenwerbung ... noch eine deutliche Verbindung
zur (Wirtschafts-) Werbung feststellen läßt, hat die
... Gestaltung der allgemeinen Beziehungen einer Unternehmung mit
(Wirtschafts-) Werbung kaum noch etwas zu tun, wenn auch die Mittel,
die durch die Wirtschaftswerbung ausgebildet wurden, in weitestem
Umfange zur Durchführung dieser Aufgabe eingesetzt werden.“
PR solle nun einerseits der Belegschaft die innerbetriebliche Hierarchie
als naturnotwendig schmackhaft machen und dafür sorgen, daß
Konflikte „im Geiste der Betriebsgemeinschaft“ ausgetragen
werden. Andererseits habe diese besondere Form der Werbung die Aufgabe,
Behörden und Regierungsstellen den Sinn und Zweck einer Unternehmung
näherzubringen. Das letztliche Ziel von PR, so Hundhausen weiter,
sei die „Verbreiterung der Vertrauensbasis für das ganze
Unternehmen“.
Hundhausen entwarf nicht nur korporativistische Gedankengebäude
als Handlungsanleitung für andere, er handelte auch selbst
danach. Als ein Beispiel dafür kann seine bereits erwähnte
Mitarbeit in der „Krähe-Kommission“ der Schmalenbach-Gesellschaft
gelten. Dieser Kreis, der sich mit betrieblichen Organisationsfragen
befaßte, erarbeitete während der Jahre 1942 bis 1944
im Auftrag des Rüstungsministers Albert Speer eine „Dienststellengliederung“
für Industrieunternehmen.
Ein weiteres Beispiel für Hundhausens korporativistische
Praxis ist sein Memorandum „Zucker statt Fett“ aus dem
Jahre 1942. Die Idee dafür stammte - wie Hundhausen selbst
in seinem Vorwort erklärt - von Herbert Backe, SS-Obergruppenführer
und Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium. Dieser hatte
immer wieder klargemacht, wie er sich die Versorgung Nazi-Deutschlands
mit Nahrungsmitteln vorstellt: Einerseits über „neu erschlossene
Räume“, die durch „die härtesten und rücksichtslosesten
Maßnahmen für Deutschland und Europa gewonnen werden“
müßten und andererseits durch Herstellung einer weitgehenden
Autarkie.
Genau hier setzte Hundhausens Arbeit an: Mittels einer
Produktions- und Verbrauchssteigerung von Zucker sollte die für
die Versorgung des Deutschen Reichs so bedrohliche „Fettlücke“
(gemeint ist der aus Unterproduktion resultierende Mangel an tierischen
Fetten) geschlossen werden. Ganz im Sinne seiner eigenen PR-Ideologie
wurde Hundhausen nicht nur für seine Süßwarenfirma,
sondern auch für das Landwirtschaftsministerium tätig.
Jeder bekam, was er brauchte: Den Hillers-Vettern wurden Möglichkeiten
zur Absatz- und Umsatzsteigerung aufgezeigt, und Herbert Backe erfuhr
durch die Lektüre des Memorandums nicht nur, daß sich
unter bestimmten Bedingungen Fett durch Zucker ersetzen läßt,
sondern auch, „daß ein bedeutender Zuckerüberschuß
vorhanden ist und daß das Zuckererzeugungspotential durch
die zum Reich gekommenen Ostgebiete einen beträchtlichen Zuwachs
erhielt“. Zucker, so Hundhausen weiter, sei „Soldatenkost“
und daher für eine kriegführende Nation von besonderer
Bedeutung.
Als man bei der Krupp-Tochter WIDIA Ende 1944 einen
kaufmännischen Direktor suchte, folgte Carl Hundhausen dem
Ruf seines alten Arbeitgebers; am 28. Februar 1945 kehrte er endgültig
Solingen und den Hillers-Werken den Rücken. Für diesen
Schritt sind m. E. drei Motive ausschlaggebend. Ein Motiv Hundhausens
ist mit Sicherheit seine tradierte Loyalität gegenüber
dem Hause Krupp. Zum zweiten wollte Hundhausen, der in Solingen
ein bekannter Mann war, mit seinem Umzug nach Essen wahrscheinlich
auch seine Nazi-Vergangenheit hinter sich lassen. Das dritte Motiv
dürfte in seiner neuen Aufgabe zu sehen sein: Als sehr gut
Englisch sprechender PR-Fachmann sollte Hundhausen die fast unzerstörten
und voll arbeitsfähigen WIDIA-Werke vor der Demontage
durch die britische Besatzungsmacht bewahren - was ihm auch gelang.
1954 erreichte Hundhausens zweite Karriere bei Krupp
ihren Höhepunkt: Über ihm, dem Chef der Kruppschen PR-Abteilung,
standen nur noch der Generalbevollmächtigte Berthold Beitz
und der Firmeninhaber Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Ausgestattet
mit einem Werbeetat von 1 Million DM zielte seine erste Aktion im
neuen Amt auf die Revision der Geschichtsschreibung. Mitte August
1955 forderte er - mit Blick auf das lädierte Image der Essener
Kanonenkönige und Kriegsverbrecher - die „Bereinigung
der Schulbücher, Nachschlagewerke und Lexika von überholten
Auffassungen und falschen Informationen“.
Nach seiner Pensionierung 1963 konnte sich Hundhausen
dann ganz der Ausarbeitung und wissenschaftlichen Etablierung seiner
korporativistischen PR-Theorie widmen. Dem Krupp-Konzern stand er
natürlich trotzdem weiterhin als Berater in allen Fragen der
Öffentlichkeitsarbeit zur Seite; bis zu seinem Tode 1977 wurde
für ihn stets ein Büro in der Villa Hügel vorgehalten.
Albert Oeckl
Im Gegensatz zu Hundhausen, der aus einfachen Verhältnissen
stammte und daher von seinen Verehrern gerne als „Selfmademan“
apostrophiert wird, brauchte Albert Paul Oeckl kein Firmenstipendium,
um das Abitur zu erreichen. 1929 verließ der Zwanzigjährige
seine Heimatstadt Nürnberg, um erst in Berlin, später
in München Jura und Volkswirtschaft zu studieren.
Bald nach seinem ersten juristischen Staatsexamen
1933 erhielt der Parteigenosse Oeckl eine Stelle als Referent bei
der Landesstelle München des Reichsministeriums für Volksaufklärung
und Propaganda, wo er zum ersten Mal von sich reden machte: Am 7.
August 1935 lud die Steuben Society of America (SSA) anläßlich
der Beendigung des offiziellen Teils ihres Deutschlandbesuchs zu
einem Empfang in das Münchner Hotel „Bayerischer Hof“.
Die 1919 gegründete SSA war eine revisionistische, d.h. auf
die Revision des Versailler Vertrags hinarbeitende, antikommunistische
und rassistische Organisation deutschstämmiger US-Bürger.
Während ihrer „Deutschland-Pilgrimage“ hatten der
Präsident der SSA, Theodore Hoffmann, und andere SSA-Führer
auch Adolf Hitler auf dem Obersalzberg besucht. Oeckl repräsentierte
bei diesem Empfang nicht nur die Landesstelle des Goebbels-Ministeriums,
sondern gleichzeitig den NSDAP-Traditionsgau München-Oberbayern.
In seiner Ansprache bezeichnete er die Deutschlandreise der Mitglieder
der SSA als „eine Wallfahrt zu ihrer alten Heimat und zum
neuen Deutschland“.
Neben seiner Berufstätigkeit fand Oeckl noch
genügend Zeit, seine Dissertation zu schreiben, die er 1934
bei der staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität
München einreichte; sein Thema waren die Wohnverhältnisse
der deutschen Angestellten. Diese frühe Schrift Oeckls ist
geeignet, guten Anschauungsunterricht über die Entstehungsgeschichte
korporativistischer Ideologie in Deutschland zu vermitteln.
