| Dr.
phil. Peer Heinelt
Eva-Maria Lehming, Carl Hundhausen: Sein Leben, sein
Werk, sein Lebenswerk. Public Relations in Deutschland, Deutscher
Universitäts-Verlag, Wiesbaden 1997, 328 S., 12 Abb. (DM 74,-)
Eva-Maria Lehmings Hundhausen-Biographie ist eine
klassische PR-Arbeit - klassisch im doppelten Sinne: Zum einen wegen
ihrer Beschäftigung (von einer Auseinandersetzung kann keine
Rede sein) mit einem „PR-Klassiker“ (S. 141), der sich
in den Jahren 1937 bis 1977 intensiv um die wissenschaftliche und
publizistische Etablierung kommerzieller Öffentlichkeitsarbeit
in deutschen Landen bemühte; zum anderen, weil in ihr jenes
eherne Prinzip bezahlter Öffentlichkeitsarbeit zum Ausdruck
kommt, wonach jedwede PR-Tätigkeit immer und zuallererst im
Sinne des jeweiligen Auftraggebers zu erfolgen hat.
Im vorliegenden Fall handelt es sich bei dem Auftraggeber
um eine Jury der in Nürnberg beheimateten Vereinigung zur Förderung
der Public Relations-Forschung. Sie entscheidet über die Vergabe
des von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung mit 50.000
DM dotierten Hundhausen-Promotionsstipendiums.
Die Zusammensetzung des Gremiums läßt
bereits den Auftrag vermuten: Der für seine in PR-Lehrbüchern
und -Kursen geäußerten deutschnationalen und geschichtsrevisionistischen
Ansichten berüchtigte Dr. Heinz Flieger gehört ebenso
dazu wie der ehemalige SS-Nachrichtenoffizier und Mitarbeiter des
NSDAP-Zentralorgans Völkischer Beobachter,
Prof. em. Dr. Franz Ronneberger, oder der Träger des Großen
Bundesverdienstkreuzes Prof. Dr. Albert Oeckl, der sich bis zur
Niederschlagung des NS-Faschismus um die Öffentlichkeitsarbeit
der IG Farbenindustrie AG verdient gemacht hat.
Was läge für die Kruppstiftung in der Person
des ehemaligen Krupp-Generalbevollmächtigten Berthold Beitz
und die genannten Herren näher, als von ihrer Doktorandin zu
erwarten, daß sie Carl Hundhausen nicht als den Nazi und Kapitalstrategen
porträtiert, der er nun einmal war, sondern als „väterlichen
Freund“ (S. 39) und Meister „aggressiv-unkonventioneller,
innovativer Werbemethoden“ (S. 43)?
Eva-Maria Lehming wird den in sie gesetzten Erwartungen
als Schreiberin einer gesäuberten PR-Historie gerecht, indem
sie Hundhausens faschistische und antisemitische Haltung teils verharmlost
und teils unterschlägt.
Wir erfahren zwar, daß Hundhausen ab Mai 1933
Mitglied der NSDAP war (S. 26) und in seinem 1938 in der Zeitschrift
für Betriebswirtschaft erschienenen Aufsatz Public
Relations „die Verjudung der Vereinigten Staaten“
geißelte (S. 28); zu einer Einschätzung dieser Fakten
läßt sich die Autorin jedoch nicht hinreißen. Ob
Hundhausen nun ein Nazi war oder nicht, sei reine „Spekulation“
(S. 29); fest stehe lediglich, „daß die psychologischen
Mechanismen der Massenbeeinflussung den Werbefachmann Carl Hundhausen
nicht nur in jüngeren Jahren am Nationalsozialismus, sondern
auch an der katholischen Kirche zeitlebens faszinierten“ (S.
30).