Bereits bei der ersten Betrachtung seines Untersuchungsobjekts,
der deutschen Angestellten, stellt Oeckl sein korporativistisches
Gesellschaftsmodell vor: „Ihre letzte Bestätigung findet
die hier dargelegte und heute wohl herrschende Auffassung in der
Einstellung des Nationalsozialismus zur Angestelltenfrage: die sämtlichen
Angestelltenverbände, zuerst zusammengeschlossen im 'Gesamtverband
der deutschen Angestellten' und schließlich in der 'Deutschen
Angestelltenschaft', bilden eine der drei tragenden Säulen
der Deutschen Arbeitsfront neben der geeinten Arbeiterschaft und
dem Unternehmertum. In dieser Tatsache liegt die klare Anerkennung
der Angestelltenschaft als selbständige soziale Schicht, die
mit Arbeiter- und Unternehmertum in der Deutschen Arbeitsfront hauptsächlich
zur Überwindung des Klassenkampfes zusammengeschlossen ist.“
Damit die deutschen Angestellten auch weiterhin eine
„tragende Säule“ der DAF blieben, fordert Oeckl
ihre verbesserte Versorgung mit Wohnraum. Hinsichtlich ihrer identitätsstiftenden
Wirkung und ihrer Immunisierung gegen klassenkämpferische Ideen
scheint ihm die Eigenheimförderung allen anderen Wohnungsbaumaßnahmen
überlegen: „Die Überwindung der Heimatlosigkeit
und damit der Ruhe- und Rastlosigkeit des Großstadtarbeiters,
... die Förderung der beruflichen Leistungsfähigkeit,
... die Einbürgerung eines wirklich sozialen Friedens statt
bisheriger Massen- und Klassenverhetzung ... und eine tiefe, echte,
volksverbindende Vaterlandsliebe, das sind die ganz großen
Gesichtspunkte, die ... eine solche Überlegenheit des Eigenheims
gegenüber der Mietwohnung im Großblock ergeben, daß
einzelne wenige Nachteile gar nicht mehr ins Gewicht fallen ...“
Der gute Patriot Albert Oeckl, der die für die
deutschen Angestellten gewünschte Bewußtseinsstufe bereits
erreicht hatte, denkt natürlich auch unter kriegswirtschaftlichen
Prämissen: „Nicht zu unterschätzen ist auch die
militärische Bedeutung des Flachbaues: Hinsichtlich der Militärtauglichkeit
ist die Überlegenheit des flachen Landes ... unbestritten.
Neben diesem Nachteil der Großstadt mit ihren Mietskasernen
stehen aber noch weitere Schattenseiten: die Schwierigkeit der Lebensmittelversorgung
in Kriegszeiten und bei Hungerblockaden, die durch einen kleinen
Garten erheblich herabgemindert wird, die leicht erreichbare Verhetzung
großer Bevölkerungsmassen, besonders wenn diese eng zusammengepfercht
sind und gemeinsam Unangenehmes ertragen müssen, vor allem
aber die ständig wachsende Gefahr der Luftangriffe. Unser Vaterland
als Herzstück Europas ... kann natürlich ohne eigene Bewaffnung
diese Gefahr niemals ganz abwenden, aber bei richtiger verstreuter
Bauweise, vernünftiger Anlage der Dachböden, Erstellung
von Luftschutzkellern und ähnlicher Maßnahmen ist es
möglich, das drohende Unheil auf ein Minimum zu reduzieren.“
Das Jahr 1936 brachte einen Wandel in Oeckls beruflichem
Werdegang; er entdeckte sein Herz für die chemische Industrie.
Mitte Januar besuchte er den Chef der IG Farben-Zentrale in Berlin,
Max Ilgner, und bat ihn um eine Anstellung. Ilgner war nicht abgeneigt;
er schlug Oeckl jedoch vor, zuerst die ihm fehlende kaufmännische
Ausbildung nachzuholen. Sechs Wochen später, bei einem Treffen
in München, war davon keine Rede mehr; am 27. Februar 1936
ließ Ilgner mitteilen, daß Oeckl sich am 2. März
um 10.00 Uhr in der Berliner IG-Zentrale „für eine Tätigkeit
hier im Hause“ einfinden solle.
Die IG Farben-Zentrale Berlin NW 7 wird in der antifaschistischen
Literatur gerne als „Spionagezentrale“ bezeichnet -
aus gutem Grund. Neben der Pressestelle und der Direktionsabteilung
waren hier die Abteilungen untergebracht, die den gesamten Konzern
mit strategischen Informationen versorgten. Da die IG Farben zu
den Hauptförderern und -nutznießern des NS-Regimes zählte,
arbeiteten diese Abteilungen eng mit Staats-, Partei- und Wehrmachtsstellen
zusammen.
Die Volkswirtschaftliche Abteilung (VOWI) und die
Wirtschaftspolitische Abteilung (WIPO) sammelten Daten über
diejenigen Staaten, in denen die IG geschäftliche Interessen
verfolgte (Auslandsniederlassungen, Beteiligungen, Tarnfirmen).
Dabei wurde mitnichten nur die jeweilige chemische Industrie betrachtet;
ebenso wurden allgemeine Untersuchungen über Produktions- und
Infrastruktur der betreffenden Länder angestellt. Das auf diese
Weise gewonnene statistische Material diente später als Grundlage
für den faschistischen Raubzug in Europa und als Entscheidungshilfe
bei gezielten Zerstörungsmaßnahmen.
Auf Überlegungen der Zentralfinanzverwaltung
(ZEFI) ist ein weit gespanntes Netz sog. Verbindungsmänner
zurückzuführen, das ebenfalls alle Staaten umfaßte,
die für den Konzern interessant waren. Diese Verbindungsmänner
waren IG-Angehörige oder Mitarbeiter befreundeter Unternehmen,
die regelmäßig über die politische, soziale und
ökonomische Situation der Länder, in denen sie stationiert
waren, berichteten. Für das OKW Amt Ausland/Abwehr und
die Auslandsorganisation der NSDAP hatten diese Berichte unschätzbare
Vorteile; sie kamen aus unverdächtiger Quelle, waren überaus
präzise und ermöglichten somit die Freistellung der eigenen
Mitarbeiter für andere Aufgaben.
Bei der Vermittlungsstelle W landeten die Vorgänge,
die in irgendeiner Form sowohl die Interessen der IG als auch die
der Wehrmacht berührten. Ende 1935 waren die Aufgaben dieser
Abteilung folgendermaßen definiert worden: „Ziel ...
ist der Aufbau einer straffen wehrwirtschaftlichen I.G.-Organisation
... Die I.G. wird im Kriegsfalle den wehrwirtschaftlichen Behörden
als ein großes Lieferwerk gegenüberstehen, das seine
wehrwirtschaftlichen Belange ... aus sich selbst ohne organisatorischen
Eingriff von außen her regelt. (...) Das Arbeitsgebiet der
Vermittlungsstelle umfaßt neben den organisatorischen Vorarbeiten
und Planungen ... die laufende Zusammenarbeit in wehrwirtschaftlichen
und wehrtechnischen Fragen mit den Reichsbehören und mit den
I.G.-Betrieben.“
In Berlin verstand man aber nicht nur etwas von Spionage,
sondern auch von Public Relations. 1933 hatte Max Ilgner den ehemaligen
PR-Berater John D. Rockefellers und Gründervater der US-amerikanischen
PR-Schule, Ivy Ledbetter Lee, engagiert, um in den USA für
die IG Farben und Nazi-Deutschland zu werben. Lee traf Hitler und
Goebbels, gab deutschen Regierungsstellen Ratschläge zur Verbesserung
ihrer Pressearbeit und verbreitete große Mengen deutscher
Literatur - darunter auch antisemitische Hetzschriften - in den
USA.
Offensichtlich hielt Ilgner Oeckl mit dessen Erfahrungen
aus dem Propagandaministerium auch ohne kaufmännische Ausbildung
für ein PR-Talent; er stellte ihn dem Leiter der Presse- und
Nachrichtenstelle, Mario Passarge, als persönlichen Assistenten
zur Seite. An seinem neuen Arbeitsplatz bemühte sich Oeckl
sogleich um die Entwicklung einer eigenständigen und kreativen
Pressearbeit, was von seinem Chef wohlwollend registriert wurde:
„Nach einer Periode der Unsicherheit, deren Schattenlinien
allerdings noch oft genug sichtbar werden, drückt sich in der
Presse bei aufmerksamer Beobachtung auch auf dem uns interessierenden
Gebiet immer deutlicher ein Wachsen des geistigen Lebens aus, das
für die Überwindung eines gewissen Tiefpunktes Zeugnis
ablegt. Der deutschen Zeitung ist heute mit aller Deutlichkeit etwas
wie eine bewußte Volksführung übertragen worden,
der gerecht zu werden, sie sich in ihrem eigenen Interesse lebhaft
bemüht. (...) Man kann ohne weiteres feststellen, daß
im Rahmen der autoritären Volksführung die Zeitung mit
ihrem Nachrichten- und Aufklärungsdienst bis zu einem gewissen
Grade sogar an die Stelle der alten Parlamente getreten ist ....
Man erkennt daraus die Bedeutung des Zeitungs- und Nachrichtenwesens
auch für die deutsche Wirtschaft sowie für alle Bevölkerungskreise,
die, wollen sie sich nicht selbst aus dem Tagesablauf ausschalten,
Zeitungsleser oder zum mindesten Rundfunkhörer sein müssen.
So wie die Staatsführung im Großen gesehen durch die
Presse die Verbindung mit dem Volke immer wieder sucht und findet,
wird auch die I.G. über ihre Presseabteilung laufend mit aller
Öffentlichkeit in Verbindung gehalten. Ohne in den Fehler der
Statistik zu verfallen, möchte die Presseabteilung aus dem
sehr starken Anwachsen ihres schriftlichen und mündlichen Verkehrs
mit den Zeitungen ableiten dürfen, daß sie sich in diese
sehr wichtige Phase der Entwicklung wirkungsvoll eingeschaltet hat.
Die Presseabteilung hält es für ihre erste organisatorische
Pflicht, ... über alle Phasen dieser Entwicklung orientiert
zu sein. Sie will auf jede auftauchende Frage sich selbst und sonstigen
Interessenten unserer Firma Auskunft geben können. Diese Arbeit
gehört zu jenen unsichtbaren täglichen Leistungen, die
von der Presseabteilung laufend vollbracht werden müssen, um
dann schlagfertig zu sein, wenn es nötig ist. Die Abberufung
in den Militärdienst des Herrn Dr. Oeckl hat auf diesem Gebiet
eine Lücke geschaffen, die nur durch zusätzliche Arbeit
der anderen Kameraden ausgefüllt werden kann.“
Im März 1938 wechselte Oeckl zur Direktionsabteilung
der IG Farben, in deren Auftrag er bereits während der Olympiade
1936 Besucher betreut hatte. Die Direktionsabteilung war die eigentliche
PR-Abteilung des Konzerns; hier liefen die Fäden der externen
und internen Kommunikation zusammen. Geleitet wurde die Direktionsabteilung
von Ulrich Kersten und Felix Prentzel, die die Arbeit von zwei ihnen
unterstellten Referaten überwachten. Referat I unter Fritz
Rüdiger sorgte in erster Linie dafür, daß Vorstand
und Direktoren über alle für sie wesentlichen Geschäftsvorgänge
informiert wurden; hier war auch die Codestelle untergebracht, in
der die chiffrierten Telegramme der IG-Verbindungsmänner entschlüsselt
wurden. Im Referat II unter Ernst Hackemann pflegte man vor allem
die Beziehungen zu Persönlichkeiten, die für die IG Farben
von Interesse waren; alle Spenden des Konzerns an NSDAP-Gliederungen,
staatliche und halbstaatliche Organisationen erfolgten erst nach
Rücksprache mit Referat II. Die Trennung zwischen externer
und interner Kommunikation wurde jedoch nicht strikt durchgehalten;
Referat I betrieb mit der Herausgabe des Geschäftsberichts
klassische Öffentlichkeitsarbeit, und Referat II versandte
interne Rundschreiben. Oeckl verkörpert gleichsam die Überschneidung
von Kompetenz- und Zuständigkeitsbereichen; er arbeitete für
beide Referate.
Zu Beginn seiner Tätigkeit für die Direktionsabteilung
organisierte Oeckl im Auftrag von Referat II etliche Werkbesuche,
bei denen die IG Farben relevanten Persönlichkeiten die Möglichkeit
offerierte, ihre technischen und sozialen Errungenschaften zu bewundern.
Oeckl bemühte sich in diesem Zusammenhang unter anderem um
den Vertreter des Werberats der Deutschen Wirtschaft und Wirtschaftsberater
der NSDAP/AO für Uruguay, Klein, sowie drei persönliche
Gäste des Reichsjugendführers Baldur von Schirach aus
den USA. Bei der Durchführung von Werksbesuchen wurde immer
gemäß eines Schemas vorgegangen: Nachdem Besuchswünsche
an die Direktionsabteilung herangetragen bzw. Besucher durch die
Geschäftsleitung avisiert worden waren, wurde beim Reichswirtschaftsministerium
und beim Propagandaministerium (im Falle ausländischer Besucher
auch beim Auswärtigen Amt) nachgefragt, ob prinzipielle Einwände
gegen den Besuch eines bestimmten Werkes beständen. Über
die Vermittlungsstelle W wurde man bei der Wehrmacht und dem Reichsluftfahrtministerium
vorstellig. Gegebenenfalls nahm man Änderungen des Besuchsplans
vor. Im nächsten Schritt wurde dann der Besuch mit der jeweiligen
Werksleitung in allen Einzelheiten - von den Transportmodalitäten
bis zum Blumen- oder Flaggenschmuck beim Mittagstisch - abgestimmt.
Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt Oeckls in seinem ersten
Jahr bei der Direktionsabteilung war die Organisation der Kieler
Woche. Das Segelsportereignis in der Kieler Förde (18. bis
26.6.1938) wurde von der IG Farben dazu genutzt, „... um in
einem privaten Rahmen mit führenden Wirtschaftlern aus den
nord- und westeuropäischen Ländern in Gedankenaustausch
über die wichtigen Probleme der Außenwirtschaft zu treten
und dabei vor allem ein besseres Verständnis für die deutschen
Wirtschaftsmaßnahmen zu wecken.“ Das Vorhaben stieß
sowohl bei staatlichen Stellen als auch bei Konzernen auf ungeteilte
Zustimmung. An der Vorbereitung der Kieler Woche beteiligten sich
Gustav Schlotterer vom Reichswirtschaftsministerium, Reichsbankpräsident
Hjalmar Schacht, Helmuth Wohlthat aus Görings Vierjahresplan-Behörde
und Ernst von Weizsäcker (Auswärtiges Amt) sowie Vertreter
von Handel und Schiffahrt, Kali-Syndikat, Siemens, Stahlverein und
Dresdner Bank (Carl Lüer). Schirmherr der Veranstaltung war
Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, Präsident des Deutschen
Ausland-Clubs, der die ausländischen Gäste auf Görings
Hamburger Staatsyacht empfing.
Oeckl bereitete für einen Teil der französischen
Gästegruppe einen Besuch der Filmfabrik Wolfen vor und organisierte
die Reise des ehemaligen rumänischen Ministers und Direktors
der Handelsakademie Bukarest, Dr. Ion Raducanu. Während der
Großveranstaltung selbst fungierte Oeckl als „Verbindungsmann
zu Kiel“. Er berichtete detailliert über den letzten
Stand der begleitenden Vorbereitungen (Druck der Veranstaltungsprogramme,
Einladungskarten und Tischordnungen) und die Ankunftszeiten der
Gäste. Er forderte Informationen an bezüglich der Unterbringung
des IG-Vorstandsmitglieds Georg v. Schnitzler und einzelner Gäste,
um diese seinerseits informieren zu können, und leitete Nachrichten
an in Kiel weilende IG-Manager (Jost Terhaar u.a.) weiter.
Zur Kieler Woche kamen jedoch nicht nur Gäste
aus den nord- und westeuropäischen Staaten, sondern auch Besucher
aus Osteuropa. Einer von ihnen, der rumänische Industrielle
und Großgrundbesitzer Ion Manoilescu-Strunga, wurde in der
Folgezeit von Oeckl regelrecht hofiert. Manoilescu-Strunga entwickelte
sich zu einer sprudelnden Informationsquelle für die IG Farben;
durch ihn war man in der Berliner Konzernzentrale immer über
aktuelle politische und ökonomische Entwicklungen in Rumänien
informiert. Gleichzeitig konnte man die von Manoilescu-Strunga herausgegebene
Wirtschaftszeitung „Excelsior“ zur Selbstdarstellung
nutzen. Bei seinen von Oeckl vermittelten Kontakten zum IG-Konzern
verfolgte Manoilescu-Strunga natürlich auch seine eigenen Interessen.