Seine eng an die Politik des Gauwirtschaftsberaters
von Berlin und späteren Präsidenten des Werberats der
Deutschen Wirtschaft, Heinrich Hunke, angelehnte Forderung nach
„Schulungslagern“ für Führungskräfte,
„in denen ... eine grundlegende Schulung in der nationalsozialistischen
Staats- und Wirtschaftsauffassung ... erfolgen soll“, wird
von Lehming nicht thematisiert, obwohl ihr der Text bekannt ist,
aus dem die zitierte Äußerung stammt. Er findet sich
in ihrer Hundhausen-Bibliographie (S. 279).
Aus Hundhausens glühenden Bekenntnissen zu Adolf
Hitler, die er unter anderem bei seinen betriebswirtschaftlichen
Vorlesungen an der Universität Frankfurt/Main vorbrachte, wird
die „Berufung auf die Autorität der höchsten Appellationsinstanz
jener Zeit“ (S. 35). Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.
Wie gut die Autorin das Spiel mit Halbwahrheiten,
Verklärungen und Verdrehungen beherrscht, zeigt auch folgendes
Beispiel:
1942 legte Hundhausen, der hauptberuflich als Prokurist
der Süßwaren produzierenden Hillers-Werke in Solingen
tätig war, ein Memorandum unter dem Titel Zucker
statt Fett vor. In dieser von Herbert Backe, SS-Obergruppenführer
und Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, inspirierten
Schrift forderte Hundhausen die Ausplünderung der Zuckerreserven
des Ostens und deren Einsatz als „Soldatenkost“. Ganz
im Sinne von Public Relations, worunter er die Pflege öffentlicher
Beziehungen und die Werbung um Vertrauen für sein Unternehmen
verstand, zeigte Hundhausen den Gebrüdern Hillers Möglichkeiten
zur Absatz- und Umsatzsteigerung auf und empfahl sich dem NS-Regime
als ein Ökonom, der kriegswirtschaftlich zu denken verstand.
Von alldem ist bei Eva-Maria Lehming nichts zu lesen;
wir erfahren lediglich, daß Hundhausen sich mit seiner „ersten
empirisch fundierten Absatzstrategie“ (S. 36) in den „gesamtgesellschaftlichen
Kontext des Jahres 1942“ einordnet (S. 37). Ein „Kontext“,
den sie geflissentlich aus ihrer Arbeit heraushält, um das
Ansehen ihres Klassikers nicht zu schmälern.
Nachdem Lehming einmal damit begonnen hat, das Image
des deutschen PR-Pioniers posthum aufzupolieren, rückt sie
ihn in einem nächsten Schritt in die Nähe des antifaschistischen
Widerstandes.
Hundhausen habe, so die Biographin, seinem ehemaligen
BWL-Professor Eugen Schmalenbach geholfen, „der wegen seiner
jüdischen Frau verfolgt wurde“ (S. 39). Bei näherem
Hinsehen entpuppt sich diese „Hilfe für den bedrängten,
hochverehrten Lehrer“ allerdings als gelegentliche Zusendung
von Süßigkeiten aus den Beständen der Hillers-Werke
(S. 41).
Ohnehin darf bezweifelt werden, daß Schmalenbach
wirklich jene persona non grata war, als die Lehming ihn hinstellt.
Ein Artikel Hundhausens für die Wirtschaftswerbung,
das Verlautbarungsorgan des Werberates der Deutschen Wirtschaft,
aus dem Jahre 1944 beginnt mit folgenden Worten: „Der Nestor
der deutschen Betriebswirtschaftslehre, Eugen Schmalenbach, ...