Als Inhaber der Oficiul Tehnic Roman S.A., die Maschinen und technische
Geräte nach Rumänien importierte, wollte er durch die
Lieferung von Anlagen der IG Farben an das rumänische Unternehmen
Nitrogen kräftig verdienen. In Deutschland zeigte man sich
jedoch, was den gewünschten Technologietransfer anging, sehr
zurückhaltend; am 11. Juli 1939 informierte Oeckl den IG-Direktor
Kurt Krüger darüber, daß der Generaldirektor der
Nitrogen, Miclescu, „... lieber ein 'Nein', als auf längere
Sicht gar keinen Bescheid (erhalte)“.
Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September
1939 erhielt die IG Farben nach der Übernahme österreichischer
und tschechischer Chemiebetriebe die Möglichkeit zu weiteren
Raubzügen; Oeckl brachte der Zweite Weltkrieg einen zweiten
Dienstherrn und die Ausweitung seines Kompetenzbereichs: Er arbeitete
fortan sowohl für den faschistischen Auslandsgeheimdienst,
das Amt Ausland/Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht, als auch
für die Direktionsabteilung.
Ende Oktober 1939 war Oeckl als letzter leitender
Angestellter in der mittlerweile von IG-Justitiar Hanns Gierlichs
beaufsichtigten Direktionsabteilung tätig; seine alten Kollegen
waren beim Militär oder arbeiteten wie Felix Prentzel an der
Übernahme der erbeuteten polnischen Farbenfabriken durch den
IG-Konzern. In dieser Situation konnte es schon einmal vorkommen,
daß Oeckl die IG Farben bei hochkarätigen Konferenzen
vertreten mußte. So geschehen am 7. November 1939: Als Vertreter
der IG Farben beteiligte er sich an einer Besprechung des Technisch-Wirtschaftlichen
Beratungsdienstes (TWB) beim Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit.
Der TWB hatte staatliche Stellen und diejenigen Konzerne, die zuvor
für ihn gespendet hatten, an einen Tisch gebeten. Mit dabei:
Vertreter von Siemens, AEG und Demag AG sowie - von staatlicher
Seite - der Vorsitzende des Ausschusses für die Übersetzung
deutscher Normen und Lieferbedingungen (AFÜ), Rusch, und der
Leiter der NSDAP/AO, Ernst Wilhelm Bohle. Ziel des TWB war der Aufbau
eines Agentennetzes in den skandinavischen und südosteuropäischen
Staaten, wobei die Förderung deutscher Exporte in diese Länder
im Vordergrund stand. „Funktion dieser hauptamtlichen Mitarbeiter
wäre es, als technischer Verbindungsmann zur Wirtschaft des
betreffenden Landes zu wirken, als Vertreter des AFÜ Einfluß
auf die Normengestaltung des dortigen Normenausschusses zu gewinnen,
(die sich bei der Vergebung von Bestellungen dann automatisch zu
Gunsten Deutschlands auswirken würde), ferner evtl. Einladungen
deutscher Firmen als neutrale Stelle zu übermitteln und hierfür
geeignete Industrieführer auszuwählen; außerdem
Vorschläge geeigneter Stipendiaten an den TWB zu machen und
schließlich als Verbindungsmann zwischen der deutschen diplomatischen
Vertretung, der dortigen deutschen Handelskammer und evtl. sonst
dort vertretenen Organisationen und Stellen in allen technischen
und wirtschaftlichen Fragen zu wirken“, schrieb Oeckl in seinem
Konferenzbericht. Die IG Farben sei in dem genannten Zusammenhang
für Rumänien zuständig, da sie dort „... große
Geschäfte mache und über hervorragende Verbindungen verfüge
...“.
Worin Oeckls Geheimdiensttätigkeit während
des Jahres 1939 genau bestand, konnte bisher nicht geklärt
werden; augenscheinlich vertrug sie sich jedoch gut mit den Aufgaben,
die ihm die IG Farben anvertraute. Bei näherem Hinsehen scheint
beides ohnehin nicht sehr weit auseinander zu liegen, denn auch
der IG-Konzern gab ihm geheimdienstliche Aufträge: Am 1. Dezember
brach Oeckl zu einer Reise nach Genua auf, wo er zwei Tage später
mit dem IG-Verbindungsmann Pickhardt zusammentraf. Er übergab
ihm 30 Schriftstücke und andere Materialien, die dieser an
Adressaten in den USA weiterleiten sollte. Darunter befanden sich
Briefe an Carl B. Peters von der Advance Solvents & Chemical
Co. und an die Agfa Ansco Co., beides US-Filialen der IG Farben.
Weitere Schreiben gingen an Firmen, mit denen die IG enge Geschäftsbeziehungen
pflegte, wie die Standard Oil of New Jersey, die National City Bank
of New York und die Sterling Products Inc. (William E. Weiss). Briefe
erhielten auch die Winthrop Chemical Co., an der die IG zu 50 Prozent
beteiligt war, die Spionagezentrale der IG in den USA, Chemnyco
Inc., und der Sohn des ehemaligen IG-Aufsichtsratsvorsitzenden Carl
Duisberg, Walter Duisberg, der sich Anfang 1940 an der Tarnung des
IG-Auslandsvermögens in Lateinamerika beteiligte und dem in
seiner Eigenschaft als amerikanischem Staatsbürger etwa 200
Patente der IG in den USA übertragen wurden, um der Beschlagnahmung
durch die amerikanischen Behörden zu entgehen.
Kurz nach seiner Rückkehr aus Genua wurde Oeckl
zu einer „Baulehrkompanie in Brandenburg/Havel mit Abkommandierung
zum OKW“ eingezogen. Bei dieser „Baulehrkompanie“
handelte es sich um die auf Sabotage- und Zersetzungstätigkeiten
spezialisierte Sonderformation „zur besonderen Verwendung
800“, die der Abteilung II der Abwehr unterstellt war. In
den Jahren 1940 und 1941 führte Oeckl als Sonderführer
bzw. Feldwebel zwei „Sonderaufträge“ für diese
Abteilung im besetzten Frankreich durch. Mit welchen geheimdienstlichen
Aufgaben er hierbei im einzelnen betraut war, ließ sich bisher
nicht eruieren; es entbehrt jedoch nicht einer gewissen Ironie,
daß Oeckl, der bei der Auflistung seiner Orden und Auszeichnungen
nie das ihm 1979 von der Deutschen Verkehrswacht verliehene Goldene
Lorbeerblatt für 50 Jahre unfallfreies Fahren vergißt,
bei einem seiner Auslandseinsätze mehrere schwere Autounfälle
hatte.
Sofern Oeckl, über den die Abwehr in direktem
Kontakt zu Ilgner stand, sich in Berlin aufhielt und dienstfrei
hatte, arbeitete er weiter für die IG Farben. Meist bestand
seine Aufgabe darin, Auszüge aus den Sitzungsprotokollen zentraler
IG-Gremien anzufertigen und diese an die Führungsspitze der
Berliner Zentrale weiterzuleiten. Der folgende Protokollauszug zeigt,
daß Oeckl Mitwisser der von der IG Farben betriebenen Ausbeutungs-
und Vernichtungspolitik war: „Dr. Ambros gibt Aufschluß
über die voraussichtliche Fertigstellung der einzelnen Produktionsstufen
in den Buna-Werken Schkopau und Hüls und berichtet über
die vom Reich geforderte Errichtung eines dritten Buna-Werkes in
Ludwigshafen und eines weiteren Werkes im Osten.“ Das für
seine Verdienste um die faschistische Kriegsproduktion von Hitler
mit dem Ritterkreuz ausgezeichnete Vorstandsmitglied Otto Ambros
war bei der IG Farben für die Produktion von Giftgas und die
Rekrutierung von Zwangsarbeitern zuständig. Er leitete den
Aufbau des IG-eigenen KZ-Außenlagers Auschwitz-Monowitz, das
hier als noch zu errichtendes „Werk im Osten“ bezeichnet
wird.