hat ... dem Problem einer „objektiven“ Werbung die nachstehende
Formulierung gegeben ...“
Vollends zur Fälschung verkommt Lehmings Darstellung
schließlich, wenn sie geschickt suggeriert, die von Hundhausen
herausgegebene Zeitschrift der Hillers-Werke sei dem NS-Regime 1939
als Verschwendung kriegswichtiger Ressourcen erschienen: „
... eine Verordnung der Nationalsozialisten, die auf Papierrationalisierung
[sic!] abzielt ..., (bereitet) landesweit allen Werkzeitschriften
- und damit auch dem Dr. Hillerschen Schwert-Löwen
- ein Ende.“ (S. 161)
Das Gegenteil ist richtig. Werkzeitschriften galten
während des NS-Faschismus bei Konzernen und Behörden nicht
nur als unverzichtbares Mittel zur Gleichschaltung der Belegschaften,
sondern dienten ebenso zu deren Mobilisierung für die Erfordernisse
der Kriegsproduktion. Im Dezember 1943 wußte das Nachrichten-
und Informationsblatt der Union Nationaler Journalistenverbände
folgendes zu berichten: „Während früher nur wenige
Großbetriebe eigene Firmenzeitungen hatten, wuchs die Zahl
dieser vom Presseamt der Deutschen Arbeitsfront ... betreuten Zeitschriften
bis zum Kriegsausbruch auf etwa 500 an und hat während der
ersten Kriegsjahre noch weiter zugenommen. Heute sind 670 Werkzeitungen
mit einer Auflage von vier Millionen Stück vorhanden.“
Wahrscheinlich hat die Biographin ihre Umgangsweise
mit historischen Tatsachen bei Hundhausen selbst abgeguckt. Der
war 1944 (zum zweiten Mal seit 1922) zum Krupp-Konzern gewechselt
und bis in den persönlichen Führungsstab des Generalbevollmächtigten
Berthold Beitz aufgerückt. 1955 forderte er - mit Blick auf
das lädierte Ansehen der Essener Kanonenkönige und Kriegsverbrecher
- in einem internen Papier die „Bereinigung der Schulbücher,
Nachschlagewerke und Lexika von überholten Auffassungen und
falschen Informationen“ (S. 72). Jetzt hat Eva-Maria Lehming
seine Geschichte bereinigt.
In einem Punkt allerdings ist der Autorin unbedingt
zuzustimmen: Wenn sie feststellt, daß bei Hundhausen PR-Praxis
und PR-Theorie immer außerordentlich gut zusammengepaßt
haben. Sie illustriert dies am Beispiel seiner PR-Tätigkeit
im Hause Krupp:
„... die von ihm eingesetzten PR-Instrumente
(erweisen sich) nie als wahlloses Bündel an singulären
Einzelmaßnahmen, sondern (stellen) vielmehr allesamt „in
sich zusammenhängende Public-Relations-Aufgaben“ dar
... mit Blickrichtung auf das übergeordnete Gesamtziel: ...
die Umkehr des kriegsbedingt ramponierten, negativen „Kanonenkönig“-
oder Kriegsverbrecher-Bildes in ein ausschließlich positives
Image .... Um solches zu erreichen, muß Hundhausen nach außen
hin ein geschlossenes Gesamtbild von Krupp in der Öffentlichkeit
vermitteln sowie gleichfalls dafür Sorge tragen, unter den
„Kruppianern“ wieder ein Empfinden von Stolz auf die
eigene Firma und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zur großen
„Krupp-Familie“ zu kultivieren.“ (S. 249)
M.a.W. Hundhausen verficht mit allen ihm zur Verfügung
stehenden Mitteln der Beeinflussung und Manipulation ein korporativistisches
Gesellschaftsmodell; er will zeitlebens eine Gesellschaft, in der,
wie er 1938 in seinem bereits erwähnten Aufsatz Public
Relations schrieb, „Arbeit und Kapital gemeinsame Aufgaben
zu erfüllen haben“ - und seien es die des Krieges.
Eva-Maria Lehming hat mit ihrer Hundhausen-Biographie
eine durch Auslassungen und Verfälschungen charakterisierte
Arbeit vorgelegt, welche die PR innewohnende korporativistische
Ideologie nicht etwa kritisch hinterfragt, sondern als Dreh- und
Angelpunkt jedweder PR-Arbeit anpreist. Eben eine saubere PR-Geschichte.
Veröffentlicht in: 1999. Zeitschrift für
Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, 14. Jg., Nr. 1, 1999,
S. 175ff.
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dieser Ausgabe der Zeitschrift
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