Im Sommer 1941 endete Oeckls Karriere bei der IG Farben;
er wechselte zum Reichsamt für Wirtschaftsausbau. Sein guter
Draht zur chemischen Industrie, der ihm nach 1945 den Aufstieg zum
bundesdeutschen PR-Papst ermöglichte, riß dadurch jedoch
nicht ab: Chef des Reichsamtes war der IG-Aufsichtsratsvorsitzende
Carl Krauch, gleichzeitig Görings Bevollmächtigter für
Sonderfragen der chemischen Erzeugung innerhalb des Vierjahresplans
und damit Kopf der chemischen Kriegsproduktion. Oft wurde zwischen
den - auch über das Personal - eng miteinander verflochtenen
Organisationen des Generalbevollmächtigten und des Reichsamtes
gar kein Unterschied mehr gemacht; man sprach schlicht vom „Amt
Krauch“. Welchen Tätigkeiten Oeckl hier im einzelnen
nachging, bleibt genau wie die Aufklärung über seine Karriere
als Wehrmacht-Spion weiteren Untersuchungen vorbehalten.
Franz Ronneberger
Ähnlich wie sein Pendant Albert Oeckl mußte
sich auch der junge Franz Karl Konrad Ronneberger um seine schulische
Ausbildung keine Sorgen machen; er entstammte einem gutbürgerlichen
Elternhaus. Sein 1915 an der Ostfront gefallener Vater hatte eine
Fabrik im thüringischen Auma besessen, nach Kriegsende heiratete
seine Mutter den Steuerobersekretär Robert Press.
Gleich nach seinem mit „sehr gut“ bestandenen
Abitur im Jahre 1932 verließ der Neunzehnjährige seine
Heimat, um als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes
in Kiel Jura zu studieren. Die Aktionen des aggressiv auftretenden
NSD-Studentenbundes unter Leitung von Paul Karl Schmidt begeisterten
Ronneberger und brachten ihn dazu, sich der braunen Truppe anzuschließen;
sein politisches Engagement während der sog. Kampfzeit wurde
nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten mit dem
Silbernen Ehrenzeichen der faschistischen Studentenorganisation
belohnt.
Neben juristischen Fragen begann Ronneberger, sich
zunehmend für „Volkstumspolitik“, d.h. für
die politische Durchsetzung einer antisemitisch-rassistisch begründeten
Staats- und Staatenordnung in einem Europa unter deutscher Führung,
zu interessieren. Bezog sich dieses Interesse zu Anfang seines Studiums
noch auf die Revision der schleswig-holsteinischen Nordgrenze, so
glaubte er, nachdem er einige NS-Schulungen absolviert hatte, „...
zu erkennen, daß in der Zusammenarbeit Deutschlands mit den
Ost- und Südostländern eine große Zukunftsmöglichkeit
liege.“
Dieser Einsicht folgend verlegte Ronneberger 1934
den Ort seines wissenschaftlichen und politischen Wirkens nach München,
wo 1930 unter Federführung der bayerischen Landesregierung
und des Reichsinnenministeriums das Südost-Institut (SOI) „zur
Erforschung der Grundlagen des Volkstums und der Kultur im südlichen
und südöstlichen Teil des deutschen Sprachgebiets“
gegründet worden war. Er avancierte zum Leiter des Münchner
Außenamtes der Gaustudentenführung und wurde mit der
„Zusammenfassung und Lenkung des gesamten politischen und
wissenschaftlichen Einsatzes der deutschen Studentenschaft in Südosteuropa“
betraut.
1935, nachdem Ronneberger sein erstes juristisches
Staatsexamen absolviert hatte, konnte er sich ganz seinen „volkstumspolitischen“
Forschungen widmen; er begann, für das SOI zu arbeiten, wo
er in Fritz Valjavec einen völkischen Mitstreiter fand. Ein
Jahr später wurde Ronneberger mit seiner Arbeit „Die
ordnende Kraft der völkischen Idee im Donauraum“ zum
Gausieger des 1. Reichsberufswettkampfes der Studenten gekürt.
Am 11. Mai 1938 nahm Ronneberger eine weitere Hürde
auf dem Weg zur Anerkennung als Südosteuropa-Experte; vor dem
Promotionsausschuß der Universität München verteidigte
er erfolgreich seine Dissertation „Südosteuropa im politischen
Ordnungsbild Bismarcks“, die drei Jahre später unter
dem Titel „Bismarck und Südosteuropa“, mit einem
lobenden Vorwort Valjavecs versehen, erscheinen sollte. Als überzeugter
Nazi - Ronneberger war mittlerweile auch der SA und der NSDAP beigetreten
- bemühte er sich, die Außenpolitik des Blut-und-Eisen-Kanzlers
als Vorwegnahme völkischer Großraumpolitik darzustellen:
„(Bismarcks) Politik trug einen ausgesprochenen Kampfcharakter
- sie war Machtpolitik im eigentlichen Sinn. (...) Immer war es
die Sicherheit des Lebensraumes des deutschen Volkes, die im Vordergrund
der Politik stand.“ Damals wie heute habe sich Deutschland
finsteren Feinden gegenübergesehen, die es vernichten wollten.
Dies habe Bismarck klar erkannt und mit folgenden Worten zum Ausdruck
gebracht: „Wir wollen nicht das Polentum ausrotten, sondern
wir wollen das Deutschtum davor schützen, seinerseits ausgerottet
zu werden.“ Ebenso klar habe Bismarck die naturgegebene Notwendigkeit
einer Vormachtstellung Deutschlands im südosteuropäischen
Raum gesehen, weil „... dem Slawentum eine eigene staatsbildende
Kraft mangele, (so) daß erst die Verschmelzung mit dem
Germanentum eine fruchtbare Gestaltung ermögliche.“
Im gleichen Jahr wurde Ronneberger zum Leiter der
Deutschen Akademischen Auslandsstelle in München ernannt. Seine
Aufgabe bestand in der Betreuung ausländischer Studenten, wozu
auch die Propaganda für die „Errungenschaften“
des NS-Regimes zählte: „Ich habe ... die Gelegenheit
gehabt, mit einer ausländischen Studentengruppe das KZ Dachau
zu besuchen. Dort sahen wir lediglich sogenannte Arbeitsverweigerer
und sogenannte Gewohnheitsverbrecher. Es wurde uns versichert, daß
keine politischen Häftlinge im Lager seien. Ich hatte keinen
Anlaß, an diesen Angaben zu zweifeln. Die Unterbringung der
Häftlinge, die hygienischen Verhältnisse und die Arbeitsbedingungen
der Häftlinge überzeugten die ausländischen Studenten
und mich, daß die Verhältnisse in diesem KZ den humanitären
Grundsätzen nicht widersprachen.“
Das Jahr 1938 markiert auch den Beginn von Ronnebergers
publizistischem Wirken. In der Novemberausgabe der Zeitschrift „Geist
der Zeit“, dem Organ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes,
erschien sein erster Aufsatz über Südosteuropa, in dem
er den rassistischen Volks- und Staatsgedanken der Nazis gegen die
Ideale der französischen Revolution mit dem Argument verteidigt,
daß diese den südosteuropäischen Völkern „wesensfremd“
seien. Bis 1945 sollte er mehr als 80 Artikel diesen Tenors in deutschsprachigen
Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen, darunter die Illustrierte
des SS-Offiziers und Großraumtheoretikers Giselher Wirsing,
„Das 20. Jahrhundert“, die von seinem ehemaligen Kieler
Studentenführer Paul Karl Schmidt herausgegebene Gazette des
Auswärtigen Amtes „Berlin-Rom-Tokio“, die „Zeitschrift
für Politik“ von Franz Alfred Six, der als Leiter der
SS-Einsatzgruppe „Vorkommando Moskau“ in der Sowjetunion
Juden und Zivilisten ermordete, sowie das von anderen SS-Intellektuellen
wie dem Organisator des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) und späteren
Reichskommissar in Dänemark, Werner Best, ins Leben gerufene
Verwaltungsorgan „Reich - Volksordnung - Lebensraum“.
Ab Mitte 1943 war Ronneberger Mitherausgeber des antisemitisch-rassistischen
Wissenschaftsblattes „Volkstum im Südosten“.
Bald wurde man an höherer Stelle auf den umtriebigen
Studentenfunktionär und „Ostforscher“ Ronneberger
aufmerksam. Im März 1939 holte ihn SS-Obergruppenführer
Arthur Seyß-Inquart, Reichsstatthalter für das Deutschland
einverleibte Österreich („Ostmark“), in seinen
persönlichen Stab nach Wien. Ronneberger wurde mit dem „Aufbau
einer Dienststelle zur Erforschung des Pressewesens in Südosteuropa
und der laufenden Presse- und politischen Berichterstattung“
beauftragt.
Nicht zuletzt durch das von ihm in den südosteuropäischen
Ländern geschaffene Agentennetz arbeitete seine „Dienststelle“
so erfolgreich, daß sie 1940 unter der Bezeichnung „Korrespondenzstelle
Wien“ vom Auswärtigen Amt übernommen wurde. Die
hier erstellten Berichte und Presseschauen gingen an etwa 100 regelmäßige
Bezieher, unter ihnen die von Baldur von Schirach geführte
Reichsstatthalterei Wien, zu deren Pressereferenten Günter
Kaufmann Ronneberger sehr gute Kontakte pflegte, das Amt Ausland/Abwehr
und das RSHA. Gleichzeitig führte man eine Personen- und Organisationskartei
und übersetzte auf Anfrage Artikel für die genannten NS-Institutionen.
Bei Bedarf wurden auch dezidierte Analysen zu Themen wie „Wandlung
des Charakters einer Zeitung“ oder „Größe
und Entwicklung einer völkischen Minderheit“ erstellt.
Ebenfalls 1940 erhielt Ronneberger einen Lehrauftrag
im Rahmen der „Südost-Stiftung des Mitteleuropäischen
Wirtschaftstages Berlin zur Heranbildung junger Kaufleute für
Südosteuropa“ an der Hochschule für Welthandel in
Wien. Das Projekt des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages (MWT),
dem Hess, Himmler, Frick, Göring, Funk, Ribbentrop und Neurath
„besondere Förderung“ zugesagt hatten, sollte seine
Teilnehmer befähigen, „... im Wirtschaftsleben Südosteuropas
erfolgreich zu arbeiten und im Rahmen der kommenden europäischen
Großraumwirtschaft zur Festigung und Ausweitung der wechselseitigen
Wirtschaftsbeziehungen entscheidend mitzuwirken.“ Ronneberger
gab fortan meist eine allgemeine „Einführung in die politischen
und sozialen Probleme Südosteuropas“, deren Kernaussagen
er in einer Schulungsbroschüre des NSD-Studentenbundes niederlegte:
„Südosteuropa ist kein Gebiet, das die Voraussetzungen
einer eigenen, in sich geschlossenen Ordnung in sich birgt, sondern
dessen ganze Stärke und Bedeutung in der Ergänzung einer
größeren, durch das deutsche Reich stabilisierten Ordnung
liegt. (...) Infolge der jahrhundertelangen Überfremdung konnte
sich eine arteigene Mittelschicht noch nicht herausbilden. In dieses
Vakuum sind andere Völker vorgestoßen, vor allem das
Judentum. In der politischen Führung macht sich das Fehlen
arteigener Erziehung besonders augenfällig bemerkbar. (...)
Solange die Südoststaaten sich ... in das ihnen fremde machtpolitische
und geistige System der europäischen Westdemokratien einbezogen
und sich gegen die natürlichen Beziehungen zu ihren Großmächte-Nachbarn
verschlossen, konnte eine wahrhaft eigenständige Entwicklung
nicht Platz greifen. (...) In der Ausmerzung dieser Fehlentwicklung
und der ihr verfallenen Menschen liegt eine der wesentlichsten Zukunftsaufgaben
der Südoststaaten, nachdem sich eine natürliche Machtordnung
durchgesetzt hat.“
1941 verstärkte Ronneberger seine Bindungen an
die Nazi-Partei weiter: Als „wissenschaftlicher und diplomatischer
Mitarbeiter“ des Völkischen Beobachters veröffentlichte
Ronneberger Artikel, in denen er die „Ausmerzung des Judentums
aus dem Volkskörper“ forderte, die „Judenaussiedlung“
in der Slowakei bejubelte oder den „Abwehrkampf gegen den
Bolschewismus“ in den faschistischen südosteuropäischen
Staaten feierte. Für die „Parteiamtliche Prüfungskommission
zum Schutze des NS-Schrifttums“ unter Reichsleiter Philipp
Bouhler prüfte Ronneberger Schriften über Südosteuropa
in bezug auf ihre faschistische Ausrichtung, ohne die ein Erscheinen
selbstredend nicht möglich war.
Im gleichen Jahr stieß Ronneberger mit seiner
Pressediensstelle zur Südosteuropa-Gesellschaft (SOEG). Dieser
gemeinnützige Verein unter Schirmherrschaft von Reichswirtschaftsminister
und Reichsbankpräsident Walther Funk, dessen Gliederung sich
wie ein Who is who der Nazi-Nomenklatura liest, war 1940 in Konkurrenz
zum von der Schwer- und Chemieindustrie dominierten Mitteleuropäischen
Wirtschaftstag gegründet worden. Wie beim MWT und dem Südostausschuß
der Reichsgruppe Industrie hatte man sich die ökonomische Durchdringung
der südosteuropäischen Länder zur Aufgabe gemacht.
Die SOEG organisierte die Ausbeutung von kriegswichtigen Rohstoffen
in den befreundeten faschistischen Staaten und den besetzten Gebieten
Griechenlands und Jugoslawiens, unterstützte einzelne Unternehmen
bei ihren „Arisierungsbemühungen“, plante „Arbeitseinsätze“
und lieferte der Wehrmachtsführung besonders präzise Landkarten.
Kurz vor ihrer Auflösung gegen Kriegsende half die SOEG faschistischen
Politikern aus südosteuropäischen Staaten beim Untertauchen.
Als Chef des internen Nachrichtendienstes der Gesellschaft verfaßte
Ronneberger die „Vertrauliche(n) Wirtschaftsnachrichten“
(VWN) der SOEG. Er leitete sie nicht nur an die üblichen Zielgruppen,
wie das RSHA, sondern auch an deutsche Unternehmen weiter. Die VWN
waren wahrscheinlich das erfolgreichste Projekt der SOEG; sie trugen
ihr bei Konzernen und Behörden das Image einer hochqualifizierten,
selbstlosen Dienstleistungsagentur ein.
Bald hatte Ronneberger noch mehr Grund, auf sich stolz
zu sein; nach dreijähriger Wartezeit wurde er 1942 in die SS
aufgenommen. Er erhielt sofort den Rang eines Untersturmführers,
was dem eines Leutnants der Wehrmacht entsprach. Spätestens
ab diesem Zeitpunkt arbeitete der „Ostforscher“ neben
all seinen anderen Tätigkeiten auch für die Wiener Dienststelle
des SD im Referat VI (Auslandsaufklärung).
Am 12. Dezember 1941 war im Wiener Palais Schönborn
die Union Nationaler Journalistenverbände (UNJ) gegründet
worden. Den Zweck der Einrichtung erklärte ihr Präsident,
SA-Obergruppenführer Wilhelm Weiß, wie folgt: „Unseren
revolutionären Journalismus trennt eine Welt von dem Ungeist,
der sich in den jüdischen Demokratien der Presse bemächtigt
hat. Der Krieg, in dem wir stehen, ist ein totaler Krieg; er beschränkt
sich nicht nur auf den Kampf der Waffen ..., sondern er wird ebenso
ausgetragen auf den Schlachtfeldern des Geistes und der Ideen. (...)
Wir wollen die Ehre und die Würde des journalistischen Berufs
international zur Geltung bringen und dafür sorgen, daß
der Grundsatz der Sauberkeit und Anständigkeit in der Presse
Allgemeingut einer neuen journalistischen Generation wird.“
Zu dieser „neuen journalistischen Generation“ gehörte
auch Franz Ronneberger, seit der Gründung einer der wissenschaftlichen
Leiter des „Institut(s) zur Erforschung und Förderung
des internationalen Pressewesens“, das der UNJ angegliedert
war.
Sein Aufsatz „Der Anteil der Presse an der Vorbereitung
des Belgrader Putsches 1941“, den er den Teilnehmern eines
Kongresses im Juni 1943 übergab, wurde von Seiten des Präsidiums
ganz besonders gelobt: „Die Verantwortungslosigkeit der einerseits
plutokratisch und andererseits kommunistisch beeinflußten
Presse gegenüber dem eigenen Volke und damit gegenüber
Europa, eine Verantwortungslosigkeit, die gemeinhin von ihr selbst
als „Pressefreiheit“ bezeichnet wird, ist in der Ausarbeitung
Dr. Ronnebergers ... in tief beeidruckender Weise nachgewiesen worden.“
Ronneberger war zu der wissenschaftlich begründeten Auffassung
gelangt, daß die Jugoslawen, die sich - selbstverständlich
auch publizistisch - der Umarmung durch Hitler-Deutschland und den
Kriegsplänen der Nazis widersetzt hatten, selbst dafür
verantwortlich waren, daß ihre Hauptstadt und mit ihr 17.000
Menschen Anfang April 1941 ohne Vorwarnung von deutschen Fliegerbomben
vernichtet worden waren.
Einer, der sich wie Ronneberger den „Grundsatz
der Sauberkeit und Anständigkeit in der Presse“ zu eigen
gemacht hatte, war sein ehemaliger Kieler Studentenbundführer
und Chef beim Auswärtigen Amt, SS-Obergruppenführer Paul
Karl Schmidt. Der Gesandte I. Klasse und Leiter der Presse- und
Nachrichtenabteilung des AA wurde am 6. Februar 1943 ins Präsidium
der UNJ berufen. Nicht ganz vier Monate zuvor, am 15. Oktober 1942,
hatte Schmidt, der in der BRD unter dem Namen Paul Carell firmieren
sollte, auf einer Pressekonferenz des AA unbotmäßigen
Journalisten aus der Schweiz mit Mord gedroht.
1944 krönte Ronneberger seine bisherige wissenschaftliche
Karriere mit der Habilitation an der Hochschule für Welthandel;
seine mehr als 700 Schreibmaschinenseiten starken „Staatswissenschaftliche(n)
Betrachtungen über Südosteuropa“ blieben aufgrund
der Kriegsereignisse allerdings unveröffentlicht. Leopold Mayer,
der Führer des NSD-Dozentenbundes an der Wiener Hochschule,
schrieb ihm folgende Sätze ins Stammbuch: „Dr. Ronneberger
hat sich nicht nur als Lehrbeauftragter an der HfWh (Hochschule
für Welthandel - Anm. d. Verf.) ... in jeder Hinsicht ... bewährt,
sondern auch durch sein gesamtes persönliches Auftreten, seine
weltanschauliche Haltung und seine großen Erfahrungen und
Kenntnisse ... seine Eignung zum Hochschuldozenten erwiesen. Ich
füge noch hinzu, daß Dr. Ronneberger sich seit Jahren
als Mitarbeiter des „Völkischen Beobachter“ sowie
namhafter Tageszeitungen der Volksdeutschen im Südostraum einen
weit über die Reichsgrenzen reichenden Namen gemacht hat.“
Einen Namen hatte Ronneberger auch beim RSHA; seit
dem 25. Oktober 1944 als Angehöriger der „Akademischen
Legion beim höheren SS- und Polizeiführer Wien“
vom Volkssturm freigestellt, befahl ihn Ernst Kaltenbrunner am 20.
Januar 1945 in die Terrorzentrale des Dritten Reichs. Als dieser
gegen Kriegsende sein Hauptquartier von Berlin nach Alt-Aussee in
der Steiermark verlegte, ging Ronneberger mit. Am 30. Mai 1945 wurde
er im steiermärkischen St. Lambrecht von Angehörigen der
britischen Streitkräfte verhaftet und später in Sandbostel
interniert.
Die Entnazifizierung Ronnebergers überließ
die britische Besatzungsmacht dem Spruchgericht Stade, wo ab Mai
1947 von seiten der Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt wurde.
Es sollte geklärt werden, ob Ronneberger aus freien Stücken
Mitglied der SS geworden sei und von deren Verbrechen gewußt
habe. Obwohl die Staatsanwaltschaft hierfür stichhaltige Beweise,
unter anderem seinen Antrag auf ein Führungszeugnis zur Aufnahme
in die SS, vorgelegt hatte, glaubte Landesgerichtsdirektor Dr. Grün
Ronnebergers Beteuerungen, wonach er zum SD „notdienstverpflichtet“
worden sei und seinen SS-Rang nur „ehrenhalber“ erhalten
hatte. Folgerichtig wurde Ronneberger am 8. September 1947 freigesprochen:
„Da die Spruchkammer die Überzeugung gewonnen hat, daß
der Angeklagte nicht als offizielles, d.h. ordentliches Mitglied
der Allgemeinen SS anzusehen ist ..., brauchte sich das Urteil mit
den von der SS begangenen verbrecherischen Handlungen und mit der
Kenntnis dieser Dinge seitens des Angeklagten nicht mehr auseinanderzusetzen.“
Die Staatsanwaltschaft, die sich wahrscheinlich nicht
damit abfinden wollte, daß Ronneberger, der 1943 - neben Honoraren
- vom SD, dem Auswärtigen Amt und der Reichsstudentenführung
Gehälter bezogen hatte, nun nicht einmal die Kosten des Verfahrens
tragen sollte, ging in die Revision. Am 17. Juni 1948 verurteilte
ihn derselbe Richter Grün „wegen Zugehörigkeit zur
SS in Kenntnis von deren Verbrechen“ zu einer Geldstrafe von
5.000 Reichsmark, die mit der Internierungszeit als verbüßt
galt. Ronneberger weilte zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem
halben Jahr bei seinen Schwiegereltern in Gelsenkirchen und mußte
- nach eigenen Angaben „völlig mittellos“ - jetzt
doch die Prozeßkosten bezahlen.
Ronneberger sollte jedoch nicht allzu lange an seinen
Schulden bei der Staatskasse tragen; im gleichen Jahr kam er wieder
zu Lohn und Brot. Bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung machte
er sich während der kommenden zehn Jahre einen Namen als Leiter
des Ressorts für Dokumentation, Wissenschaftredakteur und Kommentator.
Die von ihm betreuten Volontäre hatten gegen Ende ihrer Ausbildung
bestimmt eine gute Vorstellung von „sauberem“ und „anständigem“
Journalismus.
In seiner zweiten wissenschaftlichen Karriere, die
danach, gestützt auf den Stifterverband für die Deutsche
Wissenschaft, begann, brachte er es bis zum Leiter des Instituts
für Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität
Erlangen-Nürnberg.
1992 - Ronneberger war bereits 79 Jahre alt - erschien
die gemeinsam mit seinem Schüler Manfred Rühl verfaßte
„Theorie der Public Relations“. PR wird darin die Aufgabe
zugesprochen, die sich Ronneberger gleichsam zur Lebensmaxime erkoren
hatte: dem Gemeinwohl zu dienen. Wie hatte sich der „Ostforscher“
und Journalist noch gleich 1968 in einer Publikation der in München
neugegründeten SOEG mit Blick auf die eigene Biographie geäußert:
„Nicht wenige in der Kultur- und Wirtschaftspolitik tätigen
deutschen Personen ... suchten, wenn auch bisweilen mit einem romantisch
verstellten Blick, bei den Südostvölkern die durch die
Zivilisation in Mitteleuropa verlorengegangenen Kräfte des
Volkstümlichen, Volkshaften, Ursprünglichen, aber sie
waren auch realistisch und nüchtern genug, darüber nicht
die gegenseitigen Vorteile beim Aufbau dauerhafter Wirtschaftsbeziehungen
im Sinne einer deutsch-südosteuropäischen Partnerschaft
und industriellen Initialzündung zur Entstehung gesunder Volkswirtschaften
der Südostländer zu vergessen.“
Ronnebergers positive Einstellung zur eigenen Geschichte
zeigte sich zuletzt 1997 in einem Interview, bei dem Manfred Rühl
die Fragen stellte. Mit „großem Elan“ und „sehr
viel Einsatz“ habe er seine Pressedienststelle in Wien geführt,
weil dies „für einen jungen Mann außerordentlich
anziehend“ war. Daß für den jungen Mann auch der
Nationalsozialismus außerordentlich anziehend war, verschweigt
Ronneberger, wobei ihm Rühl sekundiert: In dessen biographischem
Vorwort zum Interview wird aus Ronnebergers Internierung als SS-Offizier
eine „zweijährige Kriegsgefangenschaft“; Ronneberger
wurde auch nicht etwa in seiner Eigenschaft als Nazi, sondern als
„Reichsdeutscher“ seiner Wiener Dozentur enthoben.
Stand der Untersuchung
Ganz gleich, ob vom Standort Deutschland, von der
Sozialpartnerschaft oder davon gesprochen wird, daß alle an
einem Strang ziehen müßten; es ist doch stets dasselbe
intendiert: die Durchsetzung der Auffassung, „daß Kapital
und Arbeit gemeinsame Aufgaben zu erfüllen haben“, wie
Carl Hundhausen sich ausdrückte. Das Vertrauen, das die PR-Theoretiker
meinen, entpuppt sich vor diesem Hintergrund als Vertrauen in die
bestehende soziale Ordnung. „Public Relations ... hat die
Aufgabe“, stellt Kunczik in einer ausführlichen Untersuchung
fest, „einen Beitrag zur Systemstabilität zu liefern.“
Wer Vertrauen in ein auf ökonomischer Ungleichheit,
Ausbeutung und Umweltzerstörung basierendes System einfordert,
gerät unter Legitimationszwang; die von Kapital und Arbeit
angeblich „gemeinsam“ zu erfüllenden Aufgaben müssen
definiert werden. Als Ausweg bietet sich die Konstruktion eines
wie auch immer gearteten „Gemeinwohls“ an, das sich
auf dem Wege eines von PR vermittelten Interessenausgleichs gleichsam
automatisch ergibt. Was aber, wenn die Realität die Menschen
gerade in Zeiten der Krise daran zweifeln läßt, daß
das Kapital gewillt ist, für das „Gemeinwohl“,
also auch die allgemeine Wohlfahrt, zu sorgen?
Es bieten sich zwei Möglichkeiten: Diejenigen,
die klassenkämpferischen Ideen huldigen oder anderweitig zu
der Ansicht gelangt sind, daß sie ihre Interessen nur gegen
die Kapitalbesitzer durchsetzen können, werden mit der Etikettierung
„extremistisch“ aus dem Prozeß öffentlicher
Meinungsbildung herausgedrängt - die kapitalistische Verfaßtheit
der Massenmedien macht ‘s möglich. Den anderen wird durch
den Hinweis auf ihre vermeintlich höherwertige Abstammung oder
ihre Zugehörigkeit zu einer einflußreichen und mächtigen
Nation eine Möglichkeit zur Identifikation mit der bestehenden
sozialen Ordnung geboten.
Damit die rassistische Botschaft auch im Bewußtsein
der Adressaten ankommt, muß sie von entsprechenden politischen
Maßnahmen begleitet werden. Die faktische Abschaffung des
Grundrechts auf Asyl und die mittlerweile fast vollkommene Entrechtung
in Deutschland lebender Flüchtlinge sprechen eine ebenso deutliche
Sprache wie Ronnebergers ausländerpolitische Thesen, wonach
Arbeitsimmigranten als „Fremdarbeiter“ zu betrachten
sind, die bei Bedarf angeworben oder abgeschoben werden können.
„Public Relations“ offenbart sich als
Zwittergestalt: Zum einen ist darunter ein Bündel gezielter
Kommunikationsmaßnahmen zu verstehen, mit Hilfe dessen eine
korporativistische Sicht auf Staat und Gesellschaft transportiert
werden soll; zum anderen ist PR selbst korporativistische Ideologie.
Den sog. Öffentlichkeitsarbeitern gibt sie das Gefühl,
nicht die egoistischen Interessen eines Konzerns oder einer staatlichen
Agentur zu vertreten, sondern einen Ausgleich gesellschaftlicher
Interessen zu gewährleisten und damit dem „Gemeinwohl“
zu dienen.
Selbstverständlich haben Unternehmen, staatliche
und halbstaatliche Organisationen es schon immer verstanden, die
Öffentlichkeit auf dem Wege der Manipulation für ihre
Ziele und Absichten zu mobilisieren. Das einzig neue an PR ist,
daß diese Kommunikationsdisziplin - im Gegensatz zu Werbung
und Propaganda - ihre Legitimation bereits in sich trägt; ihr
haftet unzweifelhaft das Image objektiver Information an, ohne das
ihre Etablierung an Hochschulen und Universitäten nicht gelungen
wäre. PR wird daher ganz besonders gerne im Rahmen des „Krisenmanagements“
angewandt, also dann, wenn soziale Widersprüche zu explodieren
drohen und durch klassische Beeinflussung der Erfolg des jeweiligen
Projekts nicht mehr zu erreichen ist.
Ihre gesellschaftliche Wirksamkeit aber bezieht PR
nur zu einem Teil aus ihrer Identität als scheinbar objektive
Information; wieder zeigt sich die Zwittergestalt dieser Kommunikationsdisziplin.
Öffentlichkeitsarbeit richtet sich in vielen Fällen nicht
an die sog. breite Öffentlichkeit, sondern an „relevante
Teilöffentlichkeiten“: Journalisten, die als „Multiplikatoren“
der jeweiligen PR-Botschaft gebraucht werden; Kapitalfraktionen,
politische Parteien und staatliche Institutionen, die als Bündnispartner
gewonnen werden sollen; Gewerkschaftsfunktionäre oder Umweltschutzverbände,
deren Zweifel zu zerstreuen sind. Hinter verschlossenen Türen
werden Entscheidungen getroffen, durch persönliche Kontakte,
Mitgliedschaften, finanzielle Zuwendungen und institutionelle Anerkennung
Bindungen verstärkt: Wer mit im Boot sitzt, kann nicht für
negative Schlagzeilen sorgen - so das korporativistische Credo.
Carl Hundhausen, Albert Oeckl und Franz Ronneberger
haben die beschriebene Zwittergestalt der PR erkannt und ihr im
Nachtrag zur eigenen alltäglichen Praxis eine Theorie gegeben.
Daß sich ihre Tätigkeit dabei einmal unter faschistischen,
einmal unter demokratisch-pluralistischen Vorzeichen vollzog, spielte
für sie lediglich eine untergeordnete Rolle; die Grundlage
ihrer Arbeit - die kapitalistische Verfaßtheit der jeweiligen
sozialen Ordnung - war dieselbe geblieben. PR lief im Faschismus
nur störungsfreier ab; ein Zustand, auf den sie auch unter
den Bedingungen der Demokratie westlichen Typs hinwirkten.
Daß Oeckl und Ronneberger während des NS-Faschismus
für verschiedene Geheimdienste arbeiteten, paßt nur scheinbar
nicht ins Bild. Schließlich ist die Gewinnung, Aufbereitung,
Analyse und gezielte Weitergabe oder auch das Verschweigen von Informationen
nicht nur die alltägliche Routine aller nachrichtendienstlich
Tätigen, sondern auch Grundlage erfolgreicher PR-Arbeit.
Die vorgestellten Biographien bieten neben sozialpsychologischen
und ideengeschichtlichen Erklärungsansätzen eine weitere
Möglichkeit zum besseren Verständnis der historischen
Entwicklung von PR in Deutschland; der PR innewohnende Korporativismus
tritt in ihrer deutschen Ausformung besonders deutlich zutage. Selbstverständlich
konnte die Betrachtung der Lebensläufe deutscher „PR-Päpste“
im Rahmen dieser kurzen Untersuchung nur sehr oberflächlich
erfolgen, zudem tauchten im Verlauf, besonders hinsichtlich der
Spionagetätigkeiten, „weiße Flecken“ auf.
In weiterführenden Arbeiten wird daher versucht werden, diesem
Mangel abzuhelfen.
Veröffentlicht in: Medien & Zeit.
Kommunikation in Geschichte und Gegenwart, 14. Jg., Nr. 1, 1999,
S. 4-31.
